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, philosophischen Betrachtungen in dem englischen Journal universal Magazine, welche uns wirklich schöne Stunden gaben; mir kam glücklich ein teil der Abhandlung: über das Gefühl des Schönen in der natur, in das Gedächtniss zurück, wo ein Schriftsteller beweisst, dieses Gefühl erhebe die Seele über n i e d r e B e g r i f f e u n d N e i g u n g e n . Ich nenne diese Erinnerung glücklich, weil sie mich überzeugte, dass Emiliens geduldiges Tragen alles Ungemachs unserer Lage, und in mir das Aufbieten meiner Kräfte diese Lage zu bessern, s c h ö n s e y . Selbst da ich mir innerlich mit Schmerz bekennen musste, dass mein zu weit getriebener Abscheu gegen die Menschen, uns hieher brachte, und ich mir nicht erlaubte, den Himmel mit Bitten oder Klagen über ein selbst gegebenes Weh zu ermüden, dünkte mich diese freiwillige Art von Busse und Selbstbestrafung auch s c h ö n , wie der Mut, mit welchem ich mir sagte: Habe ich Kummer um mich gehäuft, so will ich alles anwenden ihn zu vermindern. Die Kraft diesen Entschluss zu fassen, dünkte mich ebenfalls schön: und ich weiss nicht, ob es mir wirklich ging, wie man von Einsiedlern sagte, dass alle ihre Gefühle überspannt würden, oder ob es Folge der Empfindung von dem W e s e n d e r S c h ö n h e i t war, welche immer, sie mag durch den Anblick eines schönen Mädchens, eines grossen Kunstwerks oder edlen Gedanken wirken, uns stets aus der natürlichen Stimmung in eine Art Entzücken ausser uns versetzt; gewiss ist, dass mich däuchte, bei dem Gedanken des Worts s c h ö n erhöbe sich mit sanfter Empfindung begleitet, eine stärkende Triebfeder in meiner Seele, welche mir die Ahndung gab: Gott würde das redliche Anerkennen meines Unrechts, das Versagen der Erleichterung im Erguss der Wehmut und den Aufruf meiner von ihm erhaltenen moralischen Kräfte in Ausübung jeder Tugend meiner Umstände, mit eben soviel Beifall anblicken, als Emiliens sanfte Ergebung; denn ich fühlte ihn ganz den Unterschied zwischen mir und ihr. Ich suchte alles gute zu tun, um Fehler auszulöschen und das Unrecht zu ersetzen. Ich unterdrückte jede Ungeduld, jeden leidenschaftlichen Jammer, um durch gelassenes Dulden der Strafe meines Trotzes gegen das Schicksal und meines Menschenhasses, Gnade und Vergebung zu verdienen.

Hier dachte ich an unsern Schiller, welcher die Menschen durch die E m p f i n d u n g d e s S c h ö n e n z u d e r M o r a l f ü h r e n w i l l . Wie weit ist er aber entfernt, sich einen solchen Schüler in den Wäldern von Nordamerika zu denken! Wattines, der mir alle freie Stunden dieses Tages schenkte, führte seine Erzählung fort.

Ich freuete mich Emiliens frommer Ruhe, die in allen ihren Ideen und Handlungen herrschte, da hingegen in mir bald dumpfer, bald heftiger Schmerz entstand. Zum Beweiss, ich hatte viel Blumensaamen mit nach der Insel gebracht, Sie können leicht denken, dass ich Emiliens Lieblinge am sorgsamsten pflegte. Ich zog ein schönes Beet voll nach einer englischen Anlage, zwischen Gesträuchen und Bäumen versteckt, bis sie in Blüte standen, und führte dann Emilie zu dem unerwarteten Anblick. Ihre dankbare Freude rührte mich in dem Innersten meiner Seele, trauervoll sagte ich:

O Emilie! wie ungerecht war ich gegen diese Blumen und dich. Ihr verblüht beide ungesehen und unbekannt in dieser Einsamkeit. – Möchte ich ihnen aber Emiliens blick beschreiben, und den anmutsvollen obgleich ernsten Ton der Güte angeben können, mit welchem sie erwiderte:

Mein Carl! wie kannst du dieses sagen, da Gott, du und die Sonne uns sehen, und Bienen die Blumen besuchen, indem sie dadurch von deiner Hand ein neues Gastmahl geniessen, wie ich, dass die Gestalt deiner Emilie deinem Auge so wert ist.

Sagen Sie, war nicht Emiliens Resignation reines Gefühl der überzeugung, dass die Vorsicht immer Gutes will, und dass Gott, gegen dessen Befehle sie nie handelte, liebreich und zufrieden auf sie blicken müsse? – Ich konnte diess nicht denken, nicht hoffen! Nach einigem Schweigen sagte er, mir die Hand drükkend, und sich von mir nach haus wendend: sehen Sie Freund! so verschieden wirkten bei dem nehmlichen gegenstand die Gefühle der Unschuld und die der Reue auf der lieben Insel.

Ich war auch gerührt und wollte ihn nicht aufhalten, denn die Unterredung hatte schon lange gedauert. Die Bewegung seiner Seele war mir ehrwürdig, und ich wusste aus eigner Erfahrung, dass man bei einem gewissen Gange der besten Ideen und Erinnerungen gerne ganz allein ist. Ich wollte ihm auch nicht nachsehen, sondern ging einige Schritte nach dem neu umgegrabenen feld zurück, wo mir bei der Uebersicht der ganzen Anlage der Gedanke kam, dass ich auf diesem, erst jetzt von Menschen bewohnten und angebauten Stücke Erde, in Wattines und Emiliens Seele die wirkung des in Europa seit Jahrhunderten geübten Anbaues der moralischen Welt bemerken könne, wo Kenntnisse und Leidenschaften schon so lange sich zeigten, und zwei auf die nehmliche Bahn gewiesene Menschen, in der innigsten Verbindung der Liebe und der Schicksale, beinahe in allem so verschieden denken, und dennoch, wie richtig gestimmte saiten, den edelsten Einklang der starken und raschen, schwachen und sanften Töne geben. – In dem mann dünkte mich eine durch philosophische Moral gebildete