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edlen reinen Genusses sich damit für uns öffnete. Lesen und arbeiten wurden erleichtert, und wir konnten nun, ohne den Wind, das Schneegestöber oder den Regen bei dem Aufmachen eines Fensters einstürmen zu sehen, alles bemerken, was auf dieser Seite vor unserer Hütte lag oder sich zutrug. Sonne, Mond, Sterne, Bäume und Erde, die Luft und der See, waren nun selbst in übler Witterung frei vor unsern Augen, weil Wattines uns durch Aushauen einiger Baumäste eine Aussicht längst dem See geschafft hatte. Da ich, setzte sie hinzu, in meinem englischen Nähzeuge noch ein kleines Spiegelchen besass, welches mir zu meinem Putze auf der Insel genügte, so bat ich Wattines, den ganzen Spiegel zur Fensterscheibe zu nehmen. Ein Gefühl von Glück durchdrang unser Herz bei dem ersten Genuss dieser Aussicht: wie gerne hätten wir dem Oberherrn der Insel eine englische Fenstertaxe bezahlt, wenn sie jemand gefordert haben würde. Da dieses liebe Fenster nahe bei unserm Heerde war, und wir uns freistehend, sowohl wärmen als umsehen konnten, sagte Wattines: gewiss der Generalpächter in Paris, welcher über seinen Camin statt eines grossen Spiegels ein eben so hohes prächtiges Glas einsetzen liess, um bei dem wärmenden Feuer zugleich die Aussicht auf der volkreichsten Strasse der Stadt zu geniessen, dieser fühlte gewiss bei diesem kostbaren Kunstwerke kein so hohes Maass Vergnügen als wir, bei der kleinen eine Spanne hohen Scheibe. Die liebe Frau führte mich nun gleich zu dem so sehr geschätzten Fensterchen, welches etwas schief zwischen dem Hausbalken befestigt war, gerade das Kämmerchen beleuchtet, wo alle ihre Inselgerätschaften aufgestellt sind, und Wattines in warmen Tagen auf dem kleinen Tischen aus der Hütte arbeitet.

Das Opfer meines Spiegels wurde reichlich bezahlt, indem mich mein Carl in den stürmenden Tagen des Novembers, über die Naturgeschichte der Winde, des Regens, der Wolken und des Schnees belehrte: da ich noch kein Englisch verstand, übersetzte er mir alle die schönen Herz erhebenden Betrachtungen eines Philosophen im universal Magazin: zeichnete mir dabei die feinen Stern gebildeten Schneepflocken, welche ich seitdem in Vandeks haus, im Catechismus der natur, nach zwölf abgeänderten sehr schönen Gestalten sah. Des Engländers Betrachtung über den Schnee reizte mich zum Fleiss seine Sprache zu lernen, weil er immer Kenntniss der Sache selbst, moralische Empfindungen, Auszüge aus den vortrefflichsten Dichtern neuerer Zeit, mit den Ideen der Alten verband, und ich diese Lehrart unendlich liebte: wie er zum Beispiel vom Entstehen des Schnees sagte, Homers Bild war: In des Winters dunkler unfreundlicher Regierung deckt eine Ueberschwemmung von Schnee die Ebne. Jupiter heisst die Winde schweigen und die Wolken

schlafen,

dann stösst er das flille Unwetter dick und tief herab: zuerst umhüllt es die Spitzen der Berge, nach dem die grüne Flur und auch sandige Wüsten. Das Gewicht des Schnees fesselt die Bewegung der

Bäume,

und ein weit verbreitetes glänzendes Weiss verbirgt

alle Werke der Menschen,

nur der bei ihrem Fall sich in lauter kleine Cirkel

teilende See verschlingt sie

und trinkt seine aufgelösten Flocken wie sie fallen. Der Philosoph Aristoteles nannte den Schnee kurz und richtig, e i n e g e f r o r n e W o l k e , wie er den Hagel g e f r o r n e s W a s s e r nannte. P l i n i u s , welcher dreihundert Jahre nach ihm lebte, also eine noch gewissere idee von dieser Lufterscheinung geben konnte, verirrte sich doch wieder zu der poetischen Phantasie, zu sagen: es sei der Schaum, welchen das in den obern Luftgegenden zusammen geschlagne himmlische Ge wässer hervorbringe. In dem englischen Dichter der Jahrszeiten aber findet man den Wiederhall der stimme des Vaters aller Poeten, Homers; denn Tomson sagt: Siehe! sie kommen, die strengen Witterungen;

aufdämpfend

aus dem schwarzgelben Osten, aus scharf

durchdringendem Norden

steigen die dicken Wolken; in ihrem Schooss liegt eine Dunstüberschwemmung, zu Schnee gefroren. Siehe, sie rollen schwer durch ihre wolligte Welt hin; und der Himmel ist traurig, beim dicht versammelten

Sturme,

durch die gestillte Luft steigt ein weisser Schauer

herunter,

welcher dünn zuerst wirbelt; und endlich fallen die

Flocken

breit und weit und geschwind, so dass sie den Tag

selbst verdunkeln

in beständiger Flut. Die wertgeschätzten Gefilde nehmen ihr Winterkleid vom allerreinsten Weissen, alles glänzt; nur nicht wo der neugefallne Schnee schmilzt, längst den labyrintischen Bach. Hier unterbrach die liebe Frau das Lesen der Verse und sagte: o wie sehr fühlte ich, dass der Dichter recht hatte, als er anmerkte, dass im freien ofnen feld alles glänzte, nur nicht am labyrintischen Gange, längst den Bach. L a b y r i n t h e haben gewiss nichts glänzendes, nichts helles, jeder Schritt ist mit Furcht und Ungewissheit umgeben, kleine, wie Schneeflocken von ferne hellscheinende Aussichten und Hoffnungen, verlieren sich in einem Labyrinte in dunkle Ungewissheit, wie die weissen Flocken im wasser. Wundern Sie sich nicht, setzte sie hinzu, dass mein Herz hierin das Bild unsers Schicksals erblickte, so wie mein Geist in Tomsons Beschreibung des Winters die vollkommenste Aehnlichkeit mit dem von Amerika, so wie ich glaube, dass meine Aufmerksamkeit mich nicht täuschte, als ich eine Aehnlichkeit zwischen Homers und Tomsons Wintergemählden fand; es müsste nur in Popens Uebersetzung des ersten etwas gefehl sein; denn Sie glauben wohl, dass ich weder Homer noch Pope im Original kenne? doch da ich unüberlegt von zwei grossen Männern sprach, so muss ich noch