"
Und er schlug mit geballter Faust auf das Klavier, dass es in Stücken zersprang – seine Hand ward von dem Schlage verwundet, und das Blut rieselte herab.
Amalie riss Ferdinand weg.
"Nicht auf diese heilige Stelle, auf welcher das Leben seines Lieblings entquoll! hier brennt sein reines Blut unter meiner Sohle – und sein Geruch steigt zu meinem geist empor. – Hierher! hierher! Sie riss ihr Tuch von dem Busen. Hier lass diese Tropfen jene versühnen, bis mehr Blut fliessen wird. Lass es hier kühlen oder in Feuer herunterregnen – Auch dieses ahndete ich in meinem Wahnsinn, der mir wie süsse Begeisterung vorschwebte."
Und als sein Blut ihren vollen, weissen Busen befleckte, zog Todeskälte bei dem Anblick durch Ferdinands Gehirn und Herz. Seine Zähne schlugen vor Frost zusammen – er griff mit der blutigen Faust in seine Brust, riss an seinem Herzen, als wollte er die Wurzel des Lebens ausgraben, und schrie knirschend:
"Dies ist ein Gaukelspiel der Hölle, nicht der Liebe."
Amalie bedeckte ihren Busen und sagte:
"Da haben Sie recht! das ist unsre Liebe! das musste sie werden!"
2.
Ernst erkannte Paris nicht mehr. Die gänzliche Veränderung alles Alten, der herrschende, wilde, leidenschaftliche Ton, die Szenen des Mordens, das Geräusch der Waffen und des Aufstandes, das Siegesgeschrei über errungene Vorteile, die Ermordung oder die Flucht aller seiner Bekannten, nach denen er fragte – vermehrten die Dunkelheit seines Geistes, die Angst seines Herzens. Nur ein Gedanke, nur eine Hoffnung erhielten ihn in dem schrecklichsten Gebrause, das je die Kräfte und Leidenschaften der Menschen erregt hat – Hadem und das Licht, das er durch diesen erwartete. Wie der vor Durst verschmachtende Wanderer eine erquickende Quelle sucht, so suchte er Hadem. In allen Wirtshäusern, an allen öffentlichen Orten, bei allen Bankiers, bei jedem, der jemals in Amerika gewesen war oder dort die entfernteste Verbindung hatte, erkundigte er sich nach ihm. Sein rastloses Bemühen blieb fruchtlos; Hadem war noch nicht angekommen. Vergebens einsam herumirrend, kämpfte er nun in dieser ihn umbrausenden, allem Auflösung drohenden Anarchie, seiner verhüllten moralischen Kraft ihren vorigen Schimmer und ihre vorige klarheit wiederzugeben.
Es war jetzt der Zeitpunkt, wo ein Mann herrschte, dessen Name dieses Buch nicht beflecken soll.
Renots Briefe an einen berüchtigten Genfer kamen zu gleicher Zeit mit Ernsten in Paris an. Er schilderte ihn als einen Royalisten, der mit den französischen Prinzen in Verbindung stände und von einem grossen hof mit geheimen Aufträgen nach Paris geschickt wäre. Man beobachtete ihn von dem ersten Augenblick an, belauschte seine stillen Seufzer, seine oft laut ausgesprochnen Worte über sein eigenes Schicksal, das immer drückender wurde. Sein rastloses Herumirren, Nachfragen und Suchen bestärkten den Verdacht. Eines Abends, als er nach seiner wohnung ging, ward er an der Tür ergriffen und nach dem Schreckenshause gebracht, wo man die Schlachtopfer aufbewahrte, um sie truppweise nach dem Blutgerüste zu führen, damit das blutige Schauspiel unterhalten würde.
Er erschien vor dem Ausschusse, den der Mordgeist zusammengesetzt hatte und dessen Mitglieder sich Richter nannten, um der Menschheit Hohn zu sprechen.
Er antwortete kalt und gefasst auf die ihm vorgelegten fragen, lächelte über die Verbrechen, die er gegen Frankreich begangen haben sollte, und sagte, ermüdet von ihrem Wahnsinn und seiner Bürde: "Wie, meine Herren? Wenn ich nun, gedrückt von der Last des Lebens, verfolgt von einem schrecklichen, unverdienten Schicksal, in dem Zutrauen nach Frankreich geflohen wäre, dass ihr, die ihr so viele Unschuldige ermordet habt, nun auch in mir einen Unglücklichen töten würdet, der euch für den Dienst, den ihr ihm erweiset, noch dankt?"
"So bereitet Euch auf diesen Dank, Ihr sollt Euch in Eurer Erwartung nicht betrogen haben!" antwortete der Vorsitzer.
Mit diesem Ausspruch ward er zurückgeführt und auf die Liste derer gesetzt, die am folgenden Tage bluten sollten.
3.
Renot hatte diese Nachricht aus Paris bekommen, und er hielt Ernstens Schicksal für entschieden, wie man es ihm auch meldete. Er verbreitete das Gerücht in der Stadt, und die ersten Pariser Zeitungen bestätigten es. Wenige beklagten den edlen, seine Feinde fanden die Strafe gerecht, welcher ihn, nach ihrer Meinung, das rächende Schicksal entgegengeführt hätte.
Renot konnte Ferdinand zu der Witwe Glück wünschen. Dieser antwortete ihm mit einem gotteslästerlichen Fluche. Er eilte zu Amalien, sie liess ihn nicht vor sich, und ihre Kammerfrau gab ihm im Namen ihrer Gebieterin einen Brief.
Amalie hatte die Todespost durch einen Brief ihres Vaters erfahren. Sie schrieb an Ferdinand:
Amalie an Ferdinand
Ich weiss, was ich von Ihnen hören soll! – Diese Nachricht aus Ihrem mund würde ich nicht überleben. Wagen Sie es jetzt nicht, vor mir zu erscheinen. Alles ist für uns zu Ende; nur die Qualen, die wir uns bereitet haben, dauern fort. Auch ich habe die schreckliche Nachricht vernommen, und ich sehe nun nichts als den edlen, den sein Weib und sein Freund so schrecklich betrogen und dann dem Blutgerüst entgegengetrieben haben. Ich sehe ihn in seinem Blute, ich sehe ihn in seiner Verklärung, und es ergreifen mich alle Schauder des Todes, den ein Verbrecher leidet. Unter diesem Beben richtet mich eine so ängstlich erhabne Bewunderung des Verratnen auf, dass sich ein Verlangen nach ihm, welches an Wahnsinn grenzt, in meine Seele ergiesst. Ich fühle ein