Sophie von La Roche
Erscheinungen am See Oneida
Erstes Bändchen
Ihrer
Königlichen Hoheit
der
Prinzessin von Wallis
gebornen
Prinzessin von Braunschweig.
Edle Wissbegierde und Menschenliebe leiteten E u e r K ö n i g l i c h e H o h e i t , schon in der ersten Blüte I h r e s Lebens zu gründlicher Kenntniss der Erde und ihrer Bewohner; die Wunder und Wohltaten der Schöpfung waren I h r e m forschenden geist ehrwürdig; Glück und Verdienste I h r e r Neben-Menschen eine Angelegenheit I h r e s gütevollen Herzens. Diese überzeugung sagte mir, dass E u e r K ö n i g l i c h e H o h e i t die Denkblätter von dem See Oneida und seiner Insel gnädigst aufnehmen werden von
Höchst Ihrer
untertänigsten altergebensten Dienerin
witwe von la Roche.
"Oft wendet eine edle, gefühlvolle Seele ihr Auge von den begebenheiten, welche das Schicksal als eine Folge der französischen Staatsveränderung zusammen reihte – oft aber kehren auch ihre Blicke gegen den Schauplatz trauriger Auftritte zurück, in der schönen Hoffnung, etwas Gutes herbei geführt zu sehen." –
Wissen Sie noch, meine Freundinn, wer dieses sagte, als eine werte Hand die Morgens-ZeitungsBlätter zum Lesen fasste, und man erinnerte, Abends vorher versichert zu haben, keine mehr zu berühren? O, gönnen Sie, – nach dem Verwerfen meiner ersten Briefe, – diesen Papieren auch einen der Blicke, welche auf Gutes zählen! – denn g e w i ss – S i e f i n den es an dem See Oneida.–
Helfen Sie meinen Freund mit mir versöhnen – und vergeben Sie beide dem Verfasser des Genius unsers Zeitalters, dass er, wie Sie sagen, mich so phantastisch stimmte. Ich glaube selbst, dass ich manche weitschweiffende Ideen habe, unter welchen meine Reise nach Amerika gerechnet werden kann; aber warum sollen nur Kaufleute, Eroberer, Physiker und Maler ferne Weltteile besuchen? warum nicht auch, nach Lorenz Sterne, ein gefühlvoller Reisender? Warum wollte man mir nur die Wanderungen auf die Berge in Europa vergeben, und nicht auch die nach dem See Oneida? Warum liebt mein Freund alles, was die alte und neue Dichtkunst hervor brachte, und sollte er mit den wahren Bildern edler Empfindung zürnen, indem der gang meines Geistes, wie der von seinen Lieblings-Poeten, das freie Ungebundene liebt, und wie Dichter immer auf Neues sinnen, auch mit Begierde Neues sucht? Ich unterwerfe mich gerne dem Ausspruch, dass die Erstern durch einen Genius, ich nur durch Phantasie geführt wurde; es bleibt doch Aehnlichkeit zwischen den vorgezogenen Günstlingen und mir. Dichter schaffen mit ihrem geist das Mögliche, Grosse und Schöne, welches sie in der wirklichen Welt zu sehen wünschen; – und mein Herz sucht es auf, wo ich es zu finden hoffen kann. Neues lieben wir a l l e in A l l e m . – Meine in Europa gemachten Reisen, zeigten meinen gesättigten Begierden und meiner immer regen Einbildungskraft keine Aussicht mehr auf ganz unbekanntes, weder in Menschen noch Dingen; denn ich wollte noch nicht nach Russland. – Ostindien, wohin ein Freund mich mitnehmen wollte, hat nichts reitzendes für mich; denn, freimütig gesagt, ist es mir zu weit von meinem vaterland, und meinen Lieben; zu viel von Leidenschaften beherrscht, zu vergoldet, zu heiss, zu weichlich und zu grausam. Nordamerika war mir nahe; eine Art Sympatie zog mich an, die Wesen dieses Weltteils kennen zu lernen; müde des Denkens und Nachsuchens, über das was sein könnte, da ist und da war; – überzeugt in Amerika Anfang und Fortgang des Anbaues der Vernunft und der Erde zu sehen, ging ich, ohne von Ihnen und meinem Freunde Abschied zu nehmen; denn ich besorgte, mein Widerstreben gegen Ihre Vorstellungen würde Sie unzufrieden machen; ich wollte Sie nicht vergebens reden lassen, und meinen Plan ausführen. Möge meine Aufrichtigkeit dem geist und dem Herzen meiner Freunde genügen, und ihre Güte das übrige meiner Rechtfertigung besorgen!
Sie, meine Freundin! dachten einst nur im Scherz meine Reisebeschreibung zu fordern, aber ich weihe sie Ihnen und Ihren Wünschen für mich. Heben Sie sie gütig in einer Ecke Ihres Cabinets auf, diese Blätter, denn sie können von hier aus nichts anders sein, als Merkstäbe von dem Wege meiner Beobachtungen und Gefühle; einst werde ich sie mit Ihnen durchgehen, Ihre fragen darüber hören, Erläuterung über das Dunkle geben, und dem Freunde und der Freundin mündlich sagen, was sich mit Dinte nicht sagen lässt. Da ich also meine Gedanken bei Ihnen, wie auf den Altar der Muemosine niederlegen will, so muss ich genau bei meiner Abreise anfangen, und erzähle dann: – Sontags den 28. Juny schiffte ich in dem Fahrzeuge Hussmann, mit einer schätzbaren Familie aus dem Hessischen, von Braak unweit Bremen ab, und kam den 29. in die Nordsee, wo alles anfing krank zu werden. Fünf Tage segelten wir bei sehr günstigem Winde, mit welchem wir in den Canal zwischen Frankreich und England kamen, wo wir beide Küsten, doch die von Frankreich nur in den emporragenden Bergen erkannten, welche den folgenden Tag verschwanden; England aber kamen wir so nahe, dass ein Flintenschuss hingereicht hätte. Dieser Anblick erneuerte in meiner Seele den Wunsch, dieses mir so werte Land noch einmal zu besuchen, ja es dünkte mich schön, Ihnen beiden ein Rendezvous in London zu