ihr holden blauen Wesen! wenn Ihr kein Memento seid für Liebende, Mütter und Freunde, dem Verlassnen, ruft der aus Euch zu, der Euch gebildet hat, v e r g i ss m e i n n i c h t !"
Ich dankte Emilien für ihre teilnehmende Aufmerksamkeit und fragte: ob sie nicht bei dem kleinen Bilde des Grabes in meiner Brieftasche, auch etwas von der sanft melancholischen Schwärmerei fände, welche die Mönche von la Trappe und die edlen Wattines zu ihren eigenen Gräbern führten? ja, sagte sie, ich denke es ist der nehmliche Geist, welcher gute grosse Römer die Aschenkrüge in ihren Grabmälern beleuchten liess, und, erwiderte ich, Emilien von Wattines zwei Jahre an Errichtung der Urnen ihrer geliebten Verwandten arbeiten machte. Sie senkte bescheiden ihr Auge zur Erde, fasste sich aber und sagte: Sie sprachen auch von einem Spiel des Zufalls, welches mit diesen rührenden Gegenständen unserer Unterredung verbunden sein solle.
Ich zog Schillers K l a g e n d e r C e r e s aus meinen Papieren hervor, wobei ich fragte: Ist es nicht ein sonderbarer Zufall, dass in dem einzigen Paquet Briefe meiner Freunde, welches ich hier bekam, gerade ein vortreffliches Gedicht von einem der schätzbarsten Genies von Deutschland mit eingeschlossen ist, dessen Inhalt so ganz zu Friedrichs Flora und dem Andenken meines Freundes passt, auch Ihrem gütevollen Mutterherzen gefallen wird, weil es die Trauer der Mutter meines geliebten Freundes in etwas milderte?
Ich gab ihr nun im Ganzen einen Begriff von den in dem Gedicht gegebenen, jeder edlen sanften Seele heiligen und willkommnen Beweiss, dass durch die auf den Gräbern der Geliebten entsprossnen Pflanzen eine Verbindung mit den zurückgelassenen unterhalten würde. Ich suchte Emilien so viel möglich eine idee von der schönen Poesie zu geben, und übersetzte die Verse, wo Ceres sagt:
Nein, nicht ganz ist sie entflohen,
nein! nicht ganz sind wir getrennt:
haben uns die Ewighohen
eine Sprache doch vergönnt!
wenn des Frühlings Kinder sterben,
von des Nordes kalten Hauch,
Blatt und Blumen sich entfärben,
traurig sieht der nackte Strauch;
nehm ich mir das höchste Leben
aus Vertumnus reichem Horn –
opfernd es dem Styx zu geben,
mir des Saamens goldnes Korn:
traurend senk ichs in die Erde,
leg es an des Kindes Herz,
dass es eine Sprache werde.
meiner Liebe, meines Schmerz's.
Führt der gleiche Tanz der Horen
freudig nun den Lenz zurück,
und wird alles neu geboren
von der Sonne Lebensblick;
Keime, die dem Auge starben,
in der Erde kaltem Schooss,
in das heitre Reich der Farben
ringen sie sich freudig loss.
Wenn der Stamm zum Himmel eilet,
sucht die Wurzel scheu die Nacht,
gleich in ihre Pflege teilet
sich des Styx, des Aeters Macht;
halb berühren sie der toten,
halb der Lebenden Gebiet;
ach, sie sind mir teure Boten
süsse Stimmen vom Cozyt,
hält er gleich sie selbst verschlossen
in den schaudervollen Schlund,
aus der Frühlings jungen Sprossen
Redet mir der holde Mund:
dass auch fern vom goldnen Tage,
wo die Schatten traurig ziehen,
liebend noch der Busen schlage,
zärtlich noch die Herzen glühn.
O so lasst Euch froh begrüssen
Kinder der verjüngten An!
Euer Kelch soll überfliessen
von des Nectars reinstem Tau;
tauchen will ich euch in Stralen,
mit der Iris schönstem Licht,
will ich Eure Blätter malen
gleich Aurorens Angesicht;
in des Lenzes heiterm Glanze
lese jede zarte Brust,
in des Herbstes welken Kranze
meinen Schmerz und meine Lust.
Ich wünschte Sie hätten die Aufmerksamkeit der vortrefflichen Frau gesehen, mit welcher sie auf jedes meiner Worte horchte, und wie schnell dem Gefühle ihres reinen Herzens, meine Uebersetzung und der feine edle Sinn der Verse deutlich wurden.
Ich wusste ihr von unserm Franz la Roche erzählen, und da sie als Beweiss ihrer zärtlichen Teilnahme an dem Kummer seiner Mutter und dem Verdienste des Sohnes, mich um einige Blümchen von den Vergissmeinnicht bat, schenkte ich ihr die Einfassung mit dem Namenszuge, indem ich sagte: dass es bei meiner Zurückkunft in mein Vaterland eine meiner süssesten Freuden sein würde, eine Blume von seinem grab zu pflücken, um dadurch nach der Anweisung des herrlichen Gedichts, noch meine Verbindung mit dem edelsten und besten jungen mann zu fühlen.
Hier stossen Tränen von ihren Augen, und sie sagte mit innigem Schmerze: ach wenn ich nach Frankreich zurück käme, wäre ich nicht so glücklich, Blumen auf der Ruhestätte meiner geliebten Freunde zu finden. –
Diese Anwendung meines Gedankens war mir unerwartet, ich blickte äusserst gerührt nach ihr hin, aber sie verliess mich. Ich sah ihr nach und bemerkte, dass sie ihren Carmil bei seinem Spiele in dem hof aufgesucht hatte, und ihn lange in ihren Armen hielt. Der Kleine betrachtete sie, und bemühte sich dann mit seinen Händchen ihre Tränen abzuwischen. Ich war ihr langsam gefolgt, und hielt mich ferne, weil ich ihre Bewegung still verehrte und ruhig vorüber gehen lassen wollte; aber Wattines kam gerade von dem feld zurück, und wusste natürlich keine Ursache zu denken, warum seine Frau bei dem kind in Tränen schwamm, und fragte ängstlich:
Emilie! warum diese Trauer?
Sei ruhig, mein Bester! es ist nichts geschehen, sagte sie. Meine Wehmut entstand bei einem schönen Gedichte, und aus Mitleiden für eine arme Mutter in Teutschland.
Diess war ihm noch immer unverständlich. Nun erzählte ich, mit dem Bilde des deutschen Grabes in der Hand