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suchen, auf die Wandertauben lauschen, und achtung geben, ob nicht auch etwas wild in den tiefern Gebüschen lebt. Morgens mache ich Feuer und helfe dir unser kleines Mahl bereiten. Sind wir ermüdet, stürmt es, und denken wir zurück an Genuss und glückliche europäische, im schönen Flandern unter liebreichen Verwandten verlebte Tage, da werden wir dieser Erinnerung eine Träne weihen, aber auch sagen: ach, die besten, die liebsten dieser Verwandten sind nicht mehr, sind ermordet, die andern flüchtig, unglücklich wie wir. Sie können uns, wir ihnen nicht helfen, und h i e r sind wir doch weit von unsern Feinden, von den Boshaften und Fühllosen, die uns alle unglücklich machten. Unsere Blicke treffen nur auf uns oder den von Gott bewohnten Himmel und die friedliche Erde, die uns trägt und nährt.

Ich umarmte meinen Wattines und sagte: Gott hat unsern Weg bis hieher geleitet; diese völlige Abgeschiedenheit von allen Menschen, dünkt mich, stellt uns noch näher, noch genauer vor sein allsehendes Auge; wir wollen auch, mein Geliebter! hier diese Prüfungszeit so durchleben, als ob ein jeder Tag der letzte sein könnte; in dieser Stimmung wird alles Ansehen und Vergnügen der Erde gleichgültig betrachtet, ohne Wunsch und ohne Trauer daran gedacht, und nichts erhält einen Wert, als moralische Gefühle gegen Gott, und das Bild von der künftigen Welt. Wattines fand diese Ideen zu düster, und erwiderte:

Nein Emilie! ich denke mich lieber in die Lage unserer ersten Eltern, welche aus dem Paradiese wandern und allein wohnen mussten: wo noch kein andres Wesen ihrer Art lebte, und Eva, nicht so ruhig, nicht mit so unschuldsvollem Herzen auf Adam blicken konnte, als meine Emilie auf mich.

Er verlängerte den Spatziergang mit Fleiss, um mich müde zu machen, aber es erhob sich ein Wind, die Bäume flüsterten, die Wellen des See's rauschten, und der Wiederschein des Mondes zitterte auf dem wasser. Es wurde kühl, Wattines war froh, dass ich diess alles noch im Freien hörte und fühlte, also das Geräusch kenne, und nicht unruhig sein würde. Er führte mich nach unserer Hütte, wir sahen auf unserm kleinen Wege eine Menge Leuchtkäferchen, welche mich, da ich sie liebe, sehr freueten. Wir zündeten eine Lampe an, und schliefen diese vierte Nacht auf der Insel allein, und das erstemal in der geordneten Schlafstelle unserer Hütte. Das mitternächtliche Krähen unsers Hahns, war mir eine Art tröstlicher Täuschung von Nachbarschaft und idee von Hausfreunden. Wir erwachten früh, hatten aber sehr wohl geschlafen, und fanden sehr gut, dass wir von Philadelphia an, so viele abwechselnde Ruhestätten hatten, bis wir am Ende noch zwei Bärenfellen auf der Erde, unter ein niedres Zelt von dem Segel der FischerBarke krochen; nun also den Wert unserer Hütte, der Matratze und Wolldecken mit Dankbarkeit fühltenund, o wie glücklich machten mich zwei Eier von unsern Hühnern, und ihr trauliches Zulaufen gegen mich! Ich bat Wattines, ihnen doch sobald möglich einen kleinen Umfang anzuweisen, damit sie die Freude haben möchten, Grünes zu fressen, ohne dass ich in Gefahr käme, sie zu verlieren. Ich bin heute noch sicher, dass mein guter Mann eine ganz andre Arbeit vor hatte, aber seine Güte überwog sein Nachdenken, und mein Hühner-Hof wurde besorgt. Ich half kleine Breter herbeitragen, holte Nägel, hielt die Aeste des Gesträuchs, welches Wattines umbiegen und einflechten wollte; aber ich muss bekennen, sagte sie halb lächelnd, dass ich damals noch Handschuhe anzog. Mein geliebter Carl machte das alles so geschickt, und so schnell, dass ich ihn bewunderte, und mit inniger Rührung seine hände küsste, und nun an meinen Heerd ging, Feuer anmachte, und zwei Wander-Tauben, welche die Fischer uns noch zurück gelassen hatten, zu dämpfen Es geschah nicht ohne Tränen, dass ich mir selbst dankte, aus Liebe zu meiner Amme, welche Küchenmagd bei meinen Eltern war, mich immer gern um sie befand, selbst da ich 12 und 13 Jahre alt war. Wenn wir auf dem land wohnten, mich oft in die Küche stahl, auch bei mancher Sache, die nicht schmutzig war, mit arbeitete, und Freude hatte, etwas so gut zu machen, als Trinette.

Wie weit war ich damals mit ganz Frankreich, und so viel tausend andern Personen entfernt zu vermuten, dass diess, was wir uns zum Vergnügen, oder als schöne Kunst bekannt machten, einst Erwerb zu Lebensmittel sein würde, und dass ich, die meiner Milchschwester manchmal zum Scherz Vögel rupfen, oder in den Zimmern eine Arbeit bei dem Aufräumen fertig machen half, mich tausend Meilen von unserm Geburtsorte entfernt, ihrer erinnern, und sie in dem grund meiner Seele glücklicher achten würde, als ich war. Gewiss, es flossen Tränen mit in den Topf, in welchem ich die Tauben kochte, aber die sorge, meinen Wattines dadurch zu kränken, trocknete sie. Ich blieb auch etwas länger, als nötig war, an meinem Herde, um jede Spur von Trauer verschwinden zu lassen, und lief nur einen Augenblick zu Wattines, um zu fragen, ob ich ihm noch etwas helfen könnte? als er nein sagte, kehrte ich schnell um, rang dann unter Beten und Seufzen nach Heiterkeit. Einige Zeit nachher ruste mich mein teurer Carl und bat um etwas Bindfaden, damit wir den Hühnern einige Schwungfedern zusammen binden könnten