die griechische Sprache nicht kenne, und nie eine Uebersetzung von ihm las, so bewunderte ich um so mehr Emiliens feine Empfindung und Berechnung dessen, was zu meiner Absicht taugte; denn Sie können wohl glauben, dass ich ein von Emilie auf eine so unerwartete Weise vorgeschlagnes Buch mit dem grössten Eifer und Aufmerksamkeit durchlas. – Wirklich hat sich auch dadurch der Plan meiner Winterbeschäftigungen weiter ausgedehnt, als ich dachte, indem ich den Knaben der Landleute am See Oneida einen Auszug des Lebens und der Schriften des Hesiodus und des Virgils machen, und ihnen eine kleine, durch Gefühl und Wahrheit verschönerte geschichte des Ackerbaues und aller ländlichen Arbeit und Freuden, dieser so weit von uns entfernten zeiten und Nationen für sie schreiben, und dabei ganz genau die einfachen Vorschriften und Ermahnungen des Hesiodes, und die seinem Bruder vorgelegte, auf alle zeiten passende moralischen Grundsätze damit verbinden werde. – Alles dieses werde ich in einem heitern Lichte darstellen; Ackerbau, Gärtnerei und Viehzucht in lauter angenehmen Bildern zeigen, und die gute Landwirtschaft eines vernünftigen und rechtschaffenen Mannes als sicherste Quelle des wahren unabhängigen Glücks der besten Menschen in allen Jahrhunderten zeigen. Der liebe Wattines wird mir einen teil dieses, wie ich glaube, nützlichen Werkchens, verschönern helfen, indem ich den guten Knaben, nach dem Beispiel des Hesiodes, auch die Gestirne bekannt machen möchte, welche man von den Ufern dieses angenehmen See's beobachten kann. Ich hoffe meinen Zöglingen dadurch mit neuen Gefühlen für ihr Herz, und mit neuen Begriffen für ihren Verstand zu bereichern, und Wattines will die Knaben noch diese letzten Herbstabende, die Namen der über uns stehenden Sternbilder lehren.
Emilie, welche jetzt diesem Entwurfe mit Vergnügen zuhörte, sagte mit edler Teilnahme: Wie sehr, mein Carl, erhöhest du hiermit den Wert der Spatziergänge, welche du an dem See anlegtest, die der arbeitende Mann und die Lehrlinge nur nach Untergang der Sonne besuchen können, und sich gewiss glücklich achten werden, wenn sie nun die Namen ihrer sie sanft beleuchtenden Nachbarn zu nennen, und ihre Stellen zu bezeichnen wissen. – Wie glücklich wird der Abend sein, an welchem sie sagen werden: hier, nach geendigtem Tagewerk, dient der stille Glanz dieser erhabnen Geschöpfe zu vermehrter Freude bei unsern Erholungsstunden; den Seefahrern aber ist ihre Erscheinung, nach überstandnen Stürmen und irre getriebnem Lauf der Schiffe, ein wahrer Trost, weil sie durch die holden niemals von ihrer Bahn abweichenden Sterne, auf den Weg ihrer Bestimmung zurück geleitet werden.
Diese Betrachtung ist ein wahres Geschenk, welches Emilie meinen Zöglingen aus der Fülle ihrer vier Jahre lang gesammelten Gedanken macht; denn ihr waren ja damals die Gestirne einzige liebreiche Nachbarn. Mich freut, dass die Knaben damit zugleich die schöne Verbindung sehen, in welcher eine edle Seele die Gefühle ihrer Freuden mit dem Wohl ihrer Nebenmenschen vereint. Lange, meine Freunde, hatte ich nichts von Ihnen gehört, aber Sie haben mich mit dem letzten Paquet entschädigt, und mehr als dieses, Sie haben mich so reich und glücklich gemacht, wie ich es hier nach meinem Charakter und nach meiner Lage nur immer werden konnte. – In welch einer seligen Stunde lispelte Ihnen der Geist der Freundschaft den wohltätigen Gedanken ein, mir des vortreflichen Herders B r i e f e z u r B e f ö r d e r u n g d e r H u m a n i t ä t z u m Stoff meiner Herbst- und Winter-Unterhaltungen zu schikken. – Lange hatte ich nicht an die Verschiedenheit des männlichen und weiblichen Geistes gedacht, und hier sah ich ihn so liebenswürdig gleich nach der vollkommensten Uebereinstimmung erscheinen. Diese sagte: u n s e r F r e u n d i n A m e r i k a m u ss H e r d e r s B r i e f e h a b e n : der Mann will mit dem ersten Postwagen, das ganze allgemein nützliche nach Hamburg senden: die Frau aber sucht, beherzigt und schreibt Auszüge, welche in diesem Moment für mich passen, und gibt sie sogleich der Briefpost.
O meine Base! wie soll ich Ihnen dieses vergelten? wie belohnen? Glücklich ist, wer mit einem solchen Charakter, mit einem so ausgebreiteten Wohlwollen, wie Sie, sich die Freude wünschet, eine schöne Absicht erreicht zu haben – Und dieses ist geschehen, meine teure, mit einer unschätzbaren Feinheit begabte Luise! Diese von Ihrer Hand gemachte Copie ist früher angelangt, als das Ganze nicht kommen kann. Was diese Blätter mir für eine Freude machten, kann nur der fassen, welcher einst die gewünschte Versicherung ewiger Liebe erhielt; denn Sie, meine liebenswürdige Base, haben mich damit in den Stand gesetzt, mit den edlen Wattines aufs neue von Menschen zu sprechen, welche in diesem Weltteil ihrem Herzen doppelt heilig sind, und ich genoss das edle Vergnügen, von einem unsrer verdienstvollen Landsleute zu erzählen, welcher mit dem hohen Gefühl von den verehrungswürdigsten Freunden der Menschheit spricht, wie Herder von dem spanischen Bischof las Casas, welcher sich der südlichen Amerikaner erbarmte, und an dem Hof zu Madrit für sie bat, wofür Emilie noch seine Asche segnete, und sich freute, dass der französische Bischoff F e n e l o n sogleich in die Reihe der Menschenfreunde gestellt wurde, nicht nur, well er Frankreichs Völker durch den Telemach einen weisen, gütigen Regenten bilden wollte, sondern weil er dem Erbprinzen, von dem damals herrschenden Religionshass und Religionsverfolgung abmahnte