? – warum wurde keines von diesen tausend und tausend Schlachtopfern gerettet? sagte Wattines, ach meine Emilie! ich habe einst eine traurige Betrachtung darüber gelesen, welche mir nun ganz in das Gedächtniss zurückkommt, und vielleicht damals durch den Geist meines Schicksals so tief in die Seele geprägt wurde, weil er wusste, dass ich einst diese Beleuchtung des tiefsten, schwärzesten Abgrunds des menschlichen Herzens nötig haben würde. – Der Aufsatz sagte: "wenn der auf seine Vorzüge stolze und mächtige Mensch, aus leidenschaft oder Uebereilung jemand unglücklich macht, oder verurteilt, und es vor Zeugen tat, so würde er selbst bei dem Gefühle, dass er unrecht und grausam handle, fortfahren, würde seinen Verstand verwenden, zu beweisen, dass der arme Unglückliche seine Leiden verdiene, würde immer härter, immer grausamer werden, um die Zeugen glaubend zu machen: dass ein Mann von seinem geist und charakter nicht so handeln würde, wenn es der Verurteilte nicht verdiente," – und so verwandelt Stolz und Rachbegierde selbst das Mitleid der fremden gefühlvollen in Beifall der Grausamkeit. Dieser unseelige Geist der stolzen Eigenliebe verwandelte die Hälfte der sonst so liebenswürdigen Bewohner Frankreichs in gefühllose Tieger. –
Emilie weinte da sanft auf Frau Vandeks Brust gelehnt, und sagte: ach meine Freundin! wie glücklich sind die Verstorbenen! Wattines las mit Eifer in den Heften fort, und traf die Nachricht der Verbindung des spanischen Hoses mit der jetzigen Regierung in Frankreich. Seine erste Bewegung soll unaussprechlichen Schmerz gezeigt haben, wobei er ausrief: Bourbon, gegen Bourbon! O Menschen! nachher aber sagte er mit bitterm Lächeln: aber da war schon lange voraus gegangene Sympatie, und sehr natürlich dass die Spanier den Neufranken alle Grausamkeiten des Fanatismus der Freiheit vergaben, da sie schon so lange an die Unmenschlichkeit des religiösen Fanatismus der Inquisition gewöhnt sind, und der Pariser Convent hat noch einen Vorzug der Redlichkeit, vor der Regierung zu Madrit, denn unsere französischen Oberherren verläugneten zuerst den Glauben an den Gott der Güte und Gerechtigkeit, ehe sie ihre barbarischen Grundsätze ausübten: sie schlossen die Kirchen, verbannten die Lehrer der christlichen Religion, welche Sanftmut und Wohltätigkeit predigten, und erst nachher folgten sie den Eingebungen ihres bösen Geistes. Die Spanier hatten christlichen Gottesdienst, und den Namen Christi, neben der quälenden Inquisition. –
Er ging auch mit ringenden Händen aus der stube des Vandeks; und suchte Milderung seines Jammers in der stillen weiten Einöde eines ausgerotteten Stück Waldes, unweit Vandeks Feldern. – O wie erneute sich hier mein Wunsch, von alle diesem Zeuge gewesen zu sein, alle Ideen bemerkt zu haben, welche sich nach einem 4 Jahre gedauertem Schweigen empor drangen, also den hohen Wert erster Ergiessung seiner wahren Gefühle hatten; denn nun werden meine fragen über seine jetzige Lage und über die Menschen um sie her, nicht mehr so freimütig beantwortet, als die, welche ihr Leben auf der Insel betrafen; denn mit ernenten europäischen Verbindungen ist, zugleich die kluge Besorgniss, dass sie zuviel sagen möchten, in ihre Seele zurück gekommen, und verhindert alle Eröffnung über Denken und Sitten ihrer neuen Freunde. Mir ist es ehrwürdig, dass sie nur in dem ganz inneren ihres Hauses, mit sich, ihren Kindern und hie und da einer Speise ächt französischer Art behalten, und in allem andern, wie Vandek und Scriba leben. – Wattines arbeitet auf dem feld, wie jeder andre Colonist, nur dass bei allem was er vornimmt, mehr Geist, Leichtigkeit und Gewandheit sichtbar ist, wodurch aber auch bei den jungen Leuten, welche nur ein wenig Anlage hatten, ein schöner Wetteifer geweckt wurde, welcher, neben den Einfluss von Vandeks Lehren und Lebensart, diese anwachsende Colonie als äusserst schätzbare Menschen zeigen wird.
Die Predigt, welche Vandek bei vollendeter Ansaat der neuen Felder hielte, war das schönste Stück Beredsamkeit des Herzens, so ich jemals hörte, und wahre Einsegnung der Saamenkörner; ich bin auch überzeugt, kein Colonist verliess die Kirche, ohne Gott um Erfüllung dieses Segens zu bitten. Ich beobachtete den Ausdruck der Physiognomien aller Zuhörer, niemand zeigte eifrigere Wünsche als Wattines, und niemand innigere Gottesfurcht als seine Frau. Nach der Predigt gingen die meisten Zuhörer nach ihren Feldern, um diesen, wie ich behauptete, die Fürbitte ihres gütigen Lehrers zu überbringen. – Vandek, Wattines und Scriba durchwanderten langsam die Strasse längst dem See; ich blieb zurück, und schlich in eine Ecke von Wattines Garten, wo ich alle bemerken konnte, und dachte: wie sonderbar ist das menschliche Schicksal! Wer würde vor zehen Jahren dem Holländer Vandek gesagt haben: jetzt gehst du unter den Schatten der Bäume an des prächtigen Amsterdams Canälen, zwischen Kauffarteischiffen und einer Menge zierlicher Gebäude, welche mit allem erfüllt sind, was Reichtum von dem geist der Kunst, und von den Wundern der natur in allen Weltteilen sammeln konnte; aber 1796 wirst du an den Ufern des noch nie beschifften See's Oneida, zur Seite einiger von rohen Baumstämmen und verflochtenen Baumästen gebauten Hütten, nach deinen frisch bearbeiteten Aeckern eilen, auf welchen die Hoffnung des Wohlstandes deiner Kinder keimen wird. – Wer hätte damals dem schönen glücklichen Wattines und seiner blühenden Braut, die schreckende Aussicht gezeigt, dass sie, statt des reitzenden Wechsels zwischen Lille, Paris und Versailles, dem Schicksale für eine unbewohnte Insel danken würden, wenn ihr guter König und ihre geliebten Verwandten ermordet, alle Grossen verjagt, umher irrend, nichts mehr würden helfen können, Wattines alsdann vier Jahre lang die Erde seiner