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Augenblicke mit mir hinein; denn, ob ich Sie schon weiter führen will, so ist mir doch unmöglich, an der lieben Hütte vorbei zu gehen, in welcher die allermerkwürdigsten Tage meines Lebens vorüber flossen. Ich erwiderte: gewiss! ich betrachte sie mit neuen Gefühlen, da ich sie mit Ihnen besuche. Er drückte mir die Hand, blickte voll Freundschaft mich an, und sagte: es ist mir auch neu, das Gefühl, mit einem Freunde meines Alters zu sein, und das hier in dieser Hütte, wo ich vier Jahre lang weit von dieser schönen Hoffnung lebte.

Ich erwiderte hierauf: indessen war sie Tempel der Liebe, diese einfache, mir dadurch heilig gewordene Hütte.

Haben Sie Dank, für diesen Ausdruck, sagte er, mich umarmend. Emiliens Tugend hat sie zum Tempel geweiht, denn es ist keine Stelle hier, wo sie nicht als eine Heilige dachte und handelte. –

Der Tisch und die Bank zwischen der Schlafkammer und dem grossen Bücher- und GärtnerzeugSchrank sind noch da, Wattines wusste, bei welchem Punkte seiner geschichte meine fragen stehen geblieben waren. Er blickte nachdenkend auf die Ecke der Bank, deutete nachher dahin, und sagte: diese Stelle wird mir unvergesslich sein, hier las ich Emilien vor, und auf eine andre Stelle zeigend, da sass sie in den trüben Tagen des ersten Winters mir gegen über und arbeitete, weil unsere kleine Fensterscheibe, da gerade beiden leuchtete, und wir zugleich die Aussicht über einen teil der Insel, des See's und der Luft vor uns hatten, ja manchmal mit so vieler Freude Vögel vorbei fliegen sahen.

Emilie zögerte, so lange sie konnte, mir zu sagen, Carl! ich glaube du bist Vater. Ich bemerkte es früh genug, und einige Minuten genoss ich die süsse erschütternde Freude, ein Kind von meiner Emilie zu hoffen, ganz rein und ungemischt; da ich aber wusste, dass sie es noch verbergen wollte, so ging ich mit meiner innigen Freude ausser der Hütte, auf den schön erhöhten Platz, welchen wir Belvedere genannt hatten, dort sagte mir aber der weite blick auf den See, und das feste Land, ach, und die grosse, grosse Stille um mich her: Emilie ist in diesem Zustande hier allein! Nun war sie fort, meine Freude, mein vor wenigen Augengenblicken so ausgedehntes Herz wurde beklemmt, tausend Ideen kreutzten sich in meiner Seele, Reue, hier zu sein, Reue, Vater zu werden, erneuerter Hass gegen die Menschen der Revolution, ach! alles, alles stürmte in meinem inneren. Ich sah nach der Hütte, meine für Emilien umher gepflanzten Blumen und feinen Gesträuche wiegten sich durch die sanfte Bewegung der Luft, welche mein Gesicht und meine Brust kühlte. Die Beleuchtung des See's und unserer Insel, war ausserordentlich schön. Mein Herz wurde gerührt, ich warf mich nieder vor dem Schöpfer von allen mich umgebenden Wesen, meiner Emilie und meines Kindes Schöpfer. Denken Sie sich, was ich bat und wünschte, sagte er meine Hand fassend: gewiss haben Sie auch schon erfahren, wie ein aufrichtiges Gebet in unserer Seele wirkt, meiner Worte waren wenig. Du siehst, du hörst mich, Allmächtiger! Nun trat auch die Hoffnung auf die Ankunft der Fischer vor mich, und flüsterte mir zu, dass diese verheurateten Männer uns Rat geben: uns auf einen Pachtof führen, oder jemand zu uns bringen könnten, wie es schon der gute Quäker gleich anfangs haben wollte. Hoffnung lächelt gern und macht lächeln, mein Herz war durch sie erleichtert, und ich fühlte nur noch, dass ich jetzt keine nähere Pflicht hätte, als Emilien ihr Leben und ihren Zustand so angenehm als möglich zu machen; doch setzte ich mir zugleich vor, zu beobachten, wie lange sie noch darüber schweigen würde. Ich musste ihr in den ersten Wintermonaten von meiner erhaltenen Erziehung und Bildung meines Verstandes sehr genau erzählen, ja sie manches lehren, und Sie können nicht glauben, mein Freund! wie schnell und richtig sie fasste, wie fleissig sie sich in der Sprachkenntniss übte, aber meist nur auf dem abgekürzten Wege, sich nach Uebersetzungen einige Ausdrücke und Verbindungswörter bekannt zu machen, und dadurch in den Sinn der andern zu dringen. "Ich will, sagte sie, nur den Geist der grossen Menschen hören, welche in dieser Nation lebten und dachten, dazu muss ich wohl etwas von ihrer Sprache wissen, aber ich möchte es mit dieser äusserlichen Einkleidung ihrer Gedanken halten, wie mit den Gewändern der Statuen und Basreliefs, wo man sogleich das Amt, den Stand und das Alter kennt, ohne alle Büge des Faltenbruchs aufzuzählen und durchzumessen." D e n k und S i t t e n s p r ü c h e , abgesetzte Lehrsätze, Ausdrücke der Freundschaft und der Liebe, suchte sie auf, fasste sie rein und lebhaft; denn ob sie schon eine geborne Französin ist, so kann sie Wortspiele gar nicht leiden. Der W i t z muss sehr sanft und geistvoll sein, wenn Emilie bei ihm verweilen soll. Als sie nach Uebersetzungen, welche neben den Originalen standen, einige Vergleiche mit dem Französischen und Latein machen konnte, und in dem universal Magazin so viele Auszüge der Alten fand, dann auch die Uebersetzung von den Werken des Hesiodes eifrig gelesen hatte, so sagte sie eines Tages mich umarmend: "Lieber Carl! ich finde, dass zu allen zeiten die besten geistvollsten Männer,