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und als er ihm nun nahte und der durch das Alter jetzt noch ehrwürdigere Edle vor ihm stand und ihn an sein Herz zu rufen schienblieb er stehen und sah ihn mit solcher Verehrung an, als wagte er es nicht, ihn zu berühren, als fühlte er sich nicht mehr würdig, in seine arme zu sinken. Aber Hadem fiel ihm um den Hals und weinte. Die Freude zuckte einen Augenblick durch Ernstens Adern und Herz, sie verschwand, und er glich einem Menschen, der in düstern Träumen schwebt.

Hadem sagte traurig: "Ich sehe das Land meiner Hoffnung, es ist, wie es ehedem waralles blühend, es verspricht den Vorschmack jenes Lebens, den ich hier zu geniessen hoffte. Aber der Geist, der es einst belebte, der es zum Paradiese machen sollte, wohnet nicht mehr hier. Ich suche meinen SchülerEr wendete sich zu dem Kammerrat. – O sagen Sie mir, wo soll ich ihn finden?"

Der Kammerrat deutete in rührender Unschuld auf Ernsten.

Ernst sprach: "Sie kamen zu spät, Hadem. Der Traum ist ausgeträumt. Wenn Sie Ihren Schüler hier suchen, so ist Ihre Mühe verlorender ist lange totist lange verweset! – übrigens sein Sie willkommen, wenn Sie sich mit seinem hier noch wandelnden Schatten begnügen wollen. – Kommen Sie nur, Sie werden Ihr Zimmer finden, wie Sie es vor Jahren verlassen haben, mit allen Gerätschaftenalles gerade sodem Äussern nach."

Hadem hatte tief in seine Seele geblickt, er schwieg, ging mit ihm nach dem schloss, bezog sein Zimmer, dankte ihm für das zärtliche Andenken, alles so schön und freundschaftlich erhalten zu haben, und versicherte ihm mit Wärme, dieses tue einem alten mann, wie er nun sei, dessen Herz noch immer so jung fühle, ausserordentlich wohl, und er wenigstens werde für sich schon alles dieses finden, was er gesucht, was er so lange habe entbehren müssen.

Ernst hörte ihn ruhig an. Die Tage vergingen, und er blieb in seiner Stimmung. Hadem erzählte, warum er so lange verweilt, dass ein Kaper den Amerikaner, der ihn nach London geführt, aufgebracht hätte. Ernst hörte ohne Äusserung zu. Selbst Hadems rührende geschichte in Amerika, seine Beschreibungen des Landes, der neuen Völker, die er gesehennichts schien Ernstens Aufmerksamkeit zu fesseln, nichts seine Neugierde zu reizen. Zu seinem grössten Schmerz sah Hadem, dass er selbst von den ersten glücklichen zeiten vergebens redete. Und dieses war die schrecklichste Entdeckung für ihn; denn sie drohte allen seinen Hoffnungen.

Von dem Kammerrate konnte er wenig erfahren. Er wusste, dass sein Schüler keiner Tat von solchen Folgen fähig war, und umso empörender dachte er sich ihre Ursachen von der andern Seite. Woher diese Gleichgültigkeit, die oft an Fühllosigkeit grenzte? dieser in bitterm Lächeln sich ausdrückende Unglaube? dieser entschiedne Hass gegen sich selbst, den er bei jeder gelegenheit verriet? diese Kälte gegen ihn selbst, seinen Lehrer, seinen Freund? Er sah dieses Herz, welches einst die reinste Tugend erwärmte und belebte, jetzt erstarrt, selbst gegen seine stimme, gegen seinen Zuruf, gegen seinen blick fühllos. Er sah diesen Geist, der einst auf äterischen Schwingen schwebte und nur hohe Gedanken dachte, zur Erde gedrückt, diese Lippen, welche einst die erhabensten Gesinnungen ausgesprochen hatten, verschlossenalle moralische Kraft in ihm erdrücktund die Tugend selbst als einen sinnlosen Schall nun an seinen Ohren vorübergehen. Und dieser einst schöne, blühende, junge Mann glich im Äussern einer Leichesein Haupt gesenkt, seine begeisterten Augen erloschen, seine Wangen bleich, sein ganzer Körper nahe Auflösung drohend. Und er musste schweigen, durfte ihn nicht um die Ursache fragen, weil er jedesmal, wenn er nur entfernt darauf hindeutete, eine Erschütterung in ihm bemerkte, die seine schnelle Vernichtung fürchten liess. Und doch musste dieser Augenblick herbeigeführt werden; denn nur in der Mitteilung von ihm selbst, in der ganzen Kenntnis seines erlittenen Unglücks konnte er die Mittel zur Heilung erblicken.

Davon überzeugt fing er an, Ernsten kälter zu behandeln. Er sprach oft in seiner Gegenwart mit dem Kammerrat von seiner nahen Abreise, sagte dann, er habe sich betrogen, in aller seiner Hoffnung ganz geirrt, er verdiene es, er habe auf Menschen zu viel gebauet. Das verheissene Paradies hier habe wirklich abgeblüht, er wolle es nun am Ohiostrom, in den Wildnissen Amerikas wieder suchen, so alt er auch sei, so sehr er auch der Ruhe bedürfe. Auch habe er mehr Zutrauen, mehr Liebe, Sicherheit und Tugend unter den dortigen Wilden gefunden als in dem aufgeklärten Europa. Hier spreche man von der Tugend wie von einem Tema der Redekunst, und wenn es zur probe komme, zeige es sich, dass der Europäer nur schön davon zu reden verstehe. Die Wilden täten, wovon man hier spräche, und dieses ergötze sein altes Herz und mache es wieder jung; er sei nun aller europäischen Schwäche, Gleisnerei und Plage herzlich satt.

Ernst senkte das Haupt, und Tränen träufelten aus seinen Augen. Er suchte sie zu verbergen und schwieg noch.

6.

Einige Tage hierauf sagte der Kammerrat zu Ernsten:

"Herr Hadem macht wirklich Anstalten zur Reise und, wie es scheint, noch auf heute!"

Ernst eilte zu ihm und umfasste seine Knie:

"O mein Vater! mein Lehrer! nehmen Sie mich