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und weiblichen Erziehung von unserm stand wissen wollte, so erzählte mir mein guter Carl, soweit er sicher zurück denken konnte, den gang der Leitung seines Geistes und seiner moralischen Gefühle; wie nun etwas wissenschaftliches vorkam, wurde ein Band der Encyclopädie genommen, das Ganze vorgelesen und erklärt; so dass ich dadurch mit Wattines eine völlige Wiederholung aller seiner Studien machte, ihn wegen dem was er wusste höher schätzte, wegen dem, was er mich lehrte, dankbarer liebte. Er musste mich den Nutzen und den Gebrauch aller matematischen Instrumente lehren, ja ich plagte ihn mit der Begierde das Latein zu wissen. Ich lächelte, und wiederholte das Wort: p l a g t e .

O gewiss es war Plage, denn wir hatten keine Grammatik, kein Dictionaire mitgegebracht, nur Ciceros Werke und Briefe, da auf einer Seite Latein, auf der andern die französische Uebersetzung war, eben so der Horaz, nur Virgil war ganz in seiner Sprache da. Alle diese Schriften las Wattines mit mir, und ich lernte eifrig, kam auch durch mein gutes Gedächtniss so weit, um so ziemlich alles was in andern Büchern vorkam zu verstehen, – und o wie sehr lernten wir beide den Wert der Kenntnisse verehren! Buchdrukkerkunst war uns göttliches Verdienst; denn durch sie waren wir in der Zeit, wo das Schicksal uns von allen Lebenden getrennt hatte, mit den besten die jemals lebten, umgeben, und konnten uns immer die nützlichste angenehmste Gesellschaft wählen. Wie oft sagte ich mit dem grössten Staunen: o wie viel schönes hat der menschliche Geist hervorgebracht! ja, als ich das Glück des Wissens kannte, segnete ich unsere Einsamkeit, ohne welche Wattines nie Zeit gefunden hätte, weder mich zu belehren, noch für sich zu wiederholen. Er wurde uns sogar wert, der Zustand der Armut und des Mangels an allem, was Glück des physischen Lebens ist, da wir den höchsten Reichtum, aller seit Jahrtausenden gesammelten Schätze des Geistes um uns sahen. Dieser wirklich schöne gang unseres Schicksals, welchen wir selbst in unsere Umstände verwebt hatten, und uns einzig in seiner Art schien, gab uns durch das angenehme, welches der Ausdruck e i n z i g unter Millionen jungen Leuten unsers Alters zu sein, mitten in unserer tiefen Einsamkeit, die edelste Freude der Eigenliebe zu kosten, und wurde, ich bin es gewiss, wahre Stütze unsers Lebens und unserer Kräfte. Wir genossen darin nicht allein das Glück, dass wir uns liebten, sondern auch hochschätzten, und so, edel vergnügt, die Wahrheit des Gedankens fühlten: dass U n w i s s e n h e i t die Armut des Reichtums, K e n n t n i ss und T u g e n d , Reichtum der Armut sei. Wir bemerkten auch wohl, dass dieser unterscheidende Zug unsers Wesens, bei der Ankunft der Colonie sehr für uns sprach. Unsere Jugend rührte die guten Herzen, der Anblick unserer schön bearbeiteten Felder erregte freudiges Staunen; aber unsere vielen und vortrefflichen Bücher, die höchste Bewunderung, vielleicht um so mehr, da wir von der französischen Nation, und von der klasse waren, welche sich durch Leichtsinn und Begierde nach Vergnügen ausgezeichnet hatte.

Unsere Erfahrung und unsere Bücher gaben uns richtige Begriffe von T u g e n d , V e r d i e n s t , G l ü c k und J a m m e r . Diese richtigen Begriffe wurden Grundpfeiler des Gebäudes unserer Ruhe; denn wie viele Arten Wohl und Weh werden uns in Städten und grossen Gesellschaften durch die Einbildung zugeführt, welche wir am See Oneida nicht mehr hörten und sahen. Wir waren gegen das lachen der Torheit und gegen die tyrannische herrschaft der Mode geschützt, unsere Leiden und Freuden der Sinne kamen aus der Hand der natur, und je länger wir auf unserer Insel unter ihrer Aufsicht und Pflege waren, desto mehr fühlten wir, dass sie sich gegen gute, ihr immer nahen Kinder wahrhaft mütterlich zeigt; denn unsere Gesundheit und unsere Kräfte vermehrten sich, nie hinderte Unverdaulichkeit unsern Schlaf, nie plagte uns Langeweile. Sie sehen nun auch, wie sehr ich Recht hatte zu sagen, der Herbst und Winter waren eine reiche Erndtezeit für meinen Verstand und für mein Herz. Sie kennen meinen Wattines durch den männlich sanften Ton der Freundschaft und das gefällig Ernste, wenn er mit Männern über einen wissenschaftlichen Gegenstand spricht: denken Sie sich die stimme der edlen wahren Liebe, welche nicht nur die besten Gefühle des Herzens, sondern auch die besten Güter des Verstandes mitzuteilen sucht. Sie wissen, dass in dem ersten rauhen Loghouse keine Fensterscheiben sind, aber Not und Nachdenken lehren vieles: unsre kleinen mit welsrem Leinen bespannten Fenster, würden einen mir unschätzbar gewordenen Unterricht eben so sehr unterbrochen haben, als sie das völlige Eindringen der Lichtstralen hinderten; aber Wattines nahm den ungefähr einen Schuh grossen Spiegel, welchen ich zwischen die Bücher gepakt hatte, und sagte mir: er wolle die Hälfte des mit Quecksilber auf das Glas befestigten Staniols abmachen, so würde dieser teil Fensterscheibe werden, der andre Spiegel bleiben, und wir also den dreifachen Nutzen vereinen, bei Wind und Regen, dennoch die Ansicht unserer Insel zu geniessen, mitten im Winter Sonnenstralen aufzufangen, und zugleich die Ordnung unserer Haare und unsers Gesichts zu beobachten Sie können sich, sagte sie mit wahrer weiblicher Freude, keinen Begriff von dem Vergnügen machen, welches ich über diesen Gedanken meines Carls empfand, und was für eine Quelle