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die Mädchen zum Abendspiele versammelt waren, schlich sie in ihre Reihen, und nahm ihre weichen Herzen durch schmelzende Hirtengedichte und süss klagende Elegien ein. Auf ihrem haupt trug sie einen Kranz von den Cypressen des Vaters, und den ihrer Mutter geweihten Myrten. Zevs befahl ihr, den Schritten des Schmerzes durch die Welt zu folgen, und Balsam in Wunden zu träufeln. Sie folgte auch mit ofnem, hoch klopfenden Busen, ihr Gewand wurde oft von Dorngesträuchen zerrissen, ihr Fuss blutend von Steinen des rauhen Weges. Die Nymphe ist sterblich, wie ihr Vater der Schmerz; wenn ihr Weg auf der Erde geendet ist, werden sie in einem grab verschlossen, und die Liebe wieder mit der Freude vereint.

Ich bitte, meine gütige Freundin Vandek, diese un

vollkommne Uebersetzung aufzuheben, weil mein Herz dabei sagte: ach, mit Liebe und Freude folgte ich Wattines auf die Insel, Schmerz und Jammer folgten nach: meine Vandek kam, wie die tröstende Nymphe des edlen Mitleidens und goss Balsam in unsere verwundeten Seelen. Ihr blick, ihre stimme waren liebreich, und an ihrer Hand kam sanfte Weisheit und Freundschaft, uns aus den labyrintischen gang des Kummers, auf den ebnen Weg geselliger Arbeit und Menschenliebe zurück zu führen. – Treue Liebe wohnte immer in meiner einsamen Hütte, Gott leitete aber die verdienstvollen Vandeks, um uns für alles erlittene Weh zu belohnen, den harten Verlust vieles Guten leichter zu vergessen, und unsere Tugend zu stärken."

Tadeln Sie mich nicht, meine Freunde, wenn ich sage, dass ich nicht weiss, was ich dem Verhängniss antworten würde, wenn es mich früge: ob ich als Beispiel eines schätzbaren Reichen, oder wie Wattines, als Vorbild der verehrungswürdigsten Armut aufgestellt sein wollte? denn sagen Sie, ist es nicht schön das Bild der Beschreibung, wie Wattines sein Unglück trägt, oder wenn Sie den Ausdruck s c h ö n bei einer solchen Last von Jammer unschicklich finden, so müssen Sie doch den grossen und wahren Gedanken der Königin Christina von Schweden auf Wattines anwenden lassen; dass eine edle Seele alles adelt was sie tut. fragen Sie sich aber auch selbst, wie ich mich fragte, und horchen Sie, ob nicht in dem Innersten Ihres Herzens eine stimme tönen und sagen wird; ja, lieber Wattines auf der Insel Oneida, als einer der Regenten Frankreichs, welche den so guten schuldlosen Ludwig XVI. zum tod verdammten, und wegen des elenden Neides über Titel und eines Platzes in den Zimmern der Könige, den Adel hassten, und viele tausende von ihnen mordeten, und hundert tausende unglücklich machten.

O, wie viel lernte auch ich an den Ufern des Oneidas. Wie gerne gäbe ich die Hälfte der Heiligen- und Heldennamen, welche man aufzeichnete, für den Namen des weisen Menschenfreundes der Alten, welcher zuerst den schönen Wunsch ausdrückte: der Himmel gebe dir eine gesunde Seele in einem gesunden Körper; denn gewiss meine Freunde, n i c h t s fasst den wahren Wert alles dessen in sich, was man Glück nennt, als dieser so einfache Wunsch, – und diese wahren Güter des Lebens erhielten Wattines und seine Gattin in dem grössten Kummer. Zeigten sich nicht beide in Arbeit, Denkart und Leiden, auf ihrer einsamen Insel, zeigen sie sich nicht heute noch, als zwei durch Erfüllung dieses Wunsches beglückte Sterbliche? – O wüsste ich ihn diesen Namen, so würde ich Sie bitten, ihn dem nächstkommenden Ihrer Sohne beizulegen; alle welche der Himmel mir schenkte, müssten ihn tragen, und ich führte eine liebliche Gewohnheit der katolischen Kirche in meinem haus ein, sich dem Schutze und den Eingebungen seines N a m e n s p a t r o n s zu empfehlen.

Sie glauben nicht, mit wie vielem Vergnügen ich heute meine Feder ergreife, da ich einen so vortrefflichen Beweis meiner gestern aufgestellten Gedanken zu bezeichnen habe.

Frau Wattines erzählte uns von einem Spatziergange an den Saatfeldern hin, wo einige Colonisten ihnen begegneten und eine gute Nacht wünschten, Emilie ihnen dankte und sagte: möchten auch meine guten Nachbarn einen erquickenden Schlaf geniessen. – Diese gegenseitigen Wünsche, und die Ruhe der Gegend um uns her, flössten äusserst sanfte Empfindungen in Wattines Seele. – Er sah den Leuten nach, blickte überall um sich, und sagte dann:

Nicht wahr, Emilie! man liest oft in den besten Stunden der grossen Welt das Lob der natur, der reinen einfachen Gefühle, bei Schönheit und Anmut einer stillen ländlichen Gegend, wie oft auch, wenn man alles gekostet hat, was die Kunst- und Lustgärten, was Reichtum und Ueberfluss in Pallästen geben können, eilt man begierig zu dem Anblick der Felder und Wiesen, und besucht die einfache mit einigen Bäumen umgebne Bauerhütte. – Wie entzückte uns einst der in die Gartenhecke verwachsene Rosenstock, und das Beet voll Lilien, welche unsere Pächterin längst ihrem Salat- und Petersilienfelde gezogen hatte. Wie innig wurden wir gerührt, als sie uns sagte: so lang' es weisse Lilien gibt, opfern sie meine zwei Mädchen der allerheiligsten Jungfrau, und bitten sie dabei um ein reines Herz. – Nun schwieg er einige Zeit, hob die kleine, das Gehen übende Antonette auf, küsste sie, und drückte sie an seine Brust, gab sie der Mutter zu küssen, stellte sie dann wieder hin, und sagte: Ich will auch Lilien für dich pflanzen, und deine englische Mutter soll dich ihre Bedeutung lehren.

Nach einer Pause setzte