jede Schönheit unserer Erde bei uns vorüberschwebte, wo St. Pierre sagt: "Ganz andere Verzierungen schmücken das Aeussere unserer Erde: Ein Gürtel von Palmbäumen, welche die Datteln und Kokosnüsse tragen, umfassen sie zwischen den heissen Zonen, moosigte Fichtenwälder bekränzen die beiden Pole, tausend und tausend andre Pflanzen dehnen sich wie Strahlen von Mittag gegen Norden, bis sie in verschiedenen Stufen der Kälte verschwinden – der Bananier2, dessen Früchte und Blätter so nützlich sind, wächst in Menge von der Linie bis an die mittelländische See – Der Pomeranzenbaum kam über das Meer zu uns, und umfasst die Ufer der mittäglichen Gegenden mit seinen goldenen Früchten. – Die nötigsten Gewächse, wie Korn und Gras, dringen viel weiter, und stark in ihrer Schwäche, breiten sie sich in dem Schutz der Täler von den Ufern des Ganges bis an das Eismeer aus. Pflanzen des rauhen Nords, kommen von den Höhen des Taurus, unter der Decke des Schnees, bis an den heissen Gürtel der Erde. Tannen und Cedern krönen die Berge in Arabien und das Königreich Cachemir, indem sich zu ihren Füssen die brennenden Ebnen von Oden und Lahor erstrecken, wo man Datteln und Zuckerrohr sammelt; andre Bäume und Gesträuche, welche Hitze und Kälte scheuen, haben ihren Wohnsitz in den gemässigten Gegenden genommen. Der Weinstock kränkelt in Deutschland und in Senegal, der Apfelbaum ist meinem vaterland eigen (der Normandie), und hat niemals die Sonne gerade über sich, oder in einem Kreise um sich herum gesehen seine schönen Früchte zu reifen; und so hat jedes Stück Erde seine Flora und seine Pomona; Felsen, Sümpfe und sandigte Gegenden haben ihre Pflanzen, selbst die steilen Ufer des Meers sind fruchtbar. Der Cocosbaum liebt diese sandigen Gestade, von welchen sich seine süssen milcherfüllten Früchte, über die gesalzenen Fluten hinbeugen. Wäldchen von Moos bedecken Steine, verschiedene Pflanzen den Grund des Meers, zwischen welchen Fische und Muscheln herumgehen, und alle, alle tragen Blumen. – Manche sind der Luft, den Jahreszeiten und Stunden des Tages gewidmet, so dass Linnens sie nach der Ordnung des Calenders und der Uhren pflanzte. – Wer kann die unendliche Mannigfaltigkeit ihrer Gestalten und Farben beschreiben, den Nutzen und die Anmut erzählen, welche durch sie über die ganze Erde schweben, in Lauben, Gängen und Pyramiden voll Früchte! Wie viel köstliche und ergötzende Gastmale werden in ihrem Schatten genossen, und nichts von ihnen geht verloren! Vierfüssige Tiere essen ihre zarten Blätter, Vögel ihre Samen, andre Tiere ihre Wurzeln und Rinden, die Bienen ihren Blumensaft zu Honig, ihren Staub zu Wachs."
Ich will nicht weiter gehen, als diese von Emilie gewählte Uebungsblätter mich führten, aber ich glaube, es wird meine Base freuen, bei diesem Teile meines Tagebuchs eine geographische Wanderung auf den Landkarten ihres Saals zu machen, und den Blumen und Bäumen nachzugehen, welche St. Pierre auf ihrem stillen Wege über die Erde beobachtete, und mit so edler Verehrung des Schöpfers, mit so inniger Liebe seiner Mitmenschen begleitete. Emilie rührte mich durch eine Anwendung auf ihr Schicksal, denn bei der wirklich schönen Betrachtung: dass Felsen, Sandboden und Sümpfe, durch die wohltätige Hand der natur, mit eigenen Blumen geschmückt, und mit nützlichen Pflanzen begabt sind, blickte sie innig auf ihren Mann, und sagte: Könnten wir nicht, mein Carl! in dem Geist deines Freundes St. Pierre behaupten, dass es in der moralischen Welt mit dem Verhängniss der Menschen eben so gütig, ja mit noch grösseren Vorzügen geordnet ist; denn so hart, so ungünstig und traurig die begebenheiten des Lebens sind, so hängt es von dem Willen unserer Seele ab, durch ausübende Tugend, mit Kenntniss vereint, die bittersten Leiden zu versüssen, trübe Tage zu erheitern, und mit unserm geist das Nützliche des Fleisses und des Nachdenkens, wie das Schöne der Geduld und der Ergebung zu finden, welche unsere Tage als unsterbliche, der Ewigkeit geweihte Blumenkränze zieren, wie unser Auge reitzende Blüten und nahrhafte Pflanzen, für das angenehme des physischen Lebens bemerkt und aufsucht.
Wattines war noch stärker gerührt, als ich, fasste ihre Hand, und mit einem zugleich ernst und zärtlichen blick, auf die holde, edle Frau, sagte er mit bewegtem doch männlichen Tone: Ja, meine Emilie! diese Grundsätze deiner Seele haben nicht nur unser Leben auf der Insel verschönert, sondern unsere Kräfte erhalten. In dir sah ich die wohltätige wirkung wahrer Religion und wahrer Liebe, dein auf Gottesfurcht ruhender Mut, dein sanftes Tragen jeder Beschwerde stärkte mich; deine voll kindlichen Vertrauen zum Himmel erhobenen Blicke, erhoben auch mein Herz zu der überzeugung, dass der ewige Vater uns erhalten und für uns sorgen werde; dadurch ward meine Arbeit Freude, unsere Bücher und die Schönheit der natur meine Erquickung. – Sie drückte seine Hand an ihre Brust, und sagte ihn unterbrechend: O nichts mehr, mein Carl! nichts mehr von mir! Ich war glücklich an deiner Seite, gleichen Schritt den Weg unserer Prüfung zurückzulegen, ohne den gang deines edlen Geistes zu hemmen, oder deine Gefühle zu lange bei traurigen Gegenständen festzuhalten. Er hat glücklich geendet, der einsame, von dir mit Blumen bestreute Pfad, Ruhe und Freundschaft erfüllen unsere Wintertage, setzte sie mit einer anmutsvollen Verbeugung gegen mich hinzu, und dieses verspricht mir eine noch schönere Zukunft an unserm lieben See.
War diese Anwendung von St. Pierres Ideen nicht ungemein schätzbar und überraschend? Ist diese Frau nicht in allen Gelegenheiten eine