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sehr schwach und entkräftet, an Kopf und Hüfte verwundet, von den Bedienten nach haus gebracht. Ernst sah ihn in seiner Entkräftung, in seinem Blute und konnte nur aufschreien: "Auch dich, mein Vater!"

Der Kammerrat sprang herbei. Hadem winkte auf Ernsten und tat sich Gewalt an, frei auf seinen Füssen zu stehen. Er lächelte Ernsten an und sagte: "Sie glauben mich krank und vergessen, dass ich es durch Ihr Benehmen erst recht werden müsste. Jetzt brauche ich Ihre hülfe, und die kleine Quetschung, die ich bei einem Falle von den Klippen des östlichen Hügels bekommen habe, wird unser Freund hier bald heilen. Sie wissen ja, wie gut er das versteht."

Hadems Zureden und sein erzwungenes Herumgehen beruhigten Ernsten. Der Kammerrat untersuchte die beschädigten Teile, machte Bähungen zurecht und setzte Ernsten als Krankenwärter an das Bett. Die sorge für Hadem nahm seiner Stimmung, seinem Tone das Bittere und Grelle ganz, und darum forderte Hadem sie noch mehr auf und sagte ihm oft: "Nun sehe ich doch, dass Ihnen an meinem Dasein gelegen ist, dass Sie mich lieben."

ERNST: Und zweifelten Sie daran?

HADEM: Nun nicht mehr. Tragen Sie ja sorge für mich, dass ich bald ausgehen kann, und versprechen Sie mir, dass Sie mich bei meinem ersten Ausgange begleiten wollen, wohin ich Sie auch führe.

ERNST: Ich verspreche es.

HADEM: Unbedingt?

ERNST: Unbedingt.

HADEM: So sei es morgen früh. Wir gehen in den Eichenwald, und Sie vergessen Ihr Versprechen nicht.

8.

Morgens führte Hadem Ernsten in den Eichenwald. Sie setzten sich auf den Hügel unfern des Stroms. Hadem sprach nicht, er schien in seinem inneren sehr beschäftigt. Bald lächelte süsse Hoffnung um seinen Mund, er stand auf und leitete Ernsten an der Hand nach der Höhle. Jetzt fühlte er seines Schülers Hand in der seinigen bebener sah sich nicht um. Ernst folgte ihm, und er leitete ihn gerade nach dem Abgrunde; dann wendete er sich zu Ernsten und sagte:

"Erinnerst du dich jenes Augenblicks, mein Sohn, da du in diesen grundlosen Abgrund springen wolltest?"

Ernst bebte. – Hadem fühlte den kalten Schweiss auf seiner Hand, die er jetzt wieder hielt.

"Ich frage dich noch einmal, ob du dich dessen erinnerst."

ERNST: Ja, ich erinnere mich. Oh, hätte ich es damals getan, ich wäre nicht in einen schrecklichern Abgrund gesunken!

HADEM: Doch ist dieser schrecklich, schaudernd, gefahrvoll genug, dieses habe ich erfahren. Es scheint beinahe unmöglich, diesem Schlunde wieder zu entsteigen, und doch konnte ich es, selbst nach ausgestandner Todesangst; denn mich leiteten Glaube, Liebe und Hoffnung.

ERNST: Wie? bist du in diesem Abgrund gewesen, mein Vater?

HADEM: Ja, ich stieg hinunter, ohne mein Leben zu achten. Ich stieg hinunter, um ein kostbares, ganz verlornes Kleinod zu suchen. Den Tod fürchtete ich nicht, ich fürchtete nur, es möchte mir nicht gelingen, dieses Kleinod zu erobern. Lange lag ich lebe- und sinnlos auf einem Felsenstück in dieser Höhle, und als ich wieder das Leben fühlte, verlor sich mein Stöhnen und Seufzen in der Tiefe. Aber als meine Kraft wiederkehrte und ich meinen Arm um Rettung ausstreckte, fühlte ich das mühsam gesuchte Kleinod über meinem haupt, es hing an einer hervorragenden Spitze des Felsens. So brachte ich es an das Licht und sage, mein Leben ist durch diese Tat etwas wert geworden.

Er stellte nun Ernsten gegen die Blende. Sein Kranz, sein Zeichen des Bundes, hing darin; es war die Stunde, zu welcher ein Lichtstrahl durch die Spalte des Felsen dringt und die Blende an der Stelle erleuchtet, wo der Kranz hing.

HADEM: Ernst, du wirst einige Blutstropfen daran finden, ich hoffe, das Zeichen deines Glaubens hat dadurch an Reinheit nicht gelitten. Um es sicherer zu retten, umwand ich meine Schläfe damit; ich wusste damals noch nicht, dass mein Haupt verwundet war. Doch ein solcher Kranz von solcher Bedeutung erwirbt sich nicht andersErnst, in jenem land werden diese Flecken abgewaschen sein, dort wird er dir glänzen!

Ernst sank in seine armeund der Geist aus jenem land goss sich in sein Herz. Er rief:

"O mein Vater, an deiner Seite konnte ich an der Tugend zweifeln!"

HADEM: Und Rousseau!

"Rousseau!" antwortete Ernstund aus den labyrintischen Felsengängen der Höhle hallte es zurück, als antwortete die Ewigkeit.

Fussnoten

1 Die obigen Briefe in dem zweiten buch.