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passenden Auszügen geschmückt wird

Diese kleine Unterredung war in Wattines Garten. Carmil lief umher und suchte noch alle mogliche Wiesenblümchen zusammen, brachte sie seiner Mutter, legte sie auf ihren Schooss und überstreute Antonettens Bettchen, brachte den Kühen die, von welchen man sagte, dast sie sie liebten, auch wollte er die Bücher des Papa's und das Arbeitszeug der Mama mit Blumen überdecken. Wattines lehrte ihn Bouquete binden, sie auf seinem hut befestigen, und in die Knopflöcher seines kleinen Westchens stecken, und führte den mit Kinderstolz erfüllten Carmil, so geputzt seiner Mutter entgegen, welche gerade mit einem Blatte Papier in der Hand zu uns kommen wollte. Sie küsste ihren Sohn, lobte die schönen Blumen, und der Knabe hüpfte weg, um sich dem Gesinde und den Nachbarn zu zeigen. Ich sprach von seiner ausserordentlichen Liebe zu Blumen. Ein Zug von Besorgniss, und ein blick voll sanfter Wehmut nach einigen noch umher stehenden Blumen, war auf wenige Momente in Emiliens schnell von mir gewendetem gesicht merkbar, und mit gerührter stimme sagte sie: ach möge Carmils Blumenliebe keine Ahndung sein, wie es bei mir war.

Wie sollte dieses, bei einer so höchst unschuldigen Sache, zu einer traurigen Ahndung werden können, wie Sie anzudeuten scheinen? sagte ich, sie erwiderte: meine Mutter und meine Wärterinnen erzählten mir immer, dass ich von den ersten Kinderjahren an, eine solche Freude an Blumen zeigte, dass ich mitten in dem stärksten Weinen und Weh, auf dargereichte Blumen lächelte, in dem Blumengarten alles andre vergass, und nie glücklicher war, als wenn ich mit meiner Puppe, zwischen den hohen büsche der Gicht-Rosen spielen, und sie dort neben mich setzen konnte. – Sie sehen hierin, setzte sie lächelnd hinzu, die Ursache, warum mein liebreicher Wattines mit so vieler Sorgfalt Gichtrosen um meine Ruhebank pflanzte. – Ich war so Blumen gierig, dass man hätte den Garten verwüsten müssen, um mich zu befriedigen, und die Mägde brachten mich nach den Wiesen, wo sie meine Aermel, mein Brust stück und Schürze mit Blumen besetzen mussten. – Dieser Geschmack blieb mächtig in mir, denn die wildwachsenden Blumen der Insel, und die, welche mein Carl für mich erzog, gossen immer durch die Anmut ihrer Gestalt und ihrer Bewegung, durch ihre stille bescheidne Verschönerung der Erde und in der Luft verbreitete Wohlgerüche, bei jedem blicke auf sie Besänftigung in mein Herz, und Erquickung in meine Brust. Tausendmal sagte ich mir in unserer Einsamkeit auf der Insel: Gott legte dieses lebhaft wirkende Gefühl für die Schönheit der Pflanzenwelt von Jugend auf in deine Seele, weil er vorhersah, dass ich einst alle andre Freuden des Lebens, alles was Gesellschaft der Menschen geben kann, verlieren, und in dem stillen, süssen Genusse dieser Geschöpfe, einen Ersatz finden würde. – Verzeihen Sie mir jetzt nicht einen teil, der künftiges Weh ahnenden sorge, für die erwachsenen Jahre meines Sohnes, wenn ich in seinen kindlichen Tagen, das ganze Bild der meinigen erneuert vor mir sehe?

Sehr gerne, antwortete ich, versprechen Sie mir nur, bei diesem zufälligen Auffinden von Carmils Aehnlichkeit mit ihrer Blumenliebe, auch an ähnliche Züge des heroischen Geistes seiner Eltern, an die in ihm vereinten moralischen Gefühle, und die im Ganzen abgeänderte Lage zu denken. Sie haben in einem Sturme alle Ihre Glücksgüter verloren, aber ihr aus doppelten Ursachen unschätzbares Leben wundervoll gerettet. Diess, was Sie beide am meisten liebten, Tugend und Kenntnisse wurden mit Ihnen geborgen: bedenken Sie, was diese hohen Kräfte edler Seelen für Sie bewirkten, und für Ihre Kinder tun werden, und geniessen Sie die Freude ungetrübt; sich zu sagen: dass gewiss kein menschliches Wesen unter einem günstigern Einfluss entstand, als Ihr Carmil. – In den Armen der reinen natur, unter dem Schutze ausübender Tugend, als Frucht der schönsten Liebe! – Alles in ihm verkündet Morgenröte eines von Gott bezeichneten heitern Tages. Er wird, wie sein würdiger Vater, Blumen und Bäume pflanzen; wie seine verehrungswerte Mutter, alles Gute und Schöne lieben, und o, glauben Sie meiner Ahndung, er wird durch Sie beide, als Vorbild des hier aufwachsenden Geschlechts aufblühen, und gewiss das edelste Erdenglück wird sein los. – O wie war die Mutter gerührt! mit welchem Ton der stimme sagte sie mir: Gott erfülle diese Prophezeihung, und kröne einst dieses vorhergesagte Glück meines Sohnes, durch die Freundschaft eines Mannes wie Sie.

Ich dankte ihr durch eine Verbeugung, und da wir am Ende der hohen Baumalles Wattines und Carmil zurückkommen sahen, und bemerkten, dass er dem Kleinen, die in beiden Ecken angelegten halben Lauben, und einander gegenüber liegende Gärtchen zeigte, welche er für ihn und Antonette bezeichnet hatte, so sagte Frau Wattines: jetzt ist es gerade noch schicklich, meine kleine Uebersetzung aus dem Englischen zu lesen, mit welcher ich in den Garten kam: als der Anblick meines blumigten Carmils mich auf meine Kinderjahre zurückführte.

Indessen waren wir Vater und Sohn nahe genug, um Carmil schon die kleinen Wege durchlaufen zu sehen, und dass Emiliens stimme Wattines hörbar wurde, als sie sagte: glückliches Kind! mögest du in allem die von der Hand deines Vaters bezeichneten Wege mit so freudigen Schritten durchlaufen, und diese mir so liebe Betrachtung, einst deiner denkart und deinem Glücke angemessen sein.

Da sie bei dieser kleinen, nicht ohne Bewegung der Seele ausgesprochenen Rede, das Papier auseinander faltete, so werden meine Freunde