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der Tugend gehörte, sondern mit den Gefühlen des süssen innerlichen Glücks verbunden war. Ach dieses Glück fehlte mir nun ganz; ich fühlte mich nur glücklich durch das geduldige Tragen dieses Mangels, weil er dadurch ein Verdienstopfer wurde. In solchen Stunden empfand ich den stärkenden Einfluss der Religion, stand nach Weinen und Gebet, wenn Wattines beim Fischen war, von meinen Knieen auf, ging mit ausgebreiteten Armen auf den freien Platz vor der Hütte, von welchem ich einen grossen teil des über mir fliessenden himmels sehen konnte, der mir dann, mit innigst empfundener Wahrheit der Wohnsitz meines Gottes war, zu welchem ich einst berufen werden sollte, wenn ich nach dem Willen unsers Urhebers alles Gute getan haben würde, wozu mir mein Schicksal den Fingerzeig gab. Diese Gedanken, welche mich beruhigten, machten mich meine Erziehung und meine Religion segnen; riefen mir aber die schreckliche Handlung des Nationalconvents zurück, welcher dem volk alle Religion genommen hat, so, dass diese armen Geschöpfe keine grosse Triebfeder zum Guten in glücklichen Tagen, keinen heilig wirkenden Trostsrund in Unglück sahen. – Dieses schmerzte mich aus Menschenliebe, selbst in meiner Entfernung von meinem vaterland, wie mich ehemals in dem vollen Genusse meiner glücklichen Tage schmerzte, wenn ich einen Leidenden wusste, dem Nahrung, Kleidung und Arzenei fehlte. –

Vandek setzte hinzu, Frau Wattines erfüllt nach dem Zeugnisse meiner erfahrnen Frau, ihren häuslichen Cirkel mit allen Verdiensten der guten Mutter und Hauswirtin, lässt sich aber gerne in gesellige gespräche ein, von welcher mein Vetter noch eines aufzeichnete, weil es ihm so voll Kenntniss und Herzensgüte schien.

Die zwei Freundinnen redeten einen Nachmittag von ihrem vaterland und seinen Vorzügen und Gewohnheiten; da mussten wohl Vergleiche zwischen Europa und Amerika vorkommen, natürlich beide sich an die traurigen Ursachen erinnern, welche sie an den See Oneida führten. Nehmen Sie aber, was hier in der Seele von Frau Wattines vorging, als sie ganz ernst sagte: wir bewohnen nun diesen teil der Erde, welcher Amerika heisst, wir wissen was Europa in Geist und Künsten ist, wir haben erfahren, was ein teil unserer Landsleute für uns wurden, und gewiss wir klagten oft über unser Schicksal; aber was für ein los traf Nord- und Südamerika durch die hände der Europäer, welche so stolz auf die Namen C h r i s t und Philosophen sind? – Fielen nicht die ursprünglichen Bewohner des südlichen Teils, die mir so lieb gewordenen Kinder und Verehrer der Sonne, in die Gewalt des moralischen Ungeheuers, der Inquisition, welche sie durch Feuer, das von Gott zum Besten aller Geschöpfe gegeben worden, zu den grausamsten

Unterricht eines Mexicaners für

L i t e r a t u r v o n L u t h e r b i s T u c h o l s k y

seinen Sohn.

"Mein Sohn, du kommst von dem leib deiner Mutter, an das Licht der Sonne, wie das Huhn aus dem Ei, und bist jetzt wie diese bestimmt in die Welt zu fliegen. Ich weiss nicht, wie lange mir Gott das Kleinod gönnen will, welches ich in dir besitze; aber ich werde ihn stets bitten, dich zu schützen. Er hat dich erschaffen, du bist sein Eigentum. – Er ist dein Vater und liebt dich mehr, als ich dich nicht lieben kann; wende deine Gedanken nach ihm, bete morgens und Abends zu ihm; verehre das Alter; verachte niemand; sei niemals taub bei den Bitten der Unglücklichen und sage ihnen Worte des Trostes, – Ehre deine Eltern, erweise ihnen Gehorsam und Dienste, und meide das Beispiel böser Söhne, welche wie unvernünftige Tiere handeln, ihre Eltern gering achten, und sich weder bessern noch belehren lassen, und auf ihrem eignen Wege dem Unglücke oder wilden Tieren zum Raube werden. – Spotte nie weder des Alters, noch der Unvollkommenheiten der andern; verachte niemand der fehlt, sondern hüte dich, den Fehler zu begehn, der dir missfällt. Geh nirgend hin, ohne dass du gerufen bist, und menge dich nie in fremde Dinge. – Bemühe dich in deinen Reden und Handlungen deine gute Erziehung zu beweisen. – Lege bei einer Unterredung niemals die Hand auf einen andern. Sprich nie andern, auch wenn es töricht wäre, wenn du nicht verpflichtet bist, ihn zu bessern; musst du dieses, so bedenke was du sagen willst: rede nicht mit Stolz, damit die Ermahnung gut aufgenommen werde. – Spricht jemand mit dir, so höre ihm aufmerksam und in einer anständigen Stellung zu; spiele nicht mit deinen Füssen, und nimm die Ecke deines Mantels nicht in den Mund; spucke nicht zu oft aus und blicke nicht viel hin und her; stehe nicht von deinem Sitze auf, denn alles dieses ist gegen gute Erziehung. – Bei Tische iss nicht begierig, und zeige keinen Widerwillen gegen eine Speise. kommt jemand unerwartet zu deinem Essen, so teile gerne mit ihm was du hast, und wenn du mit jemand sprichst, so starre ihn nicht zu fest an. – Wenn du ausser Haus gehest, so gieb acht, niemand zu stossen, sondern weiche dem entgegen kommenden aus. Gehe nie einem ältern vor, als wenn es nötig ist oder dir befohlen wird. Wenn du mit Alten zu Tische bist, iss und trink nie früher als sie; sondern betrage dich ehrerbietig, damit du ihr Wohlwollen erhalten mögest. Wenn sie dir etwas geben, nimm es mit Dankbarkeit: ist das