1798_La_Roche_066_83.txt

auf der Insel ganz peinlich wurde, so dass ich sehr vergnügt war, als Frau Wattines sagte:

Ich will Ihnen das immer auflebende und wieder hinschwindende Bild der Hoffnung auf die Ankunft unserer Fischer nicht wieder vorzeichnen, denn sie würden nur die tiefer eingegrabenen Züge eines inneren Jammers sehen, welchen wir uns beide zu verbergen suchten; noch viel weniger kann ich, sagte sie mit holder schöner Verwirrung, von meinem zweiten Ueberschwimmen nach den indischen Hütten erzählen, nur glaube ich sagen zu dürfen, dass mir hier die Pflicht, Mutter zu sein, durch das Schicksal zehnfach erschwert wurde. – Ich kam wieder sehr glücklich auf unsere Insel zurück, aber der tägliche Anblick unserer zwei liebenswerten Kinder, wirkte unendlich auf Wattines und mich: tausendmal sagten wir im letzten Herbste in unsern Herzen, was soll aus ihnen werden, wenn eines von uns ihnen fehlt? Aber am Ende des langen traurigen Winters sagten wir uns traulich und offen, dass, wenn wir im künftigen Jahre noch einen einsamen Frühling durchleben sollten, wir den Sommer mit unsern Kindern auf einem kleinen Floss zu den Oneidas gehen, und durch sie den Weg nach einer europäischen Pflanzung suchen wollten, wo wir wohl jemand treffen würden, der mit Wattines nach unserer Insel zurückreiste, um sich mit uns zum Anbau zu vereinen, oder Mittel treffen würde, unsere kleine Habe wegzubringen, und uns zu einem Güte bei Nachbarn zu helfen, auch den Rat und Nachricht von unserm liebreichen Quäker schaffen würde. – Dieser fest gefasste Entschluss verschönerte die trüten Tage, milderte die Strenge des Winters, und verscheuchte meinen Kummer, wenn ich mir sagte:

Es ist der letzte Winter in dieser Einöde. Meine Kinder werden unter Europäern wohnen, werden Freundschaft, Güte und Kunstfleiss kennen lernen, werden auch arbeiten müssen, aber nicht so mühsam wie ihre Eltern, weil sie durch hundertfaches Handwerkszeug erleichtert, sich alles geschwinder und besser werden verschaffen können, und in Mangel erzogen, nie mit glänzendem Glücke bekannt, werden sie keine schmerzhaften Vergleiche mit dem Vergangnen zu machen finden, also auch diesen teil des Kummers ihrer Eltern nicht zu überwinden und nicht zu tragen haben. Felder umgraben, ansäen, Blumen pflanzen, Fische fangen, könnte sich Carmil schon von seinem guten Vater erinnern, wie er die Schwester von der Mutter tragen, ihn dabei liebkosen und das Essen zubereiten sah. Eine Holzhütte war ihm von Jugend auf bekannt, sie würde auch an einer andern Stelle sein Auge nicht schmerzen, und mein Herz wusste von nun an, dass meine Kinder bessere Nahrung, Kleidung und hülfe haben würden, als ihr Vater und ich. Diese überzeugung machte mich nun die süssen Mutterfreuden ungestört geniessen; denn wie oft wurde das so natürliche Vergnügen, an Blüte der Gestalt und der Fähigkeiten unserer Kinder in den bittersten Schmerz verwandelt, wenn Mutterliebe, Muttersorge mir dabei sagten: zu was blühen sie hier, diese Blumen? was soll aus ihnen werden? war ihnen ihr Vater und ihre Mutter nicht mehr schuldig, als das arme physische Leben? ist es nicht Pflicht, sie so weit zu führen, wie Naturtrieb die jungen Tiere von den Alten führen lässt, bis sie Stärke und Kenntniss haben, sich selbst zu besorgen? O was lag für ein eisernes Gewicht in der Frage: bin ich, ist Wattines sicher, dass wir die lieben Unschuldigen in dieser Einöde so weit führen werden? Wie traurig war es, die auf den Bäumen um unsere Hütte ausgebrüteten Vögel glücklicher zu achten, als meine so liebenswerten Kinder! – Wie oft sagten es unsre Blicke, wenn wir die Alten bemüht sahen, den ersten Flug der nun ganz flück gewordenen Jungen zu leiten, und sie dann ihrem Schicksale in der weiten Luft übergaben; wie oft bemerkte ich, dass die Frage nach dem Glück unserer Kinder Wattines Herz durchdrang, wenn ich ihm Mich dünkte in diesem Augenblick das Wörtchen Eigensinns noch länger einsam leben, aber u n s e r e K i n d e r !"

Wie schön eignet sie hier ihrem mann die Hälfte ihres Nachdenkens für ihre Kinder zu! – Wie verehrungswürdig war sie mir! Sie bemerkte aus einen meiner auf sie gehefteten Blicke, dass ich im Begriff war etwas darüber zu sagen, und wich meiner Lobesergiessung durch den schnell einfallenden Gedanken aus:

Mein Herz wollte aber diesen Entschluss mit einem Festtag feiern, und dieses bei den Urnen, – aber nicht heimlich, weil es meinen Wattines wieder geschmerzt hätte, sondern ich bat ihn um einige Blumen, welche Carmil in seinem Körbchen, Antonette in ihrer Decke zu den Füssen der Denkmähler ihrer Grosseltern, als ein Dankopfer bringen sollten, weil sie ihnen so gute Eltern gebildet hatten. Mein gütevoller Wattines war es sehr zufrieden, und brachte uns den Morgen nachher eine Menge lieblicher Blumen, verliess uns mit zärtlichen Küssen, eilte zu seiner Arbeit, und ich auf meine Wallfart, wo ich mit äussersten, aber süssem Staunen die zwei Aschenkrüge mit Blumengewinden geziert erblickte, welche um den obern teil der Urnen gehängt, die Inschriften zu beiden Seiten umfassten. Ich näherte mich innigst gerührt, und sah noch Tränen meines Carls auf dem Aschenkrug seiner Eltern glänzen. – Die meinigen vermischten sich damit, und da meine Antonette unruhig wurde, ging ich zu der Urne unserer Mütter, liess die Blumen zu ihren Füssen fallen, setzte mich, um mein Mädchen zu stillen, und sagte dann zu Carmil, seine schönen Blümchen bei dem Denkmahle der Väter auszustreuen, und liess ihn die Namen küssen. Was