hinreichend, sagte sie mit dem zärtlichsten Tone: Carl! mein Carl! hole du mich.
Ich umfasste sie, und sagte äusserst gerührt: komm meine Emilie! komm! mit Liebe und Zufriedenheit, zu einem platz, welchen dein Name zu meinem Elysium machte; und so leitete ich sie unter dem schattenden Bogen zu dem Anblicke des Ganzen, woran mein Herz von den ersten Frühlingstagen her gearbeitet hatte. Emilie schien entzückt, ich setzte unsern Carmil auf dem Altar, und stellte den Käsich mit dem abgerichteten Vogel neben ihn, welcher alles, was man ihm darreichte, mit artigem Flattern, aus den Fingern wegpickte. Carmil jauchte laut, seine Mutter fiel auf ihre Knie und sagte, ihre hände an dem Altare erhebend: o G o t t ! S e g n e d e n V a t e r m e i n e s S o h n e s ! ich bog mich zu ihr, um sie aufzuheben, indem ich hinzu setzte: j a E w i g e r ! S e g n e s e i n e M u t t e r u n d i h n ! Emilie stand auf, ich umfasste sie und unserm Carmil an ihrem Altare. Wir küssten und segneten vereint unsern geliebten Erstling, und von dort an war ich immer glücklich, denn nun entstand kein Missverständniss mehr, weil wir beide bei ruhigem Denken gerecht und edel erkannten, dass unser Unglück, unsere Einsamkeit, und der innere in uns nagende Kummer, die angeborne und durch sanfte Erziehung genährte Fühlbarkeit zu reitzbar gemacht habe, und wir uns vorsetzten dagegen zu arbeiten, um nicht das Schmerzbare unsers Schicksals, durch uns selbst zu vergrössern. Emilie machte nicht nur weniger Wallfarten zu den Urnen, sondern besuchte mit Carmil und mir vereint den Blumenhayn, welchen ich immer in möglichster Schönheit zu erhalten suchte. Emilie äusserte einst den tief traurigen Gedanken, wir hätten recht, diesen reitzenden teil unserer Insel Elysium zu nennen, indem wir ja, wie in dem Schattenreiche der Griechen lebten, well uns hier nichts als Erinnerungen umgeben, welche in Wahrheit nichts als Schattenbilder der vorüber gegangenen wirklichen begebenheiten seien.
Ich fasste diesen artigen, aber im grund sehr düstern Gedanken heiter und zärtlich auf, indem ich ihr umarmend sagte: Emilie! jeder Augenblick deines Lebens auf der Insel, widerlegt, was du vorstelltest; denn ausübende Tugend ist gewiss in den Augen des himmels kein Schattenbild, sondern hat ewigen Wert. Diese Antwort kam meiner guten Emilie unerwartet, denn sie schien etwas erstaunt, sagte aber, meine Hand fassend: O, mein Carl! wie viel mehr kann ich dieses von dir, deinen Sorgen und arbeiten für Weib und Kind sagen.
Der Tag war sanft bewölkt, und die Luft ruhig, also auch diese Stunden von der natur selbst zum Nachdenken geschickter, als der hell glänzende Sonnenschein, und ich leitete unsere Betrachtungen ausser uns, da ich den Vergleich zwischen unserm einsamen Leben auf dieser Insel und den mehreren tausend Menschen machte, welche in Bergwerken arbeiten, von denen viele niemals, andre wenige sehr selten an das Tageslicht kommen, also die süssen Gefühle nie kennen lernten, nie genössen, die schönen mit Bäumen, Blumen, Tieren aller Art, mit Früchten, wasser und Kräutern geschmückte Erde zu sehen, welches alles uns so reichlich zu teil wurde. Wir wollen also, teure Emilie! immer wie du, geduldig ergeben, das in Erwägung ziehen, was Gott unsern glücklichen Jugendjahren, durch Unterricht und Erziehung schenkte, und den Reichtum schätzen, welchen er an Gefühlen für Tugend Güte und Schönheit der natur in unsere Seele legte. – Emilie nahm diese Ideen mit Vergnügen auf, und setzte hinzu, dass sie schon oft für uns selbst, und alle andre Menschen, dem Himmel in ihrer Seele, für die wohltätige M a c h t d e r G e w o h n h e i t dankte, welche wie ein höchst gütiges Wesen unvermerkt für das Glück unsers Lebens sorgte, jede beschwerliche Beschäftigung erleichtre, das erst Unangenehme und Widrige nach und nach gefällig mache, wie uns schottisches Brod und gerösteter Maisbrei, durch die sanfte allmählige Wirksamkeit des Angewöhnens, wohlschmeckende Nahrung wurde. – Sie erinnerte sich auch von ihrer vortrefflichen Mutter, in einem aus dem Englischen übersetzten Aufsatz gelernt zu haben, dass die Gewohnheit Gutes zu denken und Gutes zu tun, unserm geist schon in diesem Leben, die Gefühle der Seligkeit bekannt mache, welche den Tugendhaften in der bessern Welt der vollkommnen Weisheit und des vollkommnen Glücks erwarten.
Denken Sie sich, mein Freund! sagte er, die edle, blühende, erst 22 Jahre alte Emilie, wie sie bei den letzten Worten eine meiner hände fasste, an ihre Brust drückte, und mit ihrer seelenvollen stimme sagte:
O wie glücklich ist es, in unserer Einsamkeit, mein Carl! nichts kann uns hindern, diese seligen Gefühle zu geniessen, und jede Tugend unsers Berufs zu erfüllen; – die lebhafte Erinnerung alles dessen, woran unser Auge gewöhnt war, als Blumen und Verzierung der Gärten zu sehen, hat uns alle sorge eingeflösst, so viel möglich diese Anmut um uns zu verbreiten. Dein matematischer Geist, welcher an Ordnung gewöhnt alles nett auszuarbeiten, gibt unsern Kornund Gemüs-Feldern das Ansehen der schönsten Gartenbeete. – Gewohnheit reichte mir die Hand, einsame Wege ruhig zu durchwandeln, minderte meine Furcht, ohne Nachtlampe zu schlafen, und macht die selige Uebung,