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Urteilen, machten mich erst oft vor Duellen, und dann vor der Guillotine zittern, aber dem Himmel sei Dank, diese sorge habe ich hier nicht mehr. – Nun fragte ich: Emilie! war diess alles, was du von meinem Feuer dachtest?

O ich wünschte es selbst in den glücklichen Königstagen, natürlich noch bei der unseligen Revoluzion mindern zu können, aber bald erschien es mir als verehrungswerter Eifer, des edlen, wohldenkenden, gegen Unrecht, Niederträchtigkeit und Bosheit empörten jungen Mannes.

Ich sasste sie in meine arme, und dankte ihr; aber ich war nun im fragen, und setzte, doch etwas stokkend, hinzu: teure gute Emilie! aber was ist es dir hier? hier in dieser Einöde, wohin der wilde teil dieses Feuers dich an meiner Seite trieb?

Sie nahm meine Hand und sagte zärtlich: Es ist immer teil meines Carls, dieses Feuer, und hier mehr als anderswo, denn dieses Feuer half unsre Hütte bauen, Bieber, Fische und Endten fangen; bestellte unser Feld mit Korn und Gemüs; belebt deine Liebe, deine Kenntnisse und unsere Hoffnung zu künftigem Glücke.

Ich hatte ihr staunend zugehört und rief aus, Glück? Emilie, Glück? hier für dich, für uns o Beste? – Ernst, aber voll Liebe, erwiderte sie, ja Carl! Glück unserer Lage für jetzt, ist für mich in deinem Leben und deinem geist; künftiges Glück für uns beide, ruhet noch in der Hand Gottes, der durch deine Hand es geben wird. – Sie küsste hier meine Hand, drückte sie an ihre Brust, und indem sie bittend und zärtlich auf mich blickte, sagte sie noch: lass, mein Geliebter! keinen Zweifel unsere erworbene Ruhe und unsere tröstende Hoffnung stören; denn so lange Gottes Himmel über mir und deine Tage neben mir hinfliessen, so kann meinem, Gott und dich liebenden, Herzen kein Wohl fehlen, das ich wünsche.

Wattines schwieg hier einige Minuten: ich war voll Bewunderung über den Geist und charakter dieser so jungen Frau, denn sie war damals erst 20 Jahr alt. Ich ergriff Wattines Hand und sagte innig: o wie glücklich waren Sie in Ihrer Verbannung durch Ihre vortreffliche Frau!

Ach, mein Freund! antwortete er mir seufzend, höchst glücklich, und höchst elend.

Wie das? fragte ich schnell. Er antwortete lebhaft, wie das, sagen Sie? konnte ich wohl mit einem wahren inneren Gefühl von Glück sehen, wie getreu meine liebenswürdige Emilie den wirklich harten Befehl des obersten Gesetzgebers erfüllte, ihrem mann untertan zu sein, alles mit ihm zu teilen, und wenn ich bedachte, wie verschieden die Liebe in ihr und in mir wirkte, sie mir alles opferte, ich ihr nichts? – Ach, nur seit der Ankunft des Vandek genoss ich den Trost, auch etwas für Emilien zu tun, das den Namen eines Opfers verdient, da ich meine vorzügliche Liebe für die Insel, den Hang des Alleinseins, den Wunsch des Alleinbleibens aufgab, und das Land von Vandek annahm, weil ich sah, dass meine Emilie das so lange entbehrte Glück des Umgangs mit einer Freundin zu geniessen wünschte.

Ich sagte ihm: Sie müssen doch finden, dass es so besser ist. Er antwortete: ja nach dem Ernst der Vernunft, aber fragen Sie sich selbst, ob es nicht viel kostet, eine geliebte und gewähnte Phantasie zu opfern?

O wie sehr fühlte ich, dass Wattines recht hatte, als er von der Gewalt der Phantasten sprach; denn ich weiss wie stark man sich an sie heftet, aber ich tadelte ihn, dass er sich bei der Liebe für seine Insel dieses Ausdrucks bediente; denn diese anhänglichkeit ruhet auf bessern Grund, als dem von einer Phantasie: Er fand für sich und Emilie einen Schutz, als sie Vaterland und Menschen flohen; sie vergnügte täglich seine Liebe für die Schönheiten der natur; sie trug Nahrungsmittel und Blumen wie er sie wünschte; er hatte viele Teile von ihr angebaut und verschönert, Kräfte und Erfindung dazu verwendet, hatte da Leiden getragen, Tugenden geübt: dieses waren schöne Bande, welche sein Herz mit Dankbarkeit an den Boden und den Gewächsen der Insel festielten. Er war g a n z f r e y und H e r r von allem. Alles dieses lag in der Wagschale, wenn er Insel und festes Land verglich; – aber ich will ihn forterzählen lassen.

Oft machte ich Betrachtungen über die Macht der

christlichen Moral, welche Emilien vergeben, Fehler meiden und Uebel tragen lehrte; meine stolzen Grundsätze aber mir Hass erlaubten, und mich durch das Gefühl meiner Ohnmacht, Rache auszuüben, straften: mich auf diese unbewohnte Insel trieben, wo ich, nach aller Gerechtigkeit, in Erfüllung meiner feindseligen Gesinnungen, in dem Jammer des Mangels, in harter Arbeit und Verlassenheit meine Züchtigung finden sollte; denn bei dem Genusse des Trostes, dass ein sichtbarer Engel mein Elend teilte und alles bittre meiner Lage versüsste, ergriff mich tausendmal der zerreissende Gedanke, diesen Engel an die grenzen eines unabsehbaren Jammers geführt zu haben; auch dünkte mich oft in dem Blicke ihres grossen seelenvollen, zum Himmel erhobenen Auges, das Gebet zu lesen:

Ewiger Vater! du siehst, wie geduldig ich dem von

dir bezeichneten Pfade meines traurigen Schicksals folge.

Ich konnte nicht mit dem Vertrauen zu dem Erhabenen blicken. Er war für meine Seele nicht ein mich prüfender Vater, wie er Emilien erschien. Er war mir beobachtender mächtiger