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die Augen wischte, liess ihren Rechen fallen, und kam zu uns gelaufen, fasste die Hand der alten Frau: Mutter, was fehlt Euch? sagte sie sehr sanft, indem sie dabei forschend in ihr Gesicht blickte. Weil die gute Frau fortweinte, und nicht sogleich sprechen konnte, sagte ich: Sei Sie ruhig, gute Susanne, die Mutter weint aus Freude über ihre schätzbaren Kinder. – O das ist recht, erwiderte sie munter, der Mutter die Hand drückend, mir war Angst, es reue Euch, hieher gezogen zu sein, und das wäre mir und Eurem Philipp recht leid. – Freundlich sagte die alte Frau: Fürchte das nie, liebe Suse! ich bin gern da, und würde noch kommen, wenn ich nicht da wäre. Suse drückte ihr die Hand, und sagte: es soll Euch auch nie, n i e reuen, bei uns zu sein.

Den Moment sah sie einen Mann Breter herbeitragen, und eilte, sie gleich abheben zu helfen. Mich freute, sie arbeiten zu sehen- und von ihrer Schwiegermutter segnen zu hören, eilte auch, von meinem Zimmermann gute Dielen zu begehren, und half sie an der Wand von dem Stübchen der Mutter annageln, die andern überlegten das Dach, alles war fleissig. Wir hatten Donnerstag, am Sonntag sollten die treuen Liebenden getraut werden. Uebermorgen früh wird der Platz vor dem Hof und Garten vollkommen geräumt, und beide ringsum mit Persimonbäumen bepflanzt sein. Dieses ist ein sehr nützlicher amerikanischer Pflaumenbaum, mit langen schmalen Blättern, welcher schwarze mittelmässig grosse Pflaumen, von sehr süssem Fleisch und drei harten Körnern trägt, die man aber nicht gleich von dem Baum weg geniessen kann, sondern einige Zeit liegen lassen muss, nachdem aber dient sie dem Amerikaner, ein schmackhaftes Bier daraus zu kochen, durch Gährung einen Cyder zu erhalten, Branntwein daraus zu brennen, und durch sorgfältige Auswahl eine sehr angenehme Speise bei dem Nachtisch zu haben.

Mein Freund muss diese kleine häusliche Ausschweifung übersehen, weil ich gewiss bin, dass sie meiner teuren Base gefallen wird; denn sie verachtet nicht den Lebenslauf des Armen, welcher nur einfache Freuden, und so vielfache Mühe in sich fasst. Teilnehmend segnet sie seine Arbeit und kärgliche Kost, dankbar erhebt sie ihr Auge zum Himmel für ihr glücklich gefallenes los, und betet für die andern. – Sie mag sich bei diesen wenigen Zeilen des Tages erinnern, an welchem sie Grays Elegie auf einem Landkirchhofe mit mir las, und ich sie von dem schönen Gedichte so eingenommen sah, dass ich ihr damals meine ganze Hochachtung widmete. – Sie kannte ihren für ihr ganzes Leben bestimmten Freund noch nicht, sonst würde er vielleicht mit bei dem Spatziergange gewesen sein, und hätte schon damals die Ahndung haben können, dass Luise W. einst sein edles Herz in allem unterstützen würde, was er für das Beste der Landleute zu tun wünschte. Es war ein schöner, sehr schöner Nachmittag; wir sassen auf der niedern Kirchhofmauer, von welcher man einen teil der Gegend, und den Ruheplatz der guten Bauern von Otteim ganz übersieht. Luise hatte die prächtige Auflage von Grays Gedicht in ihrem Arbeitsbeutel mitgebracht, und las sogleich, nach den Gräbern umher blickend: Nicht die kühle Einladung des Weirauch atmenden

Morgen,

nicht die von dem Dach der Strohhütte

herabzwitschernde Schwalbe,

nicht die schwirrenden Töne des Hahns, noch das wiederschallende Horn, nichts, wird sie künftig wieder aus ihrem niedern Bette wecken. Für sie wird der flammende Herd nicht mehr brennen, keine geschäftige Hausfrau für sie die Abendsorgen

erfüllen,

keine Kinder werden mehr laufen des Vaters

Rückkunft zu erzählen

oder an seinen Knieen aufklimmen des beneideten

Kusses zu geniessen.

Oft hat ihre Sichel die Erndte abgemähet, oft hat ihre gezogene Furche den harten Erdkloss

gebrochen,

fröhlich führten sie ihren Wagen auf das Feld und der Wald bückte sich unter ihren nachdrücklichen

Streichen.

Dass doch der Ehrgeitz ihrer nützlichen arbeiten, ihrer bäurischen Freuden, und ihres dunklen

Schicksals nicht spotte;

dass doch die Hoheit nicht mit einem verachtungsvollen Lächeln den kurzen und einfachen Lebenslauf

des Armen höre.

Vielleicht liegt in diesem ungeachteten Fleckchen ein Herz, das ehmals von einem himmlischen Feuer

beseelt war;

vielleicht hände, welche das Scepter der herrschaft

mit Weisheit geführt

oder die lebhafte Leier zu Entzückung gespielt haben

würden; –

aber die erkenntnis öffnete ihnen niemals ihr grosses, durch die Beute der zeiten bereichertes Buch, und kalte Dürftigkeit tat ihrem edlen Eifer Einhalt; doch weit von unedlen Begierden des betörten

Haufens

lernten ihre gemässigten Wünsche niemals

auszuschweifen.

In dem kühlen sichern Tale des Lebens, setzten sie gleichmütig und ohne Geräusch ihren

Weg fort.

Unzählbare Edelgesteine von den reichsten und

heitersten Stralen,

liegen in des Oceans finstern unergründlichen Tiefen

begraben;

unzählbare Blumen werden geboren, ungesehen zu

blühen und

ihre süssen Gerüche an eine einsame Luft zu

verschwenden.

Meine Freunde sehen, dass ich unsers geliebten Gray schönes Gedicht noch ganz im Gedächtnisse habe, noch mehr, ich erinnere mich wie heute, dass eine Träne in Luisens Auge glänzte, als sie diese Verse las, und dass wir auf dem Rückwege bei einer etwas einsam wohnenden Bäurin einkehrten, bei welcher wir alles so reinlich fanden, sie in dem muntersten Tone und mit vielem verstand von ihren arbeiten reden hörten, sehr gutes Brod und Butter bei ihr assen, und dabei schöne dunkelrote Nelken auf den Weg bekamen; die Frau wollte nichts von uns annehmen, und versagte es wie eine Art Beschimpfung, als sie Geld in unsern Händen sah