1798_Klinger_060_86.txt

Entzükken in meiner Verzweiflungich fühle, warum ich ihn nicht lieben konnte. Er war zu hoch, zu erhaben für michmein Herz empfand seine eigne Unwürdigkeit, sein Unvermögen, ihn zu erreichen. Ich liebte ihn nichtnur zu feierlicher, stiller Verehrung zwang er michDen Unwürdigern liebt ich, den, der mir mehr glich, und ich liebe ihn nochund die Glut der Liebe durchdringt mein Herz, da ich dieses auf dem Sarge des edlen schreibe. O der unbegreiflichen Verirrung! – Sie sind mir ein Gegenstand des Abscheus und der unüberwindlichsten LiebeMich verlangt nach Ihrem Anblick, und wenn Sie jetzt vor mir erschienen, so würde der Wahnsinn meine hände gegen Sie bewaffnen. Fliehen Sie michich will nicht den schnellen Tod der Verzweiflung sterbenich will langsam vergehen, langsam die Qualen empfinden. Nichts habe ich gerettet, was mich trösten könnte; denn dass ich unterliess, wornach ich mich sehnte, auch das verdanke ich nur ihm. Gleich einem wachenden, drohenden Engel stand er zwischen uns, als er lebte, und das Beben vor dem furchtbaren Reinen erhielt den Schatten dieser einzigen unverdienten Tugend, die ich mir oft in meiner Vermessenheit zuzurechnen wagte. Fliehen Sie! Sollen wir, gleich jenem zum ewigen Durst Verdammten der Fabel, an der Quelle des Verlangens sitzen, ohne es je stillen zu können? – Soll er, wenn wir uns einander nahenund unser Atem sich berührtund unsre Seelen sich umfassen möchten, das blutige Totengewand zwischen uns werfen? Sollen unsre Seelen bei seiner kalten Berührung erstarren?

Ich tat mehr als die Verworfenste; denn ich war das Weib des edelsten Mannes. – Dies! dies erwägen Sie, wenn Sie mir mein Urteil nach Verdienst sprechen wollen! Und ich ermordete seinen Liebling, vertrieb ihn vom vaterländischen Bodenjagte ihn dem Blutgerüst entgegen als ein Opfer unsrer Lust! Bewirkte nicht dieses allein seine Flucht? Hätte es die Bosheit der Elenden vermocht? Würde er nicht vor ihnen wandeln, so stark und mutig wie sonst? Also, was fehlt an meinen Verbrechen? Dass ich nun ruhig die Früchte derselben genössein Ihren Armen seiner höhnte? Wenn ich nicht zu seiner Tugend hinaufreichen konnte, so ging doch durch den Umgang mit ihm von seinem geist so viel zu mir über, dass ich meinen Verbrechen ein Ziel setzen kann. Er ist gerächt an mir, er ist gerächt an Ihnen. Und wenn diese wahnsinnige leidenschaft Ihr Herz erfüllt wie das meinige und immer dauert, wenn Sie empfinden wie ich, wenn Sie auf sich selbst mit Abscheu blicken wie ich, wenn Sie nach mir verlangen wie ich nach Ihnen und dabei wie ich die Unmöglichkeit fühlen, dieses Verlangen je stillen zu können; und wenn alle grässliche Erinnerungen mit allen Vorspieglungen einer zerrütteten, entflammten Phantasie Sie unaufhörlich verfolgenist er da nicht gerächt? Und wenn Sie nach ihm seufzten, sich nach ihm sehnten, zu ihm flehten wie ich, ihn zwischen sich und den Richter der Welt stellen möchten, um einen seiner hohen Blicke und eins seiner schönen, lieblichen Worte gerne noch mehr Qual erlitten, wenn es noch grössre gibtist er nicht gerächt genug?

Hier lege ich Ihnen den Brief meines Vaters bei. Er scheint viel zu wissengenug, um seine Tochter zu verwerfen, aber noch nicht genug, um den Fluch über sie auszusprechener wird nicht fehlen. Ein glückliches Los stellte mich zwischen zwei edle, seltne Männer, ein unbegreifliches Verhängnis zog mich zu einemoh, ich kann es nicht aussprechenUnd kennen Sie sich nicht?

Fliehen Sie! – Während wir ihn verrieten, hat er für Ihr Glück gesorgtSie sagten mir ja, dass man Sie auf den Weg des Glücks und der Ehre zurück beriefees ist des edlen Werksein letztes Werk. – Vielleicht dürfen Sie sich ihm dort noch nahen, wenn Sie hier Ihre Pflicht erfüllen. Für uns Weiber bleibt nichts übrig, als in der Schande, der Schmach zu sterben, wenn wir einmal gesunken sind.

Ferdinand schrieb zurück:

Ihr Brief hat mich empörtaber mein Kopf blieb kalt, und mein Herz schlug nicht stärker; denn mein Entschluss ist gefasst. Ich fliehe nicht, ich verlasse Sie nicht, ich will nichts mehr in der Welt als Sie! Da das Schicksal dessen, dem unser Verbrechen, wie Sie es nennen, das Leben kostete, sich so entschieden hat, so sehe ich nicht ein, welches ich nicht noch begehen könnte, um mich Ihres Besitzes zu versichern. Durch jedes neue wird die Glut, die mich verzehrt, nur um so heftiger werden. Ich fühle nur, dass unser Dasein in jenem unbegreiflichen Augenblick auf das Leben entschieden ward; warum drang er sich da auf, wo das Schicksal so stark vorgezeichnet hatte? Amalie, ich habe Sie zu teuer erkauft, um Sie fliehen zu können. Ich werde so wenig von Ihnen lassen wie Ihre Gewissensbisse, ich werde Ihnen noch näher seinFliehen Sie, ich folge Ihnenich bewache Ihre Schritte von nun anBesser ist es, Sie bleibendie Elenden hier werden uns nicht tadelnAmalie, das Geschick hat in uns beiden seine Sklaven an eine Kette gebunden; Sie lösen sich nicht mehr davon, dies bedenken Sie! Und bedenken Sie auch, dass ich nur um Ihrentwillen noch einigen Wert in mein Leben setze, dass kein Verbrechen zu nennen ist, welches