regiert,
Dass eins mit dem andern Kriege führt,
Man dann am besten räsoniert und beweist,
Wenn eins vom andern wird aufgespeist:
Die Ströme sind im Meere verschlungen,
Vom Schicksal wieder der Mensch bezwungen,
Den tapfersten Magen hat die Zeit,
Ihr nimmermehr ein Essen gereut,
Doch wie von der Zeit eine alte Fabel besagt
Macht auf sie das Jüngste Gericht einst Jagd.
Ein' andre Speise gibt's nachher nicht,
Heisst wohl mit Recht das letzte Gericht.'"
Rudolph sang diese tollen Verse mit so lächerlichen Bewegungen, dass sich keiner des Lachens entalten konnte. Als der Pilgrim wieder ernstaft war, sagte er sehr feierlich: "Verzeiht mir, man wird unter euch wie ein Trunkener, wenn ihr mich noch lange begleitet, so wird aus meiner Pilgerschaft gleichsam eine Narrenreise."
Man verzehrte auf der Wiese ein Mittagsmahl, das sie mitgenommen hatten, und Ludovico wurde nicht müde, sich bei Roderigo nach allerhand Neuigkeiten zu erkundigen. Roderigo verschwieg, ob aus einer Art von Scham, oder weil er vor den beiden die Erzählung nicht wiederholen mochte, seine eigne geschichte. Er kam durch einen Zufall auf Lutern und die Reformation zu sprechen.
"Oh, schweig mir davon", rief Ludovico aus, "denn es ist mir ein Verdruss zu hören. Jedweder, der sich für klug hält, nimmt in unsern Tagen die Partei dieses Mannes, der es gewiss gut und redlich meint, der aber doch immer mit seinen Ideen nicht recht weiss, wo er hinaus will."
"Ihr erstaunt mich!" sagte Franz.
"Ihr seid ein Deutscher", fuhr Ludovico fort, "ein Nürnberger, es nimmt mich nicht wunder, wenn Ihr Euch der guten Sache annehmt, wie sie Euch wohl erscheinen muss. Ich glaube auch, dass Luter einen wahrhaft grossen Geist hat, aber ich bin ihm darum doch nicht gewogen. Es ist schlimm, dass die Menschen nichts einreissen können, nicht die Wand eines Hofs, ohne gleich darauf Lust zu kriegen, ein neues Gebäude aufzuführen. Wir haben eingesehn, dass Irren möglich sei, nun irren wir lieber noch jenseits, als in der geraden lieblichen Strasse zu bleiben. Ich sehe schon im voraus die Zeit kommen, die die gegenwärtige Zeit fast notwendig hervorbringen muss, wo ein Mann sich schon für ein Wunder seines Jahrhunderts hält, wenn er eigentlich nichts ist. Ihr fangt an zu untersuchen, wo nichts zu untersuchen ist, ihr tastet die Göttlichkeit unsrer Religion an, die wie ein wunderbares Gedicht vor uns daliegt, und nun einmal keinem andern verständlich ist, als der sie versteht: hier wollt ihr ergrübeln und widerlegen, und könnt mit allem Trachten nicht weiter vorwärts dringen, als es dem Blödsinne auch gelingen würde, da im Gegenteil die höhere Vernunft sich in der Untersuchung wie in Netzen würde gefangen fühlen, und lieber die edle Poesie glauben, als sie den Unmündigen erklären wollen."
"Oh, Martin Luter!" seufzte Franz, "Ihr habt da ein kühnes Wort über ihn gesprochen."
Ludovico sagte: "Es geht eigentlich nicht ihn an, auch will ich die Missbräuche des Zeitalters nicht in Schutz nehmen, gegen die er vornehmlich eifert, aber mich dünkt doch, dass diese ihn zu weit führen, dass er nun zu ängstlich strebt, das Gemeine zu sondern, und darüber das Edelste mit ergreift. Wie es den Menschen geht, seine Nachfolger mögen leicht ihn selber nicht verstehn, und so erzeugt sich statt der Fülle einer göttlichen Religion eine dürre vernünftige Leerheit, die alle Herzen schmachtend zurücklässt, der ewige Strom voll grosser Bilder und kolossaler Lichtgestalten trocknet aus, die dürre gleichgültige Welt bleibt zurück und einzeln, zerstückt, und mit ohnmächtigen Kämpfen muss das wiedererobert werden, was verloren ist, das Reich der Geister ist entflohn, und nur einzelne Engel kehren zurück."
"Du bist ein Prophet geworden", sagte Roderigo, "seht, meine Freunde, er hat die ägyptische Weisheit heimgebracht."
"Wie könnt Ihr nur", sagte der Pilgrim, "so weise und so törichte Dinge in einem Atem sprechen und verrichten? Sollte man Euch diese frommen Gemütsbewegungen zutrauen?" –
Rudolph stand auf und gab dem Ludovico die Hand, und sagte: "Wollt Ihr mein Freund sein, oder mich fürs erste nur um Euch dulden, so will ich Euch begleiten, wohin Ihr auch geht, seid Ihr mein Meister, ich will Euer Schüler werden. Ich opfere Euch jetzt alles auf, Braut und Vater und Geschwister."
"Habt Ihr Geschwister?" fragte Ludovico.
"Zwei Brüder", antwortete Rudolph, "wir lieben uns von Kindesbeinen, aber seitdem ich Euch gesehen habe, fühle ich gar keine sehnsucht mehr, Italien wiederzusehn."
Ludovico sagte: "Wenn ich über irgend etwas in der Welt traurig werden könnte, so wäre es darüber, dass ich nie eine Schwester, einen Bruder gekannt habe. Mir ist das Glück versagt, in die Welt zu treten, und Geschwister anzutreffen, die gleich dem Herzen am nächsten zugehören. Wie wollte ich einen Bruder lieben, wie hätte ich ihm mit voller Freude begegnen, meine Seele in die seinige fest hineinwachsen wollen, wenn er schon meine Kinderspiele geteilt hätte! Aber ich habe mich immer einsam gefunden, mein tolles Glück, mein wunderliches Landschwärmen sind mir nur ein geringer Ersatz für die Bruderliebe, die ich immer gesucht habe. Zürne mir nicht, Roderigo, denn du bist