mich so sehr erfreut und so glücklich macht. Sehen Sie nur, wie alles gedeihet! wie alles um Sie her blüht und Ihnen zulächelt und Ihnen vorwirft, dass Sie es nicht sehen."
Ernst schwieg –
Seine Landleute, deren Herz man vergiftet, denen man ihren Herrn als einen mit den Verwüstern Teutschlands Verbündeten gemalt und denen man gesagt hatte, er sei nach Paris gereist, um sein Vaterland aus Rache zu verraten, hassten und fürchteten ihn nun. Da er dieses nicht zu achten schien und kalt, traurig an ihnen vorüberging, weil er sich aus Menschenscheu nicht getrauete, sie anzureden, so glaubten sie diesem Gerüchte der Bosheit umso mehr und sagten untereinander: "Er hat gewiss ein schreckliches Verbrechen begangen, sein Gewissen foltert ihn nun; er ist wahnsinnig, man muss sich vor ihm hüten." Diese Meinung bestärkten unter dem gemeinen volk seine stillen Reden mit sich selbst, seine heimlichen Tränen, seine einsamen Wanderungen in dem dunkelsten Teile des Waldes, sein öfteres Sitzen vor den Pforten der Kirche auf dem Hügel, wo er sich so in Nachsinnen verlor, dass er die Beobachtenden nicht bemerkte und bei ihrem lauten Reden oder bei Geräusche entfloh, als habe man ihn über einem Verbrechen ertappt. Hier überdachte er Teutschlands trauriges Schicksal, hier kämpfte er um den verlornen Glauben, um den vorigen hohen Sinn, hier gelang es ihm oft, durch einen leisen Seufzer, durch wehmütige, zärtliche Erinnerungen die verlornen Gefühle seiner glücklichen Jugend wieder hervorzurufen, sich durch seinen ihm so nahen Liebling, durch den heissen Wunsch, ihn wiederzusehen, an das Land anzuknüpfen, dessen Spur er für verloren hielt. Und es wäre ihm gelungen ohne den ihn ganz betäubenden Schlag, der ihn eines Abends so schrecklich in seinen traurigen und süssen Träumen erschütterte.
Er sass eines Abends bei dem Untergang der Sonne vor den Pforten dieser Kirche und sah starr in ein an dem Horizont dunkel und düster aufsteigendes Gewitter. Schon donnerte es in der Ferne. Die Landleute eilten von den Feldern nach dem dorf. Ein roher Bursche bemerkte ihn und rief ihm zu:
"Geht doch von der Kirche weg, gnädiger Herr! Ihr seht ja, dass ein Gewitter aufsteigt; leicht könntet Ihr die Kirche zu Schaden bringen."
Ernst antwortete verzagt und sanft:
"Warum, mein Freund, sollte denn ich die Kirche zu Schaden bringen?"
"Wer weiss, wem das Gewitter gilt! Uns gewiss nicht", erwiderte der Bursche.
"Und wie mir? Warum mir, mein Lieber?" fragte Ernst noch sanfter.
"Dass Ihr nur fragt!" antwortete der Bauer rauh. "Wem zürnt anders der Herr als dem Verbrecher, dem sein Gewissen keine Ruhe lässt, weil er das Vaterland verraten hat, mit den Feinden im Bunde steht und kaum erwarten kann, bis sie da sind? Aber lasst sie nur kommen! Ihr sollt wahrlich die Freude nicht lange geniessen, und es soll Euch zu nichts helfen, dass die, die alle umbringen, Euch allein nicht umgebracht haben."
Ernst bebte und zitterte wie ein Verbrecher. Seine plötzlich blitzenden Augen schossen gegen den Himmel, und ihre feurigen Strahlen schienen sich mit den Blitzen, die jetzt die Wolken zerteilten, zu vermischen. Der Donner ertönte – die Erde bewegte sich – die Wipfel der Bäume sausten – er stand da und breitete die arme gegen den Himmel aus, als forderte er Rettung, Vernichtung von dem Sturme, der an dessen Gewölbe wütete. Sein Herz klopfte, seine Lippen, seine Wangen waren totenbleich – Und als nun die Stille erfolgte und das finstre Dunkel des Ungewitters sich mit dem Dunkel der Nacht vermischte, floh er nach dem Eichenwalde. Bald goss es von dem Himmel – er rettete sich nach der Höhle – Schauder des Todes hatten ihn ergriffen – die Worte des Rohen erschallten fürchterlicher in seinen Ohren als das dumpfe Gebrüll des Donners in dem Widerhall der Höhle – das schnelle Licht eines Blitzes fuhr durch die Spalten der Felsen und erleuchtete ihr schwarzes Dunkel. – Er erblickte den Kranz in der Blende – riss ihn herunter – und schleuderte ihn in den nahen Abgrund. Dann sank er bei dem Abgrund ermattet nieder, und der Geist des Jünglings schwebte düster trauernd über dem Abgrunde, der das Zeichen des Glaubens verschlungen hatte.
5.
Morgens kam Ernst nach haus. Der Kammerrat, welcher ihn die ganze Nacht unter Todesangst gesucht hatte, vergass seine Freude, ihn wiederzusehen, als er ihn erblickte. Er sah jetzt aus wie damals, als er aus Amaliens Zimmer zu der Leiche seines Sohnes zurückkehrte.
Von diesem Augenblick an schien er nicht mehr zu leben; denn alles, was ihm einst Leben gab, war durch seine letzte Tat, selbst mit der Hoffnung, verschwunden, er sah nichts mehr, woran sein Geist sich hielt – das Zeichen seines Glaubens mit aller seiner hohen Bedeutung war nicht mehr.
So träumte er düster fort an seinem grab und vermied alle Menschen. Hörte er eine stimme oder das Gehen eines Menschen, so floh er in das dicke Gebüsch, und da umsausten ihn immer die schrecklichen Worte des Unglücklichen.
In diesem dunkeln Gebüsch vernahm er auf einmal die stimme eines Menschen, deren laut durch sein Herz drang. Es war Hadem, von dem Kammerrat geführt. Ernst sprang aus dem Gebüsche und eilte dieser stimme entgegen. Er sah Hadem die Wiese heraufwandeln wie den Priester des erhabenen Tempels, den die natur um ihn her aufgebauet hatte.
Ernst eilte ihm entgegen,