. Der Kammerrat blickte ihn an und bemerkte an ihm eine Veränderung, die ihn so entsetzte, dass das Schlagen seines Herzens stille stand. Nachdem Ernst den letzten Atemzug von den Lippen des Knaben geküsst, ihn gesegnet und seinem scheidenden geist nachgesehen hatte, sagte er zu dem Kammerrat: "Ich kann hier gar nicht weinen! Bei Amalien werde ich es können." Jetzt, nach seiner Rückkehr, stand er da, ganz mit der grauen Aschfarbe des Todes bedeckt, und heftete seine gebrochenen Augen gleich einem Toten licht- und strahlenlos auf die Leiche seines Sohnes.
Der Kammerrat näherte sich ihm, ergriff seine Hand, drückte sie an seine Lippen, an sein Herz und sagte schluchzend:
"Können Sie noch nicht weinen?"
Ernst schwieg wie in Todesschlummer.
Und abermals schrie der Kammerrat heftig:
"Können Sie noch nicht weinen?" – Er warf sich zwischen ihm und der Leiche auf die Knie nieder und betete:
"Gott, der du mit deinem Regen die Erde und den Durstigen tränkest, gib diesem Menschen Tränen! Er ist eins deiner besten Geschöpfe! Gib ihm Tränen aus der Quelle des bittersten Schmerzes!"
Er erhob sich und umfasste ihn – seine Tränen netzten die Wangen des Starren –
"Hat Gott mein Gebet erhört? Können Sie weinen?"
Ernst sagte wie träumend:
"Weinen? Nein, noch nicht! hören Sie doch! Glauben Sie nicht, dass dieser ermordete Jüngling wieder aufwachen wird? Ist gar keine Hoffnung da?"
KAMMERRAT: Er lebt! dort lebt er! Hier erwacht er nie.
Ernst stürzte an dem Bette nieder, ergriff die Hand des Toten, bewegte die Leiche sanft und sagte:
"Er soll, er muss erwachen! Franz, mein Sohn, erwache! Errette deinen Vater! – errette seine Seele, seine Tugend! Lebe, dass er nicht verzweifle, dass er sich an ein treues Herz drücke!"
KAMMERRAT: Ich erkenne Sie nicht mehr – und Sie verwerfen mich. Sie hören nicht auf mich – Und warum rufen sie dem lieben Toten diese schrecklichen Worte nach?
ERNST: Oh, ich habe Dinge vernommen – Er legte die Hand des Toten auf seinen Mund. Ich will es verschweigen – und ich versiegle deinen Mund – indem er ihn küsste – Klage nicht an! schweige dort, wie du hier geschwiegen hast! – Auch ich klage nicht an. – Legen Sie Ihre Hand in die Hand des Toten und verschweigen auch Sie, was Sie gehört haben. – – Wir müssen noch diese Stunde dies Haus verlassen.
KAMMERRAT: Ihr Haus? Jetzt?
ERNST: Es ist nicht mehr mein Haus. Wir müssen es verlassen und den Toten auf mein Gut führen. Lassen Sie schnell den grossen Wagen anspannen – indessen will ich ihn in ein Leichentuch einhüllen. Geschwind, geschwind! ehe der Wahnsinn mich dahin bringt, dass ich ihm den letzten Dienst nicht leisten kann. Niemand soll ihn berühren als ich und Sie, niemand in diesem haus soll ihn sehen – Und bestellen Sie, dass mir nur die alten Diener meines Vaters folgen.
Der Kammerrat ging. Als er zurückkam, fand er Ernsten noch beschäftigt, den Knaben in Leichentücher einzuhüllen. Nun trugen sie den Toten leise und sanft die Treppe hinunter. Als sie an dem Zimmer der unglücklichen Mutter vorübergingen, fühlte der Kammerrat den Körper des Entseelten durch das heftige Zittern des Vaters in seinen Händen beben. Ernst lispelte ihm über die Leiche zu: "Leise! leise! dass man uns nicht höre!"
Ernst setzte den toten Knaben neben sich, dem Kammerrat gegenüber, und hielt ihn fest umschlungen. Als sie aus der Stadt waren, liess er die Wagenfenster nieder. Sie fuhren langsam und immer schweigend. Der Kammerrat fühlte noch oft nach Ernstens Hand, aber dieser hielt den Toten fest umschlossen und bewegte sich nicht. Der Kammerrat lauschte auf seinen Atem, er hörte ihn nicht und wurde von einer schrecklichen Angst überfallen. Aber als sie um den Forst bogen, als der Mond jetzt heraufgestiegen war und sein Schimmer in den Wagen fiel, als Ernst in diesem Augenblick das Gesicht seines hingeschiednen Lieblings von dem sanften Glanze verklärt sah und sich nun erst seine Tränen ergossen, da fiel der Kammerrat auf seine Knie, drängte sich an ihn und hielt ihn und den Toten fest umschlungen.
Ernst sagte sanft:
"Dort strahlt dein Geist im Lichte lieblicher! Und hier glänzt die zarte Hülle, in welcher er so schön aufblühte, in dem reinsten irdischen Lichte!
Er muss reisen, mein Geliebter, das väterliche Haus verlassen, um ein Grab zu suchen – Glücklicher, du wirst es finden in dem Paradiese deines Vaters, an dem Orte, den er nie hätte verlassen sollen, den er nun mit der Klage betritt, dass ihm seine dort blühende Wiege nicht so früh zum grab geworden ist wie dir!"
19.
Der Totenruf der Glocke von dem Hügel herab, auf dem die Kirche einsam stand, versammelte die Gemeinde. Der mit Blumen geschmückte Sarg des lieblichen Knaben war vor den Altar gesetzt, und die Gemeinde vergoss stille Tränen. Der Vater stand neben dem Sarge und weinte nicht mehr, aber sein Anblick erschütterte die Anwesenden, und Weinen und Schluchzen unterbrachen den frommen Redner, der Bilder der Unsterblichkeit sammelte und sie an dem Sarge des Lieblichen zu einem schönen Kranze für jenes Leben flochte. Als man den Sarg in die Gruft senkte und der Geistliche den Segen sprach – sprach der Kammerrat