1798_La_Roche_066_88.txt

von Europa, über welche weder Philosophen noch Politiker und Teologen sprechen dürfen, deren Europa so viele hat, sie, für welche unsere Könige so viele Ehrenstellen, so viele Belohnungen bereitet hatten: und, zeigten sich nicht in Frankreich, in Paris, tausend und tausend Verwilderte, Rohe, Grausame, Unwissende, wie in irgend einem Stamme der wildesten Nordamerikaner? Sie wissen, setzte Emilie hinzu, dass Wattines die Erinnerung des an dem jungen Grafen Büffon begangenen Mordes nicht ertragen konnte, und dass er voll edlen Schmerzes und Unmuts uns verliess, um sich unter Gottes freiem Himmel wieder zu sammeln; eben so eilend verliess er bei diesem Punkte seiner Betrachtungen, mich und unsere Hütte. Ich sah aus unserer kleinen Fensterscheibe, wie er den Weg durchlief, welchen er sich zum Wasserholen von der Hütte zu dem See, in dem so viele Schuhe hohen Schnee gebahnt hatte. Die Luft war kalt aber heiter, die Bäume mit gefrornem Duft übersilbert, und die Sonne beleuchtete meinen Carl und seinen Weg. Ich betete für ihn, und er kam ziemlich gefasst zurück, lass in der Encyclopädie den Artikel G e s e t z , nahm dann die Lebensbeschreibung unsers grossen Montesquieu, – aber diess erinnerte ihn an das Werk von dem Geist der gesetz, und dass 34 Jahre nach dem tod dieses Mannes a l l e G e s e t z e mit Füssen getreten wurden. Die Seele meines teuren Wattines war düsterer, als der einbrechende Abend, doch konnte er die idee von Montesquieu nicht verlassen, und las in einem Bändchen seiner Briefe, welche ihn endlich zerstreuten. Nun bat ich um das Vorlesen einiger Blätter im Bernardin de St. Pierre, welchen Wattines besonders liebt, und dessen Art die natur zu betrachten, unserer Lage und unsern Gefühlen nah und sympatetisch war, also immer am meisten auf uns wirkte, so wie die natur stets sanfte Wehmut, die Menschengeschichte aber, meist bittre Gefühle in Wattines Seele goss. – So wechselte der gang unserer Tage und Empfindungen mit nötiger Arbeit, mit Besorgung des so schön aufwachsenden Carmils, zwischen ungerufnen Erinnerungen, und mit Nachdenken aufgesuchter Beschäftigung unsers Geistes.

Sie können nicht glauben, meine Freunde! wie diese Unterredung meine ganze Seele mit Teilnahme und Hochachtung erfüllte. Ach, wie oft zitterte ich, bald für das Glück der Zufriedenheit, bald für das Leben dieser ausserordentlichen Menschen, in ihrer eben so ausserordentlichen Lage. Wie gütig wurden sie durch die Vorsehung vor sich selbst gerettet; denn sollte der so viel Schönes erschaffende Entusiasmus der Liebe und des Heldenmuts in Wattines zu Misstrauen, in seiner Frau zu Aengstlichkeit geworden sein, – gütiger Himmel! was für eine Verwandlung, was für Jammer auf ihr Leben! – Ich war froh in diesen Ideen gestört zu werden, denn ich geriet da in einen traurigen Ton.

Nun hatte sich Wattines erinnert, dass er mich auf die Insel führen, und dort etwas von seinem Lieblinge St. Pierre mit mir lesen wolle, ich freute mich sehr, mit ihm allein überzufahren, denn da ich auch rudern und steuern gelernt hatte, so konnte ich ihm vorschlagen, dass wir auf unserer Seefart abwechseln wollten. Ich speiste mit ihnen zu Mittag, welches schon nach englischer Gewohnheit etwas spät ist, und setzten sodann über den See. Wattines schien entzückt, seine geliebte Insel wieder zu sehen, und mich dünkte, dass in seinen Blicken auf das Ufer, auf seine ehemalige Wohnhütte, seine Felder und Obstbäume ein Ausdruck von Liebe und Freude des Wiederdaseins herrschte, welche mich innig rührte. Ich sagte zu ihm: ich verehre Ihre anhänglichkeit an diesen Boden. Er antwortete mit sanfter stimme und ernster Miene:

Wie undankbar wäre mein Herz, wenn ich ihn nicht liebte und segnete, den Boden, der mich aufnahm und beinahe vier Jahre mit Frau und Kinder nährte. – Nun gingen wir stille miteinander gegen die Seite des Belveders, durch einen etwas engen, an dem Ufer hinlaufenden ungleichen Weg. Ich vermutete, dass er mich zu den Gräbern führen wollte, von welchen Emilie mir gesagt, und wovon ich seit dem ersten Besuche auf der Insel ein Bild in dem Gedächtnisse behalten hatte; nämlich zwei schmale Blumenbeete und zwei Moosbänke zu ihrer Seite. Urteilen Sie aber, wie ich staunte, auf einer zwischen zwei Bäumen sich vordrängenden stumpfen Pyramide eine runde, halb von den Zweigen der Pappeln bedeckte kupferne Tafel zu erblicken, welche wie die zwei Blumengräber und das Gebüsche umher, zur Hälfte beleuchtet war. Ich trat wirklich bei der unerwarteten Erscheinung in dem Halbdunkel etwas zurück, besonders da ich bei einem Blicke nach dem See mich der Veranlassung zu diesen Gräbern erinnerte. Wattines stand neben mir und sah vor sich hin, ich drückte seine Hand und sagte:

Hier wollten Sie ruhen? Er antwortete: O, mein Freund! was würde aus mir geworden sein, wenn ich Emilien hier begraben hätte. Er setzte sich dabei, wie unter der Last dieser Vorstellung ermattet, auf die eine Bank nieder, ich wandte mich von ihm ab, und ging zwischen den zwei in Blumenbeete verwandelte Ruhestätten gegen die Pyramide, welche in der Mitte stand, und fand wahrlich in englischer und französischer Sprache folgende Inschrift: Zwei junge treue Gatten, von der klasse des unglücklichen französischen Adels, flüchteten sich, nachdem der Convent von Paris ihre Verwandte ermordet hatte, 1791 im May auf diese unbewohnte Insel, bauten Felder an, bereiteten diese Gräber, und hofften auf Gottes Güte.

Emilie und Carl von