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Sie eben gelesen haben, und Wattines sprach freudig:

Von ganzer Seele will ich dem rechtschafnen mann alles mitteilen, was ihm dienen und ihn freuen kann. – Sie sind doch nicht zu müde, fuhr er fort, kommen Sie mit mir zu ihm, und sein Sie Zeuge meines Versprechens.

Das bewilligte ich gerne, und redete noch mit ihm von der Wissbegierde des Mannes, und wie er so getreu seinen Dank, nach dem hohen Werte der Wohltat berechnete. Wattines wurde nach gerade stille, etwas tiefsinnig, ja mich dünkte er blicke mit ernster Trauer nach mir. Sollte, dachte ich, der Mann eine Reue über sein schnell gegebenes Versprechen fühlen? und stand stille. Herr von Wattines, wir wollen nicht weiter. Mir scheint, Sie machten Ueberlegungen wegen der so rasch gegebenen Zusage, einen mühsamen Unterricht zu übernehmen. Sagen Sie mir, ich bitte, Ihre Gesinnung. – Er antwortete, gerne; aber mit gedämpfter stimme setzte er hinzu: das Anerbieten des ehrlichen Mannes, mir für das, was er von mir wünschte, seine Besitzungen hinzugeben, machte mich nachdenkend. Ach, ist dieses nicht Wiederholung der geschichte der L e h e n - R e c h t e , da Bedürfniss einer hülfe, Begierde nach Erfüllung eines Wunsches, nach etwas, so in der Gewalt eines andern war, ehemals solche Entwürfe machte, gute Menschen zu eben solchen Anerbieten leitete, welche von Rechtschafnen, ohne Missbrauch der Not des Bittenden auf billige Bedingnisse angenommen, leider aber von den niedern habsüchtigen Seelen, zu grösseren Vorteilen benützt wurde? Der traurige Gedanke drängte sich mir auf: ach, hier auf diesem neubewohnten Boden keimte nun auch, in dem Kenntniss und Ehre liebenden Herzen dieses redlichen Mannes die idee auf: ich will was er hat, was ich wünsche, nicht umsonst, will ihm dagegen anbieten, was in meiner Gewalt ist. Wissenschaft ist ihm, was ehedem Sicherheit gegen Feinde in dem Schutz tapferer Ritter oder Versicherung der Seligkeit von den Geistlichen, vor so vielen Jahrhunderten in Europa war, wofür sich Landleute hingaben, wie der gute Zimmermann, sich und seine Haabe für Geometrie und Baukunst, in meine hände geben wollte, und also einst in Amerika, die Nachkommen meines Sohnes, auch in einer Revolution ermordet, auch wieder von dem eigen angebauten und übertragenen Feldgute vertrieben würden, wie ich von dem meiner Voreltern.

Mein ernster europäischer Freund wird mich nicht tadeln, wenn ich sage, dass diese unerwartete, aber in Wattines sehr natürliche Betrachtung, gerade weil sie so treffend war, mich rührte. Ich sagte ihm, ich ich könnte diese Erinnerung und Anwendung nicht missbilligen, und nur den angenommenen Satz grosser Philosophen entgegen stellen, dass nichts auf der Erde zweimal in der vollkommnen Aehnlichkeit erschiene.

Er lächelte, wie ein Kranker gegen den Freund lächelt, der ihn mit Hoffnung des Besserwerdens tröstet, und sagte mit einem Blicke nach der sich senkenden Sonne: ach, die geschichte der Menschheit zeigt mir einen Kreisslauf des Denkens, Handelns und der Leidenschaften, wie die Sonne und die Jahrszeiten ihre Cirkel seit Jahrtausenden beschreiben.

Ich fasste seine Hand und ging in seine Gedanken über, indem ich sagte: Sie sahen also auch immer, von Zeit zu Zeit, einen höchst edlen Sterblichen, wie Sie es sind, auf ihres Gottes Erde wandeln.

Er drückte meine Hand, und blickte männlich innig mich an, da er mit sanft ernstem Tone sagte: Dank, dass Sie Gottes Erde nannten, denn dieses allein hielt mich auf ihr fest, aber ich freue mich sterblich zu sein.

Ich sagte: der Himmel wird Sie für Ihre Familie

und zu einem Beispiele des hier neu aufwachsenden Geschlechts erhalten.

Ein blick und eine bescheidne edle Verbeugung

seines Kopfes war die einzige Antwort, welche er gab. Nun waren wir nahe bei dem Zimmermann, dieser eilte uns entgegen, und bald war der schöne Vertrag des emsigen Fleisses, und des treuen Unterrichts in dem beiderseits gebrochnen Englischen, unter meiner Gewährschaft geschlossen. Wattines freuete sich, und der brave Handwerker dankte mir. Bei dem Zurückgehen fragte mich erster, ob ich noch einige Zeit dieses Sommers hier bleiben würde? – Der Ton seiner stimme, und sein auf mich geheftetes Auge, sagten so deutlich, dass er es wünsche, dass mein Herz antwortete:

Ja! auch den Winter, wenn ich S i e oft sehen und

sprechen kann.

Ein flüchtiges Erröten, das ein schnelles Pressen

unsers Herzens hervor bringt, und eine eben so schnell und flüchtig in seinem prächtigen Auge sich zeigende und schwindende Träne, waren unmittelbare Vorläufer einer nach einigem Stillschweigen folgenden Antwort, wobei er stehen blieb, sich zu mir wandte und sagte: das Schicksal hat mich nach vier Jahre langer Einsamkeit wieder mit Nebenmenschen verbunden. Ich fühlte schon oft den wohltätigen Einfluss des gesellschaftlichen Lebens für mich und die Meinigen, fühlte auch durch die Bekanntschaft des Vandek wieder Empfindungen der Freundschaft erwachen: S i e erheben dieses Gefühl zu einem Wunsche, um so mehr, da Sie aus einem Teile von Teutschland sind, dessen Einwohner ich, besonders wegen dem geist und charakter der Fürstlichen Familie liebe; denn ich war einige Zeit in Strassburg in Garnison, machte kleine Reisen nach Carlsruh, lernte den weisen menschenfreundlichen Regenten kennen, verehrte ihn, gefiel mir in dem Fleisse der Untertanen, und der Güte ihres Landesherrn; aber wie weit war ich entfernt zu denken, wenn ich bei der Zurückkunft mit meinen Jugend-Freunden von diesen Reisen sprach