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spielen, auch liegen und kriechen könne, ohne sich auf der gestampften Erde hände und Füsse zu besudeln. Ich musste auch Abends den Indier bitten, dass seine Schwester mit dem Mädchen reden solle. Ich rauchte mit ihm vor den Bäumen der Hütte, seine Schwester brachte jedem ein grosses Stück geräucherten Salmen und wasser, ich sprach mit ihm von dem Glanze der untergehenden Sonne, und hörte bei dieser gelegenheit das ganz einfache, und in Wahrheit eben so reine Ideengemälde ihrer Religion. "Sie glauben an ein mächtiges oberstes Wesen, von welchem alles da ist, das in dem Aufgange der Sonne wohnt, und zu welchem alle gute Menschen kommen. Die Gewitter halten sie für Kennzeichen seines Zorns, machen dann Gelübde und bieten alles zum Opfer an, was sie besitzen: die Stille und Sonnenblicke nach einem Sturme, ist ihnen Beweiss der Versöhnung und Güte, Tanz und Gesang der Ausdruck ihres Danks. Sie ehren das Alter, wie ich schon bemerkte, dass wo diese ihre Schlafstelle im Wigwham haben, doppelte Rindenstücke ausgehängt werden, um sie am besten vor Wind, Regen und Kälte zu schützen; aber einen Zug darüber hätten Sie eben so wenig erwartet, als ich vermutete; nämlich durch Wald-Indier an das schöne Jahrhundert von Ludwig dem XIV. erinnert zu werden. Wenn ein alter Mann oder Krieger auf der Jagd oder einer Reise ermüdet, sich auf Laub oder Gras hinwirft und einschläft; so erbauen sie in der grössten Geschwindigkeit und mit feierlicher Stille einen Wigwham über ihn, damit er Schatten und völlige Windstille geniessen könne. Die Soldaten machten dem braven ermüdeten Herzog von Vendome eine Decke und Schatten von eroberten Fahnen im spanischen Erbfolgekriege. – Ich liebe sie, sagte er, die verschwisterten Ideen der Menschenliebe und der Kennzeichen der Hochachtung für Verdienste. Liebe für unsere Kinder haben wir auch, wie die Indier; aber in der Ehrfurcht und der sorge für das Alter, in der Begierde ihre Erfahrungen zu benutzen, darin kommen wir ihnen nicht gleich.

Unsere Tage flossen sich sehr ähnlich dahin. Die Gesundheit meiner Emilie und meines Kindes war vollkommen, diess machte uns glücklich, erhöhte aber Emiliens ungeduldige Wünsche nach unserer Rückreise auf die Insel. Ich verlangte auch wieder da zu sein, aber wie sie am eifrigsten davon sprach, heftete ich meine Blicke voll Angst und Zärtlichkeit auf unsern Sohn. Sie bemerkte es und sagte: Carl! ich brachte ihn unter meinem Herzen hieher, du sorgtest für unsere in Bieberfelle gewickelte Kleidung, nun machst du einen kleinen Kahn von Baumrinden, wie die Indier für sich, in diesen legen wir unsere Biberfelle, binden unsern Sohn hinein, und du stossest den Kahn mit deiner Brust vorwärts, ich schwimme neben dir und ihm. Sie können denken, mein Freund! dass ich sie etwas staunend ansah. Emilie sagte aber: ich kenne kein ander Mittel, und finde mich doch viel glücklicher, als die Mutter des kleinen Moses war, die ihren Sohn in dem Schilfkorbchen, den Gewässern des Nils übergab, und mit dem unaussprechlichen Kummer der mütterlichen Liebe im Herzen zurück bleiben musste. Unser Carmil wird Vater und Mutter bei sich haben. O wie glücklich werde ich auf unserer Insel mit meinem kind, seinem Vater und meiner neu erhaltenen Gesundheit sein. Ich wünsche wirklich auf der ganzen Welt nichts anders." Wie viel sagte der blick, welcher die Küsse begleitete, die Emilie in diesem Moment mir und unserm in meinen Armen ruhenden Carmil gab! Dieser blick drückte mehr aus, als ich beschreiben kann. Sie sah mich äusserst gerührt an, und konnte wohl schliessen, dass ich geneigt sein müsse, alle ihre Wünsche zu erfüllen, denn sie wiederholte mit so vielem Eifer die Bitte um unsere baldige Abreise, war so heiter, so voll Vertrauen auf Gottes Fürsorge, durch welche sie hier so glücklich aus Land kam, wohl und stark blieb, und gewiss auch so zurück kommen würde. Ich gab ihr das Versprechen, fleissig an Carmils Schifchen zu arbeiten, und so bald dieses fertig sein würde, den ersten hellen und ruhigen Tag abzureisen. Ich verband also nach einer kleinen Anweisung meines Indiers, einige Weidenstäbe in die Länge und Quere mit einander, bog sie in Form eines Kahns, und befestigte innen und aussen grosse Platten Birkenrinde umher, wodurch in Wahrheit ein recht gutes Schifchen entstand, in welchem mein Carl Emil, ja selbst ein viel grösseres Kind, ganz sicher und bequem liegen und übergeführt werden konnte. Emilie lernte eben so fleissig, wie man die Maisblätter zusammen flechten kann, sagte mir dann, sie wolle unserer kleinen Indianerin auch etwas lehren, ich sollte Bindgras und Waldblumen holen; von diesen band sie nun Arm- und Fussringe, einen Kranz auf den Kopf, ein Blumengewinde über die Achsel, nebst einer Art von Gürtel mit abhängenden Blättern zusammen, schmückte das gute Mädchen damit aus, wie eine Opern-Tänzerin in der Vorstellung eines indischen Ballets sein könnte. Ich führte das hellbraune, mit gelben und roten Blumen verzierte Mädchen, an das User des See's, damit sie sich in seinem wasser betrachten könne, sie freuete sich und hüpfte unsern Hauswirtinnen entgegen, welche Emilien dankten. Unsere kleine braune Blumenkönigin, welche wir Flora nannten, lernte auch mit vieler Geschicklichkeit die Blumengewinde machen. Ich machte Pfeifchen, wollte auch ein paar Jungens auf dem Blatte blasen lehren, die Pfeifen nahmen sie, hatten aber die grösste Freude an scharfen abgebrochenen Tönen, die auf den Blättern schienen jung und alt zu weich