Heldenseele, voll edlen Stolzes zu sein, der sich kraftvoll fühlt, und eher mit äusserster Anstrengung selbst trägt, als um hülfe ruft. – Emilie aber mir das Bild darstellt, welches G r a y , der englische, mir so liebe Dichter, in seiner Ode an die Widerwärtigkeit beschreibt. Was er von der Tugend sagt, kann man von Emilien sagen: S i e , die unter der eisernen Hand der Widerwärtigkeit, die ernste Zucht dieser strengen harterzigen Pflegerin manches Jahr hindurch mit Geduld trug, von sanfter Weisheit in entzückte tiefsinnige Gedanken verhüllt begleitet wurde, das stolze Gemüt ihres Mannes erweichte, nicht verwundete, und den beinahe ausgelöschten edelmütigen Funken in seiner Seele wieder belebte, ihn lehrte lieben und vergeben, eigene Fehler richtig wägen, was andre sind fühlen, und daran zu denken, dass wir alle unvollkommne Menschen sind.
Zweites Bändchen
Meine teuren Freunde schätzen gewiss diese Emilie und ihren Wattines mit mir unendlich höher als viele Menschen, welche wir in grossem Ansehen wissen.
Da beide Wattines mich nochmals versicherten, dass ich von ihnen alle Erläuterungen erhalten sollte, welche ich bei den unvollkommnen Noten der Frau Vandek, von ihrer kleinen Inselgeschichte wünschte, so vermehrte ich meine fragen, wie sich auch die gelegenheit sie zu beantworten vermehrte, indem ich beinahe immer mit Wattines lebe, weil ich an dem Teile ihres Gartens arbeiten helfe, wo er von seinem zu Feldern angewiesenen Stück Waldes gegen Norden 20 Bäume stehen liess, um längst dem gezogenen Graben hin sogleich eine schattige Allee zu haben. Vielleicht arbeite ich darum eifriger, weil dorten wieder eine mit Gichtrosenbüschen umgebne Bank für Emiliens Ruhestunden angelegt wird, von welcher sie nicht nur den ganzen Garten und ihren Hof, sondern auch wie auf ihrer Insel-Bank, die Feldarbeiten sehen kann. An der Mittagsseite sind vier Morgen Land mit Zukker-Ahorn, und vier Morgen mit Aepfel- und andern Obstbäumen besetzt; so wie von dem hof an eine Laube mit Fuchstrauben den ganzen Garten gegen die Felder hin durchläuft. – In Wattines Scheune habe ich eine Sämaschine zu schnitzeln angefangen, weil er sich mit so vielem Vergnügen an diesem mir so lieben Gedanken anschloss, der Zimmermann sich auch darüber freuete, und in mancher Ruhestunde nicht nur mir zusah, sondern alles nachahmte: und da jetzt ein Hüttchen für die Schreinerarbeit und Drehbank errichtet wird, indem ich Wattines diese Künste eben so getreu lehren will, als er meinen Zimmermann die Geometrie lehrt; so will ich ihm zu meinem Andenken alle meine Werkzeuge lassen. Mit dem Zimmermanne habe ich verabredet, dass wir beide zwei Morgen Land von den Baumstumpen reinigen wollen; indem man sonst meinen Säpflug nie gebrauchen kann. Bei alle dem vergass ich meine fragen nicht, und suchte eine besonders bezeichnete Scene auf, welche selbst in den Noten der Frau Vandek die Aufschrift hat: zweiter und letzter Kummer, welchen Wattines seiner Frau machte.
Als die Regenzeit einfiel, sagte Emilie: lieber Carl! nun werden wir in vielen Wochen keine so schöne sternhelle Nacht von unserm Belvedere, wie sie den obern teil der Insel nannten, sehen, wie die war, in welcher wir unsre himmlischen Nachbarn zuerst betrachteten.
Ist dir dieser Platz so vorzüglich wert, meine Emilie? fragte Wattines zärtlich.
Ja Bester! ich werde sie auch nie vergessen, die Gefühle, welche der Anblick des so herrlich gestirnten himmels und seines Wiederscheins in der ruhigen See mir gab, und nie sah ich ihn, selbst bei Tage nicht, ohne mich an den Wunsch zu erinnern, welchen ich damals hegte. – Wattines fragte schnell und eifrig: was für einen Wunsch, meine Liebe? Emilie fasste die Hand ihres Mannes, drückte sie an ihre Brust und sagte: Ich wünschte, dass mein Carl mir einmal verspräche, dass wenn ich hier stürbe, er mich in einer solchen Nacht, von der Anhöhe des Belveders in die See senken wolle. Wattines stand auf, warf sich mit einem Ausdruck der bittersten Schmerzen zu ihren Füssen und rief: o Emilie! diess wünschtest du!
Lächelnd und ihn küssend erwiderte sie: ja, herzlich wünschte ich es, weil es mir eine schöne Bestimmung zu sein dünkte, dass wenn nun meine Seele zu dem Himmel über uns aufgestiegen sein würde, auch ihre Hülle aus den Armen meines Carls, zwischen den Abglanz der Sterne, sanft nach dem grund der reinen See hinabgleitete. – Wattines umfasste sie mit Heftigkeit, drückte sie an sein pochendes Herz, legte seinen Kopf auf einen ihrer arme, und ihre Blicke vermeidend rief er: o Emilie! was für ein Bild! und welche Erinnerung kommt mir von einem dieser ersten Abende in die Seele zurück.
Er schwieg dann, sah tiefsinnig und mit bewegtem Herzen vor sich hin, als ob er etwas überlegte, endlich wie mit sich selbst sprechend, sagte er:
Ich will bekennen, dass ich auch einen Todesgedanken hatte, und dann leise hinzu setzte, als wollte er es nur denken, und mit etwas Stocken: Ach Rousseau! mit Heloise auf dem Felsen Meillerie! – Seine arme, welche bis auf diesen Moment Emilien umfasst hielten, öffneten sich und fielen wie erstarrt zurück. Mich schauderte, sagte Emilie noch bei dem Erzählen.
O Gott rief ich, was für eine Verschiedenheit zwischen Mann und Frau. Ich dachte unter dem schönen Himmel, an den mich zu Gott rufenden Tod – und du! die Scene deiner und meiner Zerstörung. O Rousseau! wie viel Uebel hast du bei Erwachsenen gestiftet, wie