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Schwester, dass sie neben dem Eingange der Hütte einige Rindenstücke wegheben solle, damit es ein wenig heller werde, und wir noch sprechen könnten. Wir dankten ihm sehr; denn es machte Emilien und mir wahre Freude, uns noch ganz zu sehen. Ich bat den Mann, seiner Schwester zu sagen, Emilien zu lieben wie eine Tochter, weil ihre Mutter und Vater, wie auch mein Bruder ermordet seien. Er bedauerte mich, und die Frau blickte, da er von dem tod unserer Eltern erzählte, tröstend und teilnehmend nach Emilien und mir; aber da er von dem tod meines Bruders sagte, bemerkte ich, wie sehr sie ihren Bruder liebte, denn sie fasste, mit so viel Ausdruck wahrer Zärtlichkeit, seine beiden hände, und drückte sie an ihre Brust, indem sie in höchst sanften Tönen zu ihm sprach, sich dann gegen mich wandte, und mit Bewegung ihres Kopfs etwas sagte, welches der Bruder mir in die Worte übersetzte: Alha sagt, dass du weisser Mann unglücklich bist, keinen Bruder mehr zu haben. Ich sah immer auf Emilien, und bemerkte, dass sie viel litt; da ich aber von meinem Kummer wegen ihrer Schmerzen, und Mangels an schicklicher hülfe sprach, lächelte das holde edle Weib und sagte: vor 21 Jahren litte meine Mutter um meinetwillen eben so viel. Gott wird für mich die gesetz der natur nicht ändern, aber gewiss auch nicht erschweren. Ich fühle Kräfte in mir, und traue fest auf den Himmel. Sei auch ruhig mein Geliebter, und freue dich unserer Hoffnung.

Die Weiber und der Indier bemerkten ihren Mut in ihrem Tone und ihren Blicken, und bezeigten ihren lauten Beifall. Ich wurde mit der einbrechenden Nacht ängstlicher und gepresster, die Weiber schlossen den Wigwham ganz zu, der Indier ging auch schlafen, und ich, der nicht in die Hütte kommen durfte, ging in das Freie, warf mich nieder, betete. Ach nie, niemals war meine Seele bedrängter! Die schöne Sommernacht war mir trübe. Die höchste Ruhe war in der ganzen natur, und in mir die unruhigste sorge. Ich blieb etwas über eine Stunde weg, als ich zurückkam, war Feuer in der Hütte, aber doch keine besondere Bewegung, die Weiber sprachen sanft, aber sehr wenig mit Emilien, sie aber lispelte kaum. Ich blieb vor der Hütte liegen und lauschte, bald ward alles stille. Ich wünschte den Tag. Endlich dachte ich die guten Weiber und meine Emilie im Schlafe, und kroch unter meine aufgehängte Bärendecke. Von Angst und Kummer ermüdet schlief ich ein, weiss aber nicht, wie lange es dauerte; aber noch ehe es Tag wurde, durchdrang das zitternde Schreien eines Kindes mein Herz. Wie mir bei dem Gedanken war, m e i n K i n d , das kann ich nicht sagen. Ich sprang auf, war gleich an der Hütte, rief Emilien, und suchte zugleich hinein zu dringen. Emilie antwortete mir heiter: Lieber Carl! sei ruhig! und danke Gott für das Leben deines Sohnes. Ich bin wohl, aber ich würde dir in diesem Moment selbst in dem haus meines Vaters den Zutritt versagen. Sei ohne sorge, und gieb mir keine durch deine Unruhe. Ich versprach alles und schwieg, blieb aber vor der Hütte, horchte, dankte der Vorsicht für das Leben der Mutter und des Kindes. Bald war alles wieder stille. Als der Himmel sich rötete, kam mein guter Indier sich nach mir umzusehen, ehe er auf die Jagd ging; gab mir eine schon angezündete Pfeife zu rauchen, und freuete sich wahrhaft über die Geburt meines Sohnes. Lange dauerte es meinem Herzen, bis ich Mutter und Kind sah; aber dann war ich vor Entzücken ausser mir, zu den Füssen meiner Emilie, zugleich voller Qual bei dem Gedanken, sie als Wöchnerin in dieser Hütte zu sehen, Sie bat mich, ja keinen Kummer, sondern Dank und Freude zu zeigen. Aber denken Sie, mein Freund, was für ein Bild war vor meiner Seele? Hier Emilie auf Bieberfellen liegend, ihren Sohn in ihren Armen mit der Haut eines Fischotters gedeckt. Zwei indische Weiber mit drei Kindern, auf Bärenfellen, nicht weit von ihr in tiefem Schlafe. Emilie beobachtete mich, und kannte mich zu genau, um nicht in meiner Seele zu lesen, und allen den Jammer zu sehen, der mich zerriss, als ich da knieend sagte: ach Emilie! du und unser Sohn hier!

"Gott sei dafür gedankt, sagte sie, denn gewiss, in Paris, wo Glück und Stolz der Wissenschaften und der Künste wohnen, in Paris, welches der Kriegsgeist seiner Könige und seines Adels, zu der grössten Macht erhoben hatten, ach da würden Robespierres Fischweiber die Edelfrau und ihren Sohn nicht so liebreich gepflegt haben, als ich und dein Kind es in dieser Hütte sind.

Sie können leicht denken, was diese Betrachtung in mein Gedächtniss zurück rufen musste; aber Emilie fand eine edle Zerstreuung für meinen inneren Jammer darin, indem sie sagte: Lieber! wir haben nichts bei uns, womit wir diese guten Weiber belohnen könnten, gieb einer deinen Trauring, ich gebe den meinigen der andern; denn hier (indem sie unsern Sohn an ihre Brust drückte) ist ein mehr als goldenes Unterpfand unserer Liebe. Nun wünschte Emilie, dass ich, ehe die Weiber erwachten, unsern Sohn taufen sollte. Knieend nahm ich aus dem holzernen Napfe, der neben