sein Herz.
17.
Ernst fand bei dem Bette seines Sohnes schon den Kammerrat Kalkheim. Dieser konnte kaum seinen Gruss beantworten, er sass da, wie Ernst ihn einst an dem Bette des kranken Knaben in des Schulzen haus gefunden hatte, aber jetzt niedergeschlagen, hoffnungslos, auf keine Heilungsmittel sinnend; denn auch ihm hatte der Tod aus der hinwelkenden Blume entgegengelächelt. Die Blicke beider begegneten einander – sie schwiegen, sie verliessen den Kranken nicht mehr. So verflossen einige Tage. Der Knabe lag ermattet, aber nun erwachten seine letzten Kräfte, und die beiden Freunde standen vor dem begeisterten Redner – Schöne, unzusammenhangende, hüpfende Gedanken und Empfindungen dachte und fühlte die begeisterte Seele des Knaben, die in dem verwelkten, engen Körperchen keinen Raum mehr hatte und sich sehnte, das Bild des Todes in ihm zurückzulassen, um nur das Freie, Fessellose zu denken – Diese Gedanken und Empfindungen drangen von seinen jetzt geröteten Lippen wie der lyrische Gesang des von der Morgenröte begeisterten Dichters, dem in ihr das Bild des künftigen Lebens aus dem Dunkel der Nacht emporsteigt – er lispelt seine Gefühle nur, er deutet sie nur an, er eilt, dass ihm kein irdischer Schatten, kein fremder Gedanke das entzückende Gefühl schwäche – ihm stehen die Pforten der künftigen Welt offen – der Unsterbliche singt dem Unsterblichen, und nur dieser vernimmt und versteht ihn.
In Ernstens haus herrschte nun die Stille des Todes. Da hörte er keinen laut, da sah er nur Verzweiflung, Blicke der Angst, bleiche Wangen. Das ihm unbekannte Verbrechen schlich noch leise um ihn – es trat auf wie der Mörder, der den süss schlafenden, bei dem letzten Strahl der Hoffnung eingeschlummerten Unglücklichen ermorden will.
Und in dem einsamen Zimmer sassen Amalie und Ferdinand, sie drängten sich aneinander wie zwei von den stechenden Gewissensbissen Verfolgte, die sich heimliche, unauslöschbare, unversöhnbare begangene Verbrechen entdeckten, getäuscht von dem Wahne, durch die Mitteilung das zerdrückte Herz zu erleichtern, die Folter des Geistes zu besänftigen. Sehnend suchen sie einander, und wenn sie sich finden, so verschwindet die Täuschung. Jeder sieht sein schreckliches Verbrechen in den Zügen, den Augen des andern – sie fliehen sich, eilen wieder zusammen; denn jeden ergreift der Geist der Rache in der Einsamkeit allein – vereinigt umschlingt er sie beide, und ihr Seufzen, ihr Ächzen, ihre Gewissensbisse vermischen sich.
Ferdinands Herz zernagte ein zwiefaches Verbrechen: Schuld an dem nahen tod des von seinem Vater so geliebten Kleinen, Bruch der Freundschaft und des Gastrechtes, Beraubung alles Trostes, aller Hoffnung und Linderung in der Gattin, auf die der unglückliche Dulder noch jetzt, an dem Bette des sterbenden Knaben, zählte.
Amalie sprach nun nicht mehr, sie schien den Schlag des Todes bei der Auflösung des Knaben zu erwarten.
Und noch betäubte die Flamme der leidenschaft auf Augenblicke die Schläge des Gewissens, aber diese Flamme brannte, wütete, zehrte, sie konnte nicht beseligen; denn die Liebe hatte sich nun im Gewande des Schreckens, des Mordes zwischen die Unglücklichen gestellt, und sie fuhr mit ihrer kalten, tötenden Hand zwischen die brennenden Küsse, wenn die Strafbaren in Umarmungen ihre von der Verzweiflung umhergetriebenen Seelen suchten.
Die Nacht war tief heruntergesunken, und dunkel brannten die Kerzen in dem stillen Zimmer. Die Unglücklichen lagen Wange an Wange, Arm in Arm verschlungen, wie Bilder des Todes am grab; und sie sassen an dem grab ihrer Tugend, ihres Glückes.
Ernst trat herein, und mit einem Tone, wie nie sich einer dem Herzen eines Menschen entriss, rief er:
"Mein Franz ist verschieden! wohl ihm! weh mir!"
Als er näher trat und die Unglücklichen Wange an Wange, Arm in Arm starr vor ihm sassen – Todesangst sie ganz ineinander geschlungen hatte – und als er in ihren auf ihn gerichteten Blicken etwas über allen Ausdruck Schreckliches und Bedeutungsvolles erblickte, da stand er vor ihnen, wie das geängstete Gewissen den Richter der Welt vor sich stehen sieht, und rief mit einem feierlichen Tone:
"Über wen soll ich noch Weh ausrufen?"
Jetzt sprang Amalie auf und riss sich aus den Armen des Bebenden, Hinsinkenden:
"Über mich! über diesen hier! über die Verbrecher, die deinen Liebling ermordet haben – Treue, Freundschaft brachen und ihn in dem Augenblick ermordeten, da sie die Treue brachen. Vor dem Zorne dieses fliehend, als er die Treulosen überraschte, stiess sich der Zarte an dem Klavier; das Blut strömte und mit dem Blute die Quelle seines Lebens. Diesen Unglücklichen hier liebte ich mit der Flamme der leidenschaft, sie schlief in meinem Busen und erwachte, als ich ihn wiedersah. Und noch lieb ich ihn! – Ja, schaudere, bebe und wende dein Angesicht von mir! Von dem Augenblicke an, da das erste und das darauf folgende Verbrechen begangen war, blieb keine Rettung mehr für mich. Der Tod des Unschuldigen, den du mir jetzt ankündigest, macht mich so unglücklich als ich es werden kann; aber durch ihn wird das Band, das die Verbrecher zusammenkettet, unauflöslich. Seine Reize sind jetzt seine und meine Gewissensbisse, seine Lockungen die Qual, dass keiner ohne den andern leben kann, dass jeder in dem Elende des andern leben muss – dies ist es, was uns auf ewig vereinigt!"
Ernst antwortete mit bebender stimme:
"Oh, es ist genug!"
18.
Als Ernst wieder in das Zimmer zurückkam, trat er neben die Leiche seines Sohnes