Buchweizen zu Nacht.
Freunde! was für eine geschichte beschreibt Emiliens erstes Wochenbett! Gewiss meine schätzbare Base hat während dem Lesen dieser Blätter, an sich und andre Frauenzimmer, auch an gute Bürgerweiber in ihrer Nachbarschaft gedacht. Wie glücklich muss sie sich und alle geschätzt haben, wenn sie an das Schicksal der holden jungen Frau von Wattines sich erinnerte. Ich konnte den guten Mann mit keiner Frage unterbrechen, welche ihn zu einem grösseren Detaile seiner Leiden geführt haben würde. Eine solche neugierige Frage dünkte mich, wie das Sondiren in einer Wunde, von welcher man die Tiefe untersucht, welches allein dem heilenden arzt, aber auf keine Weise einem bloss Neugierigen erlaubt sein darf. Ich zeigte dem schätzbaren Wattines mein Staunen, meine Teilnahme und Verehrung nur in kurzen abgebrochenen Ausdrücken, doch so, dass es ihm Trost, Zufriedenheit mit sich selbst und das süsse erleichternde Gefühl gab, welches den Beifall eines guten vernünftigen Menschen uns gewährt. Ich umarmte ihn mit der innigsten Hochachtung und wahrer Liebe. Er sah, dass ich tief gerührt war, als ich ihm dankte, dass er meinen Wunsch, nach diesem Teile seiner geschichte, so freundlich erfüllte, und es freuete ihn als ich ausrief: Sie und Emilie sind Zierden der Menschheit, sind Modelle für Tausende, und machen ihrem Schöpfer Ehre. Es war spät als wir zurück kamen. Ich sollte mit ihnen zu Nacht essen, aber ich konnte es nicht, denn als ich Emilien erblickte, dachte ich sie schwimmend auf dem wasser, das ich heute sah. Die Hütten, die indischen Weiber, alles war vor mir. Ich sagte, ich müsste fort, um alles aufzuschreiben, wie sie es erlaubt hätten. Sie gingen mit mir bis an die grenzen ihres Hauses und Gartens: ich konnte nicht reden, reichte beiden meine hände, drückte die ihrigen an meine Brust und rief: Edle, edle Wesen! Gott segne Euch! O er muss es! – und so eilte ich heim, ass Brod, trank etwas Wein, und fing an zu schreiben: dachte mir diesen Wattines, als jungen schönen Officier in Versailles um seinen König, dann in glänzenden Cirkeln in Paris, dachte seine Aussichten – und Emilie als eine blühende Rose auf den schönen Gütern ihres Vaters, ihre Bestimmung, noch vor fünf Jahren, – und jetzt, beide hier? O Verhängniss: wie spielst du mit uns träumenden, armen Geschöpfen. – Diese Gedanken begleiteten mich auf mein Kopfküssen, und ich träumte wirklich die sonderbarsten Dinge. Wattines kam früh zu mir, ehe er auf sein Feld ging, fragte nach meiner Gesundheit, und sagte: er und Emilie, hätten gestern mit vieler Dankbarkeit von meinem teilnehmenden Herzen gesprochen, und ich hätte ihn glücklich gemacht, denn nun lebte sie wieder in seiner Seele, die überzeugung, dass jemand sein Herz kenne, und sich an seine Stelle zu setzen wisse, indem es ein Mann von seinem Alter, und mit den Sitten seiner Nation bekannt sein müsste; die andern guten Einwohner von Oneida wären das nicht, könnten es nicht sein; noch setzte er hinzu, dass Emilie gestern von meinem Segen und dem Kennzeichen meiner Verehrung für sie beide sehr gerührt war, sie wolle auch das Bild ihres Aufentalts bei den Indianerinnen ergänzen, wenn ich glaubte, in seiner Erzählung leere Stellen bemerkt zu haben. Ich dankte und dachte: ja es fehlen mir alle feine Züge und Schattirungen, welche allein durch eine Frau wie Emilie gesehen und bemerkt werden konnten.
Wie er sich entfernt hatte, schrieb ich alle Erinnerungen von gestern nieder, und machte Auszüge aus den Noten der Frau Vandek. Diese hatte Emilien gefragt, wie sie zu dem Entschlusse gekommen sei hinüber zu schwimmen? da antwortete sie: "durch das Gefühl der Selbsterhaltung und der Liebe für mein Kind und seinen Vater; auch war kein ander Mittel der hülfe für mich da. Es war kein Krieg mit den Indiern, und ich wusste, dass sie im Frieden treu und gut sind, damit verband ich mein völliges Hingeben in die göttliche Fügung, wenn ich nun alles getan haben würde, was er meiner Vernunft und den Umständen erlaubte."
Aber, sagte Frau Vandek, warum warteten Sie so lange mit Ihrem Uebergange? denken Sie, wie schnell ihre Entbindung folgte.
"Darüber müssen Sie, meine Freundin, sich nicht wundern, ich war unwissend und unerfahren, meine Seele hatte viel bei der Trennung von unserer Insel gelitten, und nie werde ich den Auftritt und mein inneres Zittern vergessen, als ich der Hütte und den beiden indischen Weibern mich näherte. Denken Sie sich zwei grosse braun gebrannte Frauenspersonen in langen Beinkleidern und Wams nebst Kappe von groben braunen Tuch, glatte, schwarze, über Gesicht und Schultern hängende Haare, einen kurzen Rock über die Beinkleider, und diess alles dabei sehr unreinlich, tief liegende etwas düster blickende Augen. Gewiss es kostete mich mehr Mühe den Widerwillen meiner Augen zu überwinden, als die Vorstellung der Gefahr des langen Schwimmens, aber ich strengte mich gegen Wattines an, heiter und vertraut zu scheinen; doch bald waren die Töne der Weiber gefälliger als ihre Blicke und ihr Aussehen, auch war es gut, dass ich europäische und philadelphische Bilder aus meinem geist entfernte, und nur an Wahrheit und Bedürfniss des Moments dachte. Indische in Wäldern lebende Weiber, konnten weder in Kleidung noch Sitten denen ähnlich sein, an welche ich in meinem vaterland, oder wo sonst europäische Sitten üblich sind, gewöhnt war.