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den Ideen und den Empfindungen des St. Pierre gebildet werden. Was mich dabei innigst freut, ist, dass Wattines ihn auch Latein lehren wird. Nun gibt es keine Blumen mehr zu suchen, keine Insecten mehr zu haschen, da sucht Carmil in den wenigen Zwischenstunden des Windes und des Regens, unter den, von dem letzten rein gewaschnen Steinchen, die verschieden farbigten zu sammeln, mit welchen er dann, in Gesellschaft der zwei kleinen Holländer Vandek, auf dem offenen platz der Scheunen ihrer väterlichen Wohnungen, in glatt gestreuten Sand, Gärten und Blumenstücke anlegen, auch in der Werkstatt von Wattines, die Stückchen Holz nach Grösse und Form ordnen, Triangel, Quadrat und Zirkel, gerade Linien oder halbe Bogen beschreibende Züge damit auslegen, welches alles für ihr junges Auge eine höchst nützliche Uebung ist, und nicht an der, Kindern so gesunden, Bewegung hindert.

Heute fand ich Wattines, um die Zeit meiner deutschen Lehrstunde, mit seinem St. Pierre in der Hand, den er mir mit der Bitte entgegen reichte: O lassen Sie mich heute einige Lieblingsblätter übersetzen! Ich antwortete: Sehr gerne, lieber Freund! und als ich das Buch gefasst hatte, traf ich die herrliche Betrachtung über Mannigfaltigkeit und entgegengesetzte Farben und Gestalten aller Wesen unserer Erde, alles aus dem schönen Gesichtspunkt der Verehrung des Schöpfers, und in der lieblich glänzenden Einkleidung der Mytologie dargestellt: äusserst rührende Stellen waren von Wattines mit Bleistift unterstrichen, oder am rand bezeichnet, wie z.B.: "Ein Hain am Ufer der See, welcher von den ersten Stralen der aufgehenden Sonne beleuchtet, hier dichte, dort sanft durchsichtige Schatten auf die Wiesen wirst, dunkles, und mit Silberglanz vermischtes Grün der verschiedenen Bäume, zeigt sich in Abschnitt mit dem Azur des himmels, ihr Wiederschein schimmert im wasser, und was weder Dichtkunst noch Malerei abbilden können, der Wohlgeruch von Blumen und Kräutern, das leise Rauschen der von dem Morgenwinde bewegten Blätter der Bäume, das Summen der Insekten, der Gesang der Vögel, das dumpfe, mit gänzlichem Stillschwelgen unterbrochne Brausen der an dem Ufer anschlagenden Wellen, und alle diese, nebst dem fernen Echo, sich auf der Fläche der See verlierende Töne, scheinen die stimme der Nereiden zu sein: A c h w e n n L i e b e o d e r P h i l o s o p h i e dich in diese Einsamkeit führen, so wird dein Aufentalt angenehmer sein, als in einem Pallast" ... Mit erstaunend kleinen Buchstaben war am Ende dieses Gemäldes geschrieben: E r s t e r F r ü h l i n g m i t E m i l i e n a u f d e r I n s e l O n e i d a . Gleich auf dem andern Blatte fand ich die kaum noch sichtbaren Züge des Entwurfs zu dem Gemälde der Insel Lemnos, mit Lorbeer- und Olivenbäumen, um das Grab des edlen Philoktet, unfern einer Grotte, in welcher man den hölzernen Wasserkrug und arme Kleidung sieht, welche die Grausamkeit der Griechen ihm in dieser Einsamkeit gelassen hatten: ich konnte mir die Ursache dieses Entwurfs denken, forschte also nicht nach Erklärung. Wattines selbst machte mich diesen teil gleich überschlagen, und ich konnte kaum die Aufschrift des Grabes lesen:

Hier ist Ruhe nach einem wohltätigen Leben,

und Schutz gegen Bosheit der Menschen. –

Ich wunderte mich nicht, dass er die Zeilen unterstrichen hatte, wo St. Pierre sagt: "Ohne Instrumente, ohne Naturalienkabinet kann man die natur beobachten, ihre reizenden, abwechslungsvollen Bilder kennen lernen. – Die Sonne, welche mit ihren Strahlen die halbe Erde umfasst, während die Nacht die andre mit ihren Schatten deckt, doch ist keine Stelle, wo nicht Anbruch des Tages, Dämmerung. Morgenröte, hoher feuriger Mittag, dann glänzender Sonnenuntergang, sternhelle, oder ernst dunkle Nacht sich folgen. Die Jahreszeiten geben sich die Hand, wie die Stunden: der Frühling mit Blumen bekränzt; der Sommer mit Korngarben umgeben; der Herbst mit seinem Füllhorn voll Früchte; vergebens streben Winter und Nacht die wirkung der Sonne zu hemmen, ihre Feuerpfeile zerstören das aufgetürmte Eis, sie zieht wasser in die Luft, und lässt es als Ströme und Bäche die Erde durchfliessen. – Sie setzt Gewitter und Sturmwinde in Bewegung, und befiehlt den unsichtbaren Kindern der obern Luft, die Wolken zu leiten. Oft verbreiten sie diese wie goldne Schleier und in schönen Farben gestreiften Seidenzeug, oder rollen sie zu fürchterlichen Gestalten mit Donner und Blitzen erfüllt; bald lassen sie diese gesammelten Dünste als Tau, Regen, Schnee und Hagel die Erde übergiessen, jeder Fluss bekommt seine Urne, jede Najade ihren Wasserkrug gefüllt; bald ruhen sie, und lassen das Meer wie einen unermesslichen Spiegel glänzen; bald kräuseln sie seine Oberfläche mit sanftem erfrischenden Hauch, andre erheben sie zu grünen und blauen Wogen; stärkere, unruhigere aber stürzen sie wie Gebirge von Schaum und Gewässer zusammen; jeder Kreis der Erde hat seine Eis- und Feuerberge, jeder hat Flächen und Hügel, in jedem fliessen Ströme nach allen Richtungen, und bei allen diesen Erschütterungen, Lasten und einander widersprechenden Bewegungen, setzt unsere Erdkugel ihren Lauf ununterbrochen durch die Luft fort." –

Aufmerksam sass Emilie mit ihrer Arbeit bei Wattines, als er diese ausgewählten Stellen übersetzte; aber mit süssem zufriedenen Lächeln blickte sie auf das Buch, als die Reihe an sie kam, und wie billig während ihrem Lesen