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, dass ich einst ohne Freund in einem andern Weltteile leben würde, bis ein in den baadenschen Landen gebohrner schätzbarer junger Mann, mir diese edle Menschenfreude in einem erneueten Bilde zeigte.

Wir waren jetzt am Ufer des See's. Die von einem sanften Abendwinde bewegten Wellen rauschten in dem von der niedergehenden Sonne erhaltenen Purpurlicht an uns vorbei, und in diesem Moment traf die Erinnerung an mein Vaterland, an meinen Fürsten und an meine Freunde Wucherer so unverhoft an meine Seele, dass ich Wattines weinend umarmte, indem ich ausrief: Gott! die Erinnerung an Carlsruh hier! von einem Sohne Frankreichs! Wie sonderbar ist dieses Zusammentreffen!

Nicht so sonderbar, erwiderte Wattines lebhaft, als dass Carl Friedrich von Baaden und Robespierre zu gleicher Zeit als Nachbaren lebten.

Nun gingen wir den übrigen Weg meist schweigend, gegen seine wohnung zu. Emilie kam uns mit den Kindern entgegen. Wattines rief ihr zu: Ich habe meinen Wunsch erreicht, die Aussicht auf die Stelle, wo wir den ersten Abend auf der Insel uns umsahen, bleibt mir offen. Hier der Freund des Herrn Vandek hat mir dieses Glück erhalten.

Die liebenswürdige Frau dankte mir für die grosse Freude welche ich ihnen dadurch schaffte, und ersuchte mich den Abend bei ihnen zu bleiben, indem Vandeks, bei welchen ich mich zu gast gebeten hatte, bei ihnen essen würden. Wattines entfernte sich, und brachte den Zimmermann mit nach haus. Unser Tisch war in ganz altem Tone bestellt, denn der gute, bei Wattines wohnende Taglöhner, seine Frau und Tochter assen mit uns ihren Anteil Wandertauben und Erdtoffeln, wie wir, tranken Sprossbier mit uns, und sprachen dann mit ihrem Herrn von der Arbeit des folgenden Tages, gingen aber früh weg zu Bette. Nun sprach Wattines von dem Plane und den Wünschen des guten Zimmermanns, Emilie brachte eine Flasche von ihrem Honigwein, dessen wirklich angenehmer Geschmack mich in Verwunderung setzte. Ich berührte nun mein Verlangen etwas von ihrer Reise nach der Insel, und von ihrem einsamen und arbeitvollen Leben zu wissen.

Das sollen Sie, sagte Wattines, in sehr munterm Tone in meinen Abendstunden hören, wenn Sie Wort halten, und den Winter bei uns bleiben.

Ich versicherte dieses, und alle bezeigten ihre Zufriedenheit über meinen Entschluss. Der edle Wattines setzte hinzu: Emilie soll Ihnen auch von ihr erzählen, und alle Abend von ihrem Inselwein vorsetzen.

Also bin ich wirklich verbunden zu bleiben, auch wie ich die Menschen und die Gegend fand, gefalle ich mir besser am See Oneida, als in einer der Hauptstädte, wo man ganz den Wiederschein europäischer Pracht und Wohlleben findet. Hier bin ich für alle diese Menschen sehr viel, bei den glücklichen Bewohnern einer schon eingerichteten volkreichen Stadt, nur eine person mehr; und ich bekenne, dieser Gedanke fesselte mich auch. Vandek und seine Frau versicherten mich bei dem Nachhausegehen, dass mein Entschluss ihr Glück vergrössere, und so ging ich selbst auch glücklich schlafen. Meine Freunde glauben gewiss ohne meine Versicherung, dass ich sehr bald einen Auszug von den Blättern der Frau Vandek notirte, über welche ich bei Wattines noch einige Erklärungen wünschte; aber da ich irgendwo in der Ordnung anfangen musste, so wiederholte ich ihm selbst die Erzählung, welche mir Vandek von den Beweggründen gab, die ihn nach Amerika führten. Wattines sagte: ich will Ihnen darüber schreiben, denn die Zeit und die Sammlung der Gedanken fehlen mir zum mündlichen Vortrage. – Acht Tage nachher gab er mir diesen Aufsatz.

"O, wie soll ich sagen, warum ich auf der Insel war, und nun in dieser Holzhütte bin? Ich floh Frankreich, nachdem man meinen Onele und meinen ältern Bruder ermordet hatte, welche ich beide unaussprechlich liebte. Meine Schwägerin starb in Geburtswehen mit dem kind aus Jammer über den Tod ihres so liebenswürdigen Mannes. Die Familiengüter wurden eingezogen: die höchste Güte und Wohlwollen für alle, konnten selbst den besten König nicht retten. Ungerechtigkeit und Grausamkeit siegten überall, und Tugend verlor. – Meine Seele war empört und zerrissen. Ich konnte nichts mehr tun, als mein Leben oder meine Grundsätze aufopfern. Das letzte wollte ich nicht. Mich auch morden zu lassen? zu was half ein Todter mehr? und Emilie, meine Braut, die mich liebte, hatte niemand mehr, als mich. Ich konnte mich dem tod nicht weihen, da Emilie nur für mich lebte. – Wir flohen also, wie so viele andre Familien, nach Amerika, raften von dem, was die Räuber und Mörder nicht genommen hatten, noch so viel zusammen, als wir konnten, selbst Lieblingsgegenstände von mir, Bücher und matematische Instrumente: Emilie, meine mir nun augetraute, in Flandern gebohrne, so gern reinliche Emilie, wollte sich nicht von dem Ueberreste ihres Leinen trennen. Ich wollte nicht nach England, weil man mir sagte, es liebe uns nicht; andre europäische Staaten waren mir nicht eifrig genug zur hülfe, und ihre Länder zu sehr mit den Nachrichten und Anhängern der Revoluzion erfüllt. Mein Vater und mein älterer Bruder hatten mir Amerika oft gerühmt. Liebe zum Leben, zu Emilie, und der Wunsch, das Ende der Revoluzion zu sehen, neben dem Hass gegen die Menschen in Frankreich und Europa, führten mich nach Philadelphia; aber da wurde stets und immer von den unseligen begebenheiten meines Vaterlandes, und seinem Umsturze gesprochen, und meine tief verwundete Seele hatte schon auf der Reise durch das Geschwätz des Leichtsinns, durch leere Entwürfe der Wiederherstellung