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der Insel. Ich sah sie von ferne, und folgte ihr wie ein von Eifersucht über einen Liebhaber gequälter Mann tun könnte, auf einem andern Wege in die nahen dichten Gebüsche. Sie setzte sich, gab dem Kleinen die Brust, an welcher er einschlief. Emilie raffte mit der rechten Hand so viel Moos zusammen, als sie erreichen konnte, breitete ihr Halstuch darüber, und legte voll Sorgfalt das Kind darauf, bewegte sich lange nicht, und beobachtete zärtlich ob es fortschlafe. Leise stand sie auf, ging einige Schritte näher zum Ufer, blickte, ich sah es, mit einem Ausdruck voll tiefer Gefühle auf das wasser und die Bäume umumher, dann auf unser Kind und nach dem Himmel, kniete sich vor Carmil, faltete ihre erhobenen hände und sagte:

Ewiger, Allmächtiger! dein Himmel fliesst über alle Geschöpfe deiner Erde, auch über uns, du siehst uns, wie alles. O erhalte und stärke das Leben des guten Vaters dieses Unschuldigen und mich! S c h ü t z e und segne uns um dieses Kindes w i l l e n ! Ihre hände und arme breiteten sich mit einer schnellen convulsivischen Bewegung über den Kleinen hin, ihre Blicke sanken voll Mutterliebe auf ihn, und Tränen erstickten ihre stimme: sie trocknete sie ab, und hauchte in ihre hände, wie man gewöhnlich tut, wenn die Spuren des Weinens verwischt werden sollen. Ich war von tausend Gefühlen durchdrungen, traute mir kaum zu atmen, denn ich wollte nicht, dass sie nur im mindesten vermute, von mir gesehen und gehört zu sein. Emilie war mir heilig, dreimal heilig, weil nicht eine Sylbe von Klage über ihr Schicksal mit ihrer Bitte für Carmil und mich vereinigt war. Nur Verehrung Gottes, und Liebe für Vater und Kind. O, wie schien Emilie mir so glücklich, dass sie so beten konnte! Still, tief in meiner Seele sagte ich, Ewiger! erhöre sie, und gieb mir einen teil ihrer Tugend! Emilie nahm unsern kleinen Engel sanft von dem Moos, und eilte nach haus. – Ich kam ruhiger und glücklicher zurück in die Hütte, als ich nie war, weil nun meine sorge wegen Emiliens geheimen Leiden und Klagen ganz gehoben war; dieses inneren Schmerzes befreit, erleichterte mein Herz von einer quälenden Last. Ich kam Emilien noch entgegen, nahm unsern erwachten Sohn in meine arme, trug ihn zur Hütte, und sah seine englische Mutter durch meine Heiterkeit vergnügt.

Bald näherte sich der amerikanische Winter, mit den starken Regen, da machten wir Pläne zu Winterarbeit und Lesen. Carmil wurde ein wichtiger Beweggrund, die geschichte des Menschen mit aller Aufmerksamkeit vorzunehmen, und den Vorsatz zu fassen, die Bemerkungen des edlen Büffons und der Encyclopädie bei unserm Carmil Schritt vor Schritt nach dem Gange der natur zu berichtigen, und bei der Erziehung des Knabens zu befolgen. Diese Verwendung unserer Bücher und unserer Tage, machte uns doppelt glücklich, indem wir auch wahre achtung für uns selbst bekamen, und den Himmel mit dem Zeugnisse unserer Herzen anblicken konnten, dass wir getreu und geduldig alle Pflichten erfüllten, welche der Schöpfer den ersten Eltern, in sorge für Kinder und Anbau der Erde aufgelegt hatte. Wir fanden uns auch unendlich glücklicher, als Adam und Eva nicht waren, weil sie nur wussten, dass sie eine unzählbare Nachkommenschaft haben würden, wir aber in unserer Moral, natur- und Kunstgeschichte sehen konnten, was diese Millionen und Milliarden von ihren Enkeln durch Jahrtausende hin, mit sich, ihren Fähigkeiten und allen übrigen Geschöpfen der Welt gemacht hatten. Wie reich, wie unterhaltend wurden unsere leeren Wintertage und die Einsamkeit. Was für ein Vergleichpunkt in dem Menschenleben und der Kunstgeschichte, wurde mir die Borkenhütte in dem dorf der Oneidas, und die Erinnerung von Versailles. Alles, alles innere und äusserliche p h y s i s c h e , im Bau, in der Bestimmung und in den Bedürfnissen so ähnlich, wie verschieden aber die Verwendung körperlicher Fähigkeit, durch die verschiedenen Anstalten des Wesens, welches in den Menschen wohnt und sie belebt. Emilie bemerkte den schnellen Wachstum unsers Carmils, natürlich dachte sie an Bedürfniss seiner Kleidung, und kam auf den glücklichen Einfall, ihm von unserm Flachsgarne Rockchen zu stricken: mich lehrte sie von der Wolle unserer Matratzen grobes wollenes Garn spinnen, und da sie sich dunkel erinnerte, ihre Amme bei dem Zwirnen der Faden beobachtet zu haben, machte sie auch einen Versuch damit, der vortrefflich gelang; und von diesem warmen Garne bekam Carmil auch ein Wämschen, welches mir Lust gab, eine Weste für mich zu stricken. Sie wissen dass ich Eisendrat von mehrerer Gattung zu Vogelbauern mit auf die Insel brachte, und dann schon im ersten Jahre noch Stricknadeln für Emilien machte, nun verfertigte ich welche von grösserer und dickerer Art für mich, und brachte wirklich eine Weste zu stand, welche mir meine zwei tuchenen Kleider schonen half, so dass ich recht hatte zu behaupten, dass Phantasie, welcher man meist nur die Ideen der Verschönerung zuschreibt, bei mir die Grundlage einer wahren Wohltat wurde; denn nach strengem und gerechtem Urteile der Vernunft, war der Ankauf von so vielem Drate zu Vogelbauer nach den Umständen in welchen ich Philadelphia verliess, eine wahre tadelhafte Phantasie, aber durch den Gebrauch welchen das Bedürfniss einer Presse, Strickund Webnadeln mich davon machen lehrte, erhielt diese Phantasie den Wert der Weissheit; wurde also mehr als der Z u f a l l , welcher oft Gutes findet