ihn laut nach und aller Stimmen mit ihm. Die Mädchen und Knaben überschütteten Sarg und Grab mit Blumen. Nachdem alle die Kirche verlassen hatten, folgte Ernst, und als die Türen auf ihren Angeln dröhnten und dumpfschallend zufuhren, wendete er sich um und sagte zu dem Kammerrat:
"Der Schall tönt wie aus der Ewigkeit her, die Pforten des Glücks auf Erden schlossen sich mir!"
Nichts, was ihn umgab, schien ihn jetzt zu rühren. Achtlos ging er in dem Garten seiner Jugend umher, ihre goldnen Träume lagen verdunkelt in seinem geist, die Tore jenes erhabenen Landes waren mit Finsternis bedeckt, und die Göttin, die ihn geleitet hatte, die ihm einst in Amalien so sichtbar erschien, dass er sie in ihr erkannte, war verschwunden. Wenn ihn das zermalmte Herz an ihr Dasein erinnerte, so sah er in ihr das erhabene Bild erniedrigt und mit Schmach bedeckt – auf ihrem Angesicht erblickte er eine grässliche Larve, die seinen Glauben verhöhnte. Jetzt lag sein Geist nur an der Erde, er konnte seine gesenkten Schwingen nicht erheben, ihre Flugkraft war zerschnitten, und er sass in seinem blühenden Paradiese wie der düstre Genius des Todes am grab. Aber bald entsprangen giftige Zweifel aus den schaudervollen Betrachtungen über sich selbst, die Menschen und das, was sie, was die Geliebtesten unter ihnen ihm getan hatten. Sie drangen in sein Herz und aus diesem zu seinem verfinsterten geist. Aber noch trieb er ihren Stachel zurück. Auf einmal stand er plötzlich vor der Höhle, die sein bedeutendes Kleinod in sich verbarg, und es erschien ihm nun wie eine Sage der Fabelzeit – von einer andern Welt erzählt – Er wollte hineindringen und fühlte sich gewaltsam zurückgehalten. Ihn dünkte, als vernehme er Hadems stimme, ihn dünkte, dessen Geist lispele ihm zu und rufe ihn zurück. Er entfloh, und als er den Kammerrat in dem Garten des Schlosses fand, rief er: "Zu ihm! zu ihm! Nur Hadem kann mich von dem bösen Dämon erretten, den jene mir nachgesandt haben."
Der Kammerrat bestärkte ihn in seinem Entschlusse und freuete sich, dass ihn ein anderer Gedanke beschäftigte. Nur erschrak er, als er vernahm, dass Ernst seinen Hadem in Frankreich aufsuchen wollte.
"Ja, in Frankreich!" rief Ernst; "dort will ich ihn suchen und erwarten, wenn er nicht angekommen ist."
Er beschäftigte sich die ganze Nacht, schrieb an den Fürsten, meldete ihm seinen Entschluss und sagte ihm, dass er sich nur so retten könne.
An Amalien schrieb er folgende Zeilen:
"Ich fliehe nach Frankreich – Die Entweichung, das Verlassen berechtigen zu der Scheidung. Der Kammerrat Kalkheim wird, bevor Sie dieses erhalten, dem Notarius die Bekräftigung von meiner Seite überliefert haben. Zugleich werden Sie von ihm Wechsel auf eine Summe und die rechtliche Abtretung des Hauses, worin Sie wohnen, bekommen."
Dem Kammerrat übergab er die Wirtschaft und verliess denselben Tag den vaterländischen Boden.
Fünftes Buch
1.
Das Gerücht von Ernstens Abreise nach Frankreich erscholl und wurde mit aller Bosheit ausgebreitet. Man wusste die wahre Veranlassung, aber jeder schwieg davon; die, welche es redlich mit ihm meinten, aus Schonung, seine Feinde, um diesen Beweis seiner wirklichen Verbindung mit den Feinden des Vaterlandes und aller bürgerlichen Ordnung nicht zu schwächen. Der Fürst allein verteidigte ihn laut, und wenn er die Ursache von Ernstens Flucht nicht öffentlich sagte, so unterliess er es nur aus achtung und Schonung für den abwesenden Minister, Amaliens Vater.
Amalie lebte eingeschlossen. Sie sah niemanden als den Unglücklichen; sie sah ihn zu ihrer Qual und musste ihn sehen.
Der Kammerrat stellte ihr das Schreiben zu. Sie wagte es nicht, nach Ernsten zu fragen, auch nicht in des Kammerrats Gegenwart das Siegel zu erbrechen.
Der Kammerrat ging. Ferdinand erbrach den Brief und las.
Amalie rief: "So rächt sich der Edle! Und er weiss, er dachte es nicht, dass dieses die grausamste Rache ist, die er ersinnen konnte. So lassen Sie uns denn so unglücklich werden, als wir es zu sein verdienen, und das von ihm gegebene Brot unter dem nie vergänglichen Gefühle essen, dass es uns täglich ein Mann darreicht, den wir verraten haben, wie nie ein Mensch verraten ward!
Oh, lassen Sie mich niederknien und zu ihm, wie zu einem Heiligen, um Erbarmung, um einen einzigen milden blick beten! Dieses soll er mir von nun an sein. An seinen reinen Geist will ich mein Gebet wenden, ihn anflehen, es dem Ewigen, an den ich mich nicht zu wenden wage, vorzutragen."
FERDINAND: Amalie! – Amalie!
AMALIE: Warum reden Sie jetzt in diesem wilden Tone zu mir? Was soll Ihr drohender Zuruf in mir erwecken? Ich verstehe Sie! Ja, wir wollen unsre hände zusammenschlagen – die Furien grinsen dazu – und wahrlich! wahrlich! sie sind keine fabelhafte Wesen.
Sie riss zum erstenmal wieder hastig das Klavier auf und sang in wilder, kühner, erhabener Begeisterung die Raserei des von den Furien geplagten Orestes nach Gluck. Dann schlug sie es zu und rief:
"Das ist unser hochzeitlicher Gesang. Ich habe ihn gesungen, und die Eumeniden heulten dazu. Nun lasst die saiten auf ewig verstummen!"
"Wir haben ja alles erhalten, wir leben ja noch!"
Ferdinand schrie ergrimmt: "Ja, wir leben und wollen leben und müssen leben!