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sehr würdest du diesen schrecklichen Ausbruch deiner leidenschaft bedauern, wenn du diese wirkung deiner gefährlichen Beredsamkeit auf das beste edelste Herz wissen könntest! sie faltete ihre hände, und unwillkührlich aber ernst sagte sie, ihre Augen zum Himmel hebend: Ewiger! ich danke dir für die Kraft zu tragen, ich will sie nicht, die Gewalt des Zerstörens, des Niederwerfens. Nun war aber alle ihre Stärke erschöpft, sie weinte voll innigem Schmerz. Wattines war äusserst gerührt, umfasste ihre Kniee und bat: O vergieb Emilie! dass ich deinem gefühlvollen Herzen diesen Schmerz verursachte, vergieb Rousseau'n! ach, tiefgefühlter Jammer wirkt so, wenn jede Hoffnung entflohen ist,

O wie nah, sagte Emilie, war meinen Lippen zu sagen, du und dein Rousseau, sind auf diesem Punkte sehr klein, aber stolze Männer tragen das nicht, dachte ich, weil ihr hoher Geist, das Wort k l e i n so sehr herunter würdigt, trügen es am wenigsten, wenn eine Tatsache als Zeuge neben dieser Anklage da stünde; und dann befürchtete ich auch, dass Wattines denken möchte, eine idee von etwas Kleinem in seiner Seele, würde notwendig meine Liebe für ihn mindern, welche in dieser Einsamkeit einen so grossen Wert für ihn hatte, und diesen Kummer wollte ich ihm nicht machen, sondern sagte zärtlich ernst, meinen Kopf auf seinen hinbiegend:

Carl! dein Freund unter den Alten, welcher von dem Vergnügen der Götter sprach, wenn sie Tugend mit dem Unglück ringen sehen, dieser Mann war grösser und besser als Rousseau, obschon gewiss nicht weniger leidend als er; denn wie sollte ein glücklicher Mensch zu einer solchen Betrachtung gelangen.

Wäre ich in diesem Moment bei meinen Freunden in Europa, so traulich allein, wie in den seligen mit Ihnen verlebten Abendstunden, so fragte ich hier meine Baase: hat Emilie bei ihrer Sanftmut nicht mehr Stolz als Wattines und andre Männer? aber hat sie nicht im Ganzen eine höchst edle Denkart, und habe ich wohl Unrecht, meine Freunde! wenn ich mit Bewunderung von Emiliens charakter schreibe? dennoch wird mir alle Tage überzeugender wahr, was beide Wattines aus Erfahrung sagen: dass das einsame Leben des moralischen Menschen seine Gefühle erhöht, und allen seinen Ideen einen stärkern Ton gibt. Dieser oben erzählte Auftritt, noch mehr aber die Folge der vollkommensten Aussöhnung dieser edlen Unglücklichen, dünkt mich ein grosser Beweiss dieses Ausspruchs zu sein; denn als Emilie, mit welcher ich die Blätter von der Beschreibung dieses ausserordentlichen Auftritts las, mir alle abgebrochne Anzeigen der Frau Vandek berichtigt hatte, sagte ich freimütig: dass ich zu wissen wünschte, wie sie die ersten Tage nach diesen erschütternden Erklärungen durchlebten? – sie antwortete voll Würde: sehr glücklich. – Wattines war mit erneueter Zärtlichkeit um mich, wir sprachen ernst und vernünftig von Leben, Tod und der bessern Welt, Gott, unser Schicksal, und wenn ich so sagen darf, unsere, durch diese Unterredung gewiss über gewöhnliches Leben erhöhte und veredelte Tugend und die gesetz der natur wurden uns heiliger und werter, als zuvor. Mein liebenswürdiger Wattines söhnte sich mit einer strengen moralischen Empfindlichkeit aus, ich mich mit seinem Rousseau; und da er teils wegen der schönen idee der Alten: E r d e r u h e l e i c h t a u f i h r e r B r u s t , teils weil die Bewegung des Wassers, das sanfte Bild des ruhigen Schlafes der Begrabenen störte, auch mir dabei sagte, dass, da sein Herz bei dem Versenken in den See, keinen sichern Platz treffen könnte, den geliebten Staub zu besuchen, er nichts von meinem Wunsche hören wollte; so endigte sich unser kleiner Streit mit dem Entwurf, zu beiden Seiten des Belveders, in der Nähe unserer Hütte, gemeinschaftlich wie die frommen Mönche de la Trappe, unsere Grabstätte zu bereiten, sie wie Rousseaus Ruheplatz auf der Insel zu Ermenonville auch mit jungen Pappeln und den schönen Blüte tragenden Gesträuchen unseres Eilandes zu umpflanzen. Sonne und Mond würden unsere Ruhestätte bescheinen, und Vögel auf den Bäumen bei unserm Grabhügel, im Frühjahr, das Lob unsers Schöpfers singen; ja wir freueten uns bei der Vorstellung, dass diese Pflanzen durch die aufgelössten Teile unsers Wesens einen stärkern und schönern Wuchs erhielten, also die Zierde der Insel sein würden, welches der Genius der Griechen gewiss als ein Dankopfer für den auf der Insel genossenen Schutz angesehen hätte. Das Ganze wurde noch vor dem Anfange des Winters fertig, und war die letzte Arbeit im ersten Jahre unserer Einsamkeit, und diese Scene die letzte, in welcher eine schmerzhafte Verschiedenheit der Ideen zwischen Wattines und mir vorkam.

Ich kann Ihnen nicht sagen, meine Freunde, welchen Eindruck der Gedanke dieser Arbeit und der Vorstellung dieses Bildes auf mich machte. Ich konnte nicht reden, wollte auch nicht weiter fragen, sondern sagte nur: Gott sei Dank, seltene ehrwürdige Frau! dass alles in Ihrem Schicksale anders wurde. O wie innig war der blick, mit welchem sie mit gefaltenen Händen zum Himmel sah und sagte: gewiss es hergeht kein Tag, ohne dass meine ganze Seele der ewigen Güte für diese glückliche Aenderung dankt.

Ich erwiderte aber, dass ich diese, ihrer letzten Ruhe bestimmten Plätze noch nie bebemerkt habe, ob ich schon vier Wallfahrten zu der mir heiligen Zelle und den zwei Sitzen der liebenden Einsiedler der Insel Oneida machte. – Emilie antwortete mir lächelnd:

Sie waren doch sehr nahe dabei, denn die zwei nun