1798_La_Roche_066_98.txt

Wenn du spatzieren gehen willst, warte auf die Gesellschaft deiner Familie, gehe nicht leichtsinnig aus geringen Ursachen aus dem haus, und lass dich nicht viel auf der Strasse sehen, oder auf Plätzen, wo dein Unglück bereitet werden kann. Erinnere dich, dass das Laster, wie ein vergiftetes Kraut den Tod bringt, wenn man es nur kostet; wenn es aber in die Seele gedrungen ist, so ist es schwer zu vertreiben. Triffst du auf der Strasse einen artigen jungen Mann, zeige ihm keine besondre Aufmerksamkeit, sondern vermeide seinen Anblick und gehe weiter: sagt er dir etwas, horche nicht, folgt er dir, wende deine Augen von ihm; er wird dich mehr lieben und in Frieden gehen lassen. – Tritt nie ohne dringende Ursache in ein fremdes Haus, damit ja niemals etwas Nachteiliges von dir gesagt werden könne; wenn du aber zu einem Verwandten gehst, so zeige dich gegen alle höflich, bleibe aber keinen Augenblick müssig, ergreife sogleich eine Spindel, oder nimm eine andere Beschäftigung vor. Wenn du verheiratet wirst, verehre deinen Gatten, gehorche ihm, und befolge alles was er verlangt. Vermeide ihm zu missfallen, zeige ihm niemals eine üble Laune, sondern alle deine Zärtlichkeit; auch wenn er arm ist, und von deinem Vermögen lebte. Wenn er Dinge von dir fordert, welche dir unangenehm sind, zeige ihm dein Missvergnügen nicht sogleich, sondern richte seine Befehle aus, und mache deine Vorstellung für die Zukunft, auf eine sanfte liebenswürdige Art. Empfange seine Freunde mit achtung, und erweise ihnen alle Höflichkeit: ist dein Mann unbesonnen, so befleissige dich der überlegung in allem was du tust: geht er leichtsinnig mit seinem Vermögen um, so ermahne ihn mit aller Güte und besorge seinen Nutzen auf das beste. Bezahle alle, welche für dich arbeiten, zu rechter Zeit, und hüte dich, dass niemand durch deine Nachlässigkeit schaden leide. – Fasse, meine Tochter, diese Vorschriften in dein Herz: ich bin alt und kenne die Welt; ich bin deine Mutter und liebe dich; wenn du gegen meinen Rat lebst, so ist dein Unglück deine eigne Schuld."

Vandek setzte nun hinzu, dass Frau Wattines sagte: ich will, meine Freundin, von diesen einfachen Ratschlägen nicht erst sagen, dass sie beweisen, dass die Mexicaner civilisirt waren, wie wir Europäer; denn die Lehren des Vaters zu allgemeiner Güte und Höflichkeit, beweisen es, so wie der Unterricht der Mutter zu klugem Betragen bei dem Liebhaber und Ehemann in jede unserer Familien passen würde, – müssen wir meine Freundin nicht sagen: gewiss waren unter den Gemordeten, unter denen in die Goldgruben Gestossenen viele tausende, welche nach den grundsätzen dieses Vaters und dieser Mutter erzogen wurden. Ach was litten diese an Leib und Seele! Was für ein Anblick für Gott, Engel und Heilige, in der Verschiedenheit des Gebrauchs, welchen die Mexicaner von ihrem Golde, und die Europäer von ihren Wissenschaften machten! Wie traurig ist es zu sagen: die aus der heissen Region von Spanien gekommenen Christen, quälten die Amerikaner in Süden durch Feuer zu tod, verachteten ihre moralischen Gefühle, und unterdrückten jede Kenntniss ihres Geistes. Die aus den kältern Gegenden angelandeten Engländer und Holländer jagten sie aus den freundlichen Ebnen in die Wälder zu wilden Tieren, und liessen sie mit vieler Gleichgültigkeit unwissend. – Raynals geschichte der beiden Indien zeigte mir auch Franzosen und Portugiesen eben so ungerecht, eben so grausam. – O, wenn Tränen, welche ich über das Schicksal der guten Indier und Africaner vergoss, etwas zur Erleichterung ihres vielfachen Jammers beitragen konnte, so haben sie gewiss Linderung gefühlt. – Ich betete für sie, in meinen noch glücklichen Tagen, als ich meinem onkel das schöne wichtige Werk vorlesen musste, und mich damals in meiner Seele schämte, dass auch Franzosen ihre Obermacht in Kunst und Geist, so hart und treulos gegen diese guten Kinder der natur gebrauchten.

Ach wie weit war ich in den Jahren 1787 und 1788 entfernt, zu vermuten, dass so bald eine Zeit kommen würde, wo ich das ungerechteste Betragen eines Teils Franzosen gegen Franzosen, und den Martertod meiner nächsten Verwandten beweinen, und froh sein würde, in Amerika's einsamen Gebüschen einer Insel, weit von meinem vaterland zu wohnen, und Gott danken würde, dass die Hütte einer armen Indianerin mich aufnahm, mein und meines Sohnes Leben rettete, welches ich mir in Paris nicht versprechen konnte, da ich zu der nun so sehr verachteten klasse des Adels gehörte. Ach gewiss, meine Freunde! setzte sie hinzu, der Hass verblendet den Geist mehr, als die Liebe niemals getan hat, diese wendet unsere Gefühle und unser Denken nur von der Klugheit und sorge für unser eigenes Wohl ab, der Hass aber entfernt uns von Güte und Gerechtigkeit: L i e b e gibt Stärke zum T r a g e n , H a ss die zum N i e d e r t r e t e n : – L i e b e übersieht alle Fehler, H a ss jede Tugend: – Liebe opfert sich selbst so gerne, Hass sucht Opfer seiner Rache. – Das Herz des guten Menschen muss auch einen Widerwillen gegen die Falschen und Bösen haben, aber er verfolgt sie nicht, er flieht nur ihre Gegenwart, wie Ihr Mann und mein Carl die Europäer flohen.

Finden Sie nicht, meine Freunde! dass Frau Wattines immer in allem einen sehr schönen charakter zeigt