Mutter ihr Kind mehr liebt, als sich selbst, denn wie innig sagte ich: o mag die süsse Nahrung mir auf mein ganzes Leben fehlen, wenn nur mein Carmil die Milch hat, so lange sie ihm notwendig ist. Wattines besuchte den andern Morgen nach unserer Zurückkunft seine Felder, während ich unsern Sohn und meine kleine Wirtschaft, besonders meine Hühner besorgte, kam wieder, durchsah, ordnete und putzte, mit erneuetem Vergnügen und Eifer, alle seine Werkzeuge; der Nachmittag war uns eine Art festlicher Spatziergang, unsere glückliche Rückkunft zu feiern, uns und unser Kind den Bäumen, den Feldern, Blumen und Gesträuchen zu zeigen; als wir zu Ende dieser lieben Wallfahrt auf eine der Moosbänke des Belvedere uns gesetzt hatten, unsern See zu betrachten, und wieder den Niedergang der Sonne zu geniessen, sah ich auf einmal meinen Wattines auf das nun ganz vollblühende Blumenbeet meines Grabes blicken, dann sein Auge voll Tränen und Dank zum Himmel erheben, schnell sich gegen mich wenden, Carmil und mich umfassend rief er: Gütiger Gott! Ewig sei dir für das Leben meiner Emilie und meines Sohnes gedankt.
Ich war durch diese unvorgesehene Bewegung erschreckt und gerührt, küsste ihn und sagte: teurer, geliebter Vater meines Carmils! woher entsteht diese Art von Schmerz in deiner Seele? lass mich Anteil nehmen, mein Bester! ich bitte dich, denn ich bin voll Unruhe. Nun bat er mich, wegen der auch ihm unerwarteten Erschütterung um Verzeihung: er hätte bei dem Blicke auf mein bestimmtes letztes Ruhebette, an den schrecklichen Gedanken sich erinnert, welcher ihm auf seinem Lager vor der Wildenhütte quälte. Da er sich meinen Tod möglich dachte, und mein Begräbniss als Folge hinzu setzte, erschien auch die Frage: wie willst du Emiliens Wunsch erfüllen, ihre geliebte schöne Hülle in ihr selbst bereitetes Blumenbeet zu tragen? Was soll aus ihrem kind, aus mir werden? alle diese kummervollen Ideen hätten sein Dankgefühl mit schmerzhaften Erinnerungen gemischt, welche er nicht mehr unterdrücken konnte. Ich weinte aus zärtlicher Freude über seine Liebe und mein Leben mit ihm, ja ich muss bekennen, dass es mir unangenehm gewesen sein würde, mir ein andres Grab, als diess auf meiner Insel zu denken, ob ich schon weiss, dass die Erde überall des Herrn ist, so war dieser Widerwillen doch selbst mit den Ergebungen verbunden, welche ich Gott bei den ersten Geburtsschmerzen zeigte. Die lebhafte Einbildungskraft meines Wattines war noch weiter gegangen, er wollte mit unserm kind, bei dem Orte meines Begräbnisses bleiben, und genoss eine Art Beruhigung in der geschichte eines Sclaven, welche St. Pierre erzählt, welcher zwei Jahre lang, in der wenigen Ruhezeit, die man diesen Unglücklichen bei der harten Arbeit lässt, alle Tage mit seinen zwei Kindern zu dem grab der Mutter ging und dort weinte; da er auch wusste, wie sehr die Indier den Staub ihrer Voreltern lieben, so hoffte er, sie würden ihn nicht hindern, meinen Grabhügel zu besuchen, oder seinen Wigwham daneben aufzurichten. Ich dankte dem Himmel aber herzlich, dass alle diese Trauerbilder in dem Nebel der Vergangenheit versanken. Nach einigen Tagen, als wir ganz ruhig unsere Bemerkungen über die Indier uns mitteilten, fanden wir, dass sich der Vorzug unserer Sitten und unserer Denkart täglich erhöhte, und die Gleichgültigkeit der Indier gegen alles, was sie aus ihrem gewöhnten Gange führen könnte, dünkte uns wahres Unglück zu sein; so wie die Wissbegierde den Wert hat, nicht allein den Geist zu unserm Vergnügen und Nutzen zu bereichern, sondern auch die Fähigkeit vermehre, unsern Nebenmenschen in hundert Gelegenheiten angenehme Dienste zu beweisen; denn die Gleichgültigkeit der Indier machte uns viel Leiden, da sie nichts von den nahen Wohnungen der Europäer wussten, also die Sorgen unserer Herzen nicht erleichtern konnten, welche wir wegen dem Ausbleiben der Fischer, und wegen der völligen Unwissenheit über Leben und Tod unsers wohltätigen Freundes des Quäkers fühlten. Auch, um aufrichtig zu sein, litten wir empfindlich, gar nichts von Europa zu horen; denn, sagen Sie! war es möglich Europa zu vergessen? erinnerte uns nicht jeder Band unserer Bücher daran, ob wir schon beide vermieden davon zu reden? aber die Betrachtung über die Gleichgültigkeit der Indier, brach den Damm, welchen wir unsern inneren Wünschen durch das Schweigen gesetzt hatten. Ich will nicht wiederholen, was unser Schmerz und unsre Tränen sagten, uns aber auch genauer an die idee von Gott und moralischen Gesinnungen hefteten, um die Barmherzigkeit und den Schutz unsers Urhebers zu verdienen. Bei diesem Anlasse dachten wir wieder an religiöse Einsiedler, welche sich auch von allen Verhältnissen mit der Welt losrissen, und nur desto eifriger eine Verbindung mit den Ideen der Ewigkeit suchten. Wattines ruste sich das Leben und die Pflichten des Ordens de la Trappe zurück, und fand eine grosse Klugheit, ja selbst Menschenfreundlichkeit, nicht nur in dem Verbot, sich zu sprechen, sondern auch in den grossen Kappen, welche verhindern, dass sie sich sehen, weil Mitteilen alle Gefühle vermehrt, und man mit Blicken eben so deutlich sprechen könne, als mit Worten; also jeder die Leiden und die Wünsche des andern in seinen Augen lesen könnte, wodurch der Kummer des edlen Herzens vergrössert würde. Bei dem Schweigen des Mundes und der Blikke aber, jeder in seiner Resignation eine Tugend für sich übte, und die andern sie ausüben sah. Da ich in diesem Moment auf Wattines blickte, setzte er hinzu: Emilie! schwiegen wir nicht auch bei unserm