1798_La_Roche_066_50.txt

Während dem Erzählen führte mich Wattines ein langes Stück am See hin, blieb manchmal stehen, sah mit bewegter doch vergnügter Seele sich um, bis wir zu einigen, in einen halben Kreiss gesetzten jungen Bäumen kamen, und uns auf eine der vier Bänke zwischen den fünf schönen Pappeln setzten, welche dadurch wie mit einem breiten Gurd von vielfarbigtem Moos zusammen verbunden schienen, so wie der sanfte Abhang, welchen die Insel gegen den See hatte, wie mit einem grünen Sammtteppich bedeckt war. Ich hatte, als wir unweit von Wattines Endten- und Fischfangplätzen längst dem Ufer, einen schmalen ungleichen Pfad betraten, wohl die sorgsam gepflegte Einfassung von tausend Waldblumen bemerkt, welche nur durch kleine Gesträuche unterbrochen, an dem bald für zwei, bald nur für eine person passenden Pfad hinläuft, bis er am Ufer sich endet, aber ich wollte den vorangehenden und schweigenden Wattines durch keine Frage unterbrechen, weil ich sicher einen Aufschluss erwarten konnte. Auf diesen Platz mein Freund! sagte er, sollen Sie den grossen charakter meiner Emilie ganz kennen lernen. Wir sprachen nicht mehr von unsern Fischern, vermieden aber, ohne es verabredet zu haben, beiderseits den Spaziergang von der Seite, welche wir einige Wochen täglich mit so viel Eifer besucht hatten. Emilie war in meiner Gegenwart immer sehr heiter, aber wenn sie allein zu sein dachte, bemerkte ich, dass sie viel betete, besonders bei dem Auf- und Abgehen an dem Ufer des See's, wovon sie nur die Seite zu lieben schien, welche wir so eben herkamen. Da sie diesen Weg so oft nahm, so belauschte ich sie durch Umwege in den Gebüschen, und beobachtete, dass sie unruhig bis an die äusserste Spitze von diesem platz hier ging, und sehnsuchtsvoll nach den zwischen den Bäumen des festen Landes, an dem jenseitigen Ufer versteckten Hütten der Indier blickte, und vermutete sehr natürlich die Ursache in den Wünschen nach dem Beistande einer person ihres Geschlechts. Von meinen Empfindungen dabei, will ich keine Beschreibung machen: der edle, gefühlvolle Mann, mit welchem ich spreche, der Emilie und mich kennt, empfindet sie selbst. Einst da ich keine besondre nötige Arbeit hatte, und darauf sann, ihr meine Ahndungen über die einsamen Spatziergänge zu entdecken, nahm sie mich schweigend aber mit Zärtlichkeit bei der Hand, führte mich einen Weg, welchen ich vorher nie betreten hatte, auf diese Stelle, welche, wie Sie sehen, sich am weitesten in den See gegen das Land erstreckt, und sagte mit ernster liebevoller Miene, indem sie zugleich errötete, und mit einer zitternden Träne im Auge, auf ihren stark erhöhten Leib blickte:

Bester Mann! der Tag wird bald kommen, an welchem die natur uns ein geliebtes Unterpfand unsrer Liebe geben wird: hier hielt sie voller Bewegung inne, fasste sich aber und fuhr fort: ich möchte dieses Pfand unserer treuen Liebe gesund in deinen Armen sehen; ich habe es unter meinem Herzen vor aller heftigen Bewegung meines Leibes geschützt, und machte auch sorgfältige Schritte, damit es nicht schädlich erschüttert würde; ich suchte auch meine Kräfte zu erhalten, um den so entscheidenten Moment seiner Geburt gesund zu überleben, und unser Kind unter meiner Pflege aufwachsen zu sehen, – abernun schwieg sie, schmiegte sich mit einem arme an mich, legte ihren Kopf an meine Brust, die mit banger Angst erfüllt, sich nur durch langsames Atemholen bewegte. Ich drückte Emilien an mich, aber kaum konnte ich sagen: was aber! o meine Emilie! was? Sie blickte zärtlich auf, küsste mich und sagte: deine und meine gänzliche Unwissenheit in allem, was zum Besten des geliebten Unschuldigen, zur Erleichterung seines Eintritts in die Welt, und zu meiner Erhaltung geschehen muss, diess machte mich schon lange sorgen, und erweckte am Ende einen innigen Wunsch in mir. –

Ich dachte, sie würde mir vorschlagen, hinüber zu schwimmen, und eine Indianerin zu holen, und antwortete schnell, welchen Wunsch meine Emilie! kann ich ihn erfüllen? Sie fasste eine meiner hände, drückte sie an ihre Brust, und mir ins Auge sehend sagte sie mit festem Tone: ja Carl! du kannst es für mich und für dein Kind. Schwimme mit mir hinüber zu den Hütten unserer Nachbarn, da finde ich erfahrne Personen meines Geschlechts, denn die natur machte in nichts, was zu dem physischen Leben gehört, einen Unterschied, und Weiber wissen zu gut, dass wir in diesem Zustande hülfsbedürftig sind. Unsere Fischer haben gesagt, dass diese Indier sehr gut sind, wir fanden es auch in der Treue, mit welcher sie das dem Congress gegebene Versprechen halten, die Insel und das gegenseitige Ufer nie zu betreten. Meine Seele, lieber Carl! ist für alles, was uns bei dieser Reise und Aufentalt betreffen kann, voll Vertrauen auf Gott und auf die Herzen dieser, wie w i r aus seiner Hand stammenden Menschen. –

Emilie bemerkte, dass mein Geist mit Staunen, und mein Herz mit tausend Empfindungen erfüllt waren, sah, dass ich gleichsam mechanisch, bald auf sie, bald nach dem jenseitigen Ufer blickte, und sagte, indem sie mit zärtlicher Miene mich streichelte, als ob sie die Züge der Sorgen aus meinem gesicht verwischen wollte:

Ich sehe, Lieber! dein geometrisches Auge misst den Weg, welchen ich machen muss, und deine Güte befürchtet meine süsse Last würde mir das Schwimmen erschweren; denke an beladene Schiffe, die im Sturme über das grosse