können. Halte dich fertig!"
Ferdinand konnte ihm kaum antworten: "Wie kann ich dich jetzt verlassen?"
Ernst erwiderte: "Du verlässest nur Unglückliche."
Er ging in sein Kabinett und öffnete die Briefe, die in seiner Abwesenheit angekommen waren. Auf einem erkannte er Hadems Hand, er drückte ihn an seine Lippen und schlug ihn auf; denn hier schimmerte ihm Trost entgegen. Hadem schrieb, er habe alles zu Ende gebracht, werde zu der und der Zeit in Paris sein und dann zu seinem Schüler eilen, wo sein Paradies ihm blühe und wo er den Vorschmack des künftigen Lebens schon in dem land ihres Bundes zu geniessen hoffe. Ernst seufzte: "Komm, Edler! Aber ehe du kommst, werden die schönsten Blüten dieses Paradieses schon verwelkt sein. Dein Schüler wird selbst in deinen Armen wie ein Verlassner weinen! In ihm solltest du ihn wiederfinden und einen neuen, sichrern Traum beginnen!"
Nun öffnete er einen Brief des Ministers, seines Schwiegervaters. Dieser schrieb, er melde ihm mit dem grössten Kummer, dass die niederträchtige Bosheit seiner Feinde ihn an dem grossen hof, wo er sich wegen wichtiger Geschäfte für den Fürsten aufhalte, als einen wilden Demagogen und Aufrührer bezeichnet und diese Angabe durch seine letzte Rede in der Versammlung des Adels bekräftigt habe. Man beweise es ferner durch einen langen, zwar offnen Briefwechsel, den er mit Parisern unterhalte, und führe sogar seine Reden an der fürstlichen Tafel an, denen man den giftigsten Sinn unterlege. Er würde ihm diesen Unsinn nicht geschrieben haben, wenn der Minister im Namen seines Hofes ihm nicht ausdrücklich aufgetragen hätte, dem Fürsten dieses alles zu schreiben und ihn zu warnen, weil Beispiele dieser Art, von Leuten seiner Bedeutung gegeben, in der jetzigen Zeit allzu gefährlich und an andern Höfen nachteilig für den Fürsten wären. Er habe darauf geantwortet, was Gewissen, was Pflicht erforderten und was sein edler Sohn verdiene. Gleichwohl sei man bei dem Verlangen geblieben, und er habe also diesen für ihn so schmerzlichen Auftrag dem Fürsten schreiben müssen. Er vermute, woher das alles komme; indes sei für jetzt nichts anders zu tun, und man müsse des Fürsten Verhältnis, das in diesem Augenblicke wie die Lage jedes kleineren Fürsten höchst bedenklich sei, zu schonen suchen. Wie dieses aber einzuleiten sei, überlasse er dem Herzen und dem verstand seines Sohnes, usw.
Ernst hatte schon so viele Ungerechtigkeit von den Menschen erfahren, dass dieser Brief beinahe gar keine wirkung auf ihn tat. Er lächelte wehmütig und schlug den Brief zusammen. Das einzige, was er dachte, war, den Wink des Ministers zu befolgen und sich eine Zeitlang von dem Fürsten zurückzuziehen. Er sah selbst in dem Vorfalle nur Gewinn für sich, da er sich jetzt seinem Schmerze ohne allen äussern Zwang überlassen konnte. Er ging zum Fürsten. Dieser nahm ihn mit eben der Wärme und eben dem Zutrauen auf, mit welchem er ihn entlassen hatte, und beklagte gerührt seinen erlittnen Verlust.
Ernst antwortete mit nassen Augen:
"Noch drohet mir der zweite, und ich weiss nicht, wie ich ihn ertragen werde."
Der Fürst glaubte, er deute auf des Ministers Bericht (dieser hatte ihm nämlich gemeldet, er habe an Ernst darüber geschrieben). Er antwortete in diesem Sinne:
"Sein Sie ohne alle sorge. Ich fürchte weder für mich noch für Sie, ich achte solche Dinge nicht, die, wie es scheint, die einzigen Waffen unsrer Verteidigung sind. Ich werde nie vergessen, dass ich ein Fürst, ein teutscher Fürst bin. Ich werde mir nie, weil mein Fürstentum klein und darum glücklicher ist, Gesinnungen und Handlungen aufdringen lassen, die mein Herz und mein Verstand verwerfen. Der Minister schrieb mir, er habe Ihnen die Bosheit dieser Elenden gemeldet. Ich wünschte, er hätte geschwiegen, aber wir wollen sie entlarven."
Ernst dankte ihm und versicherte, das, was er höre, gereiche ihm in seiner Lage zu grossem Trost. Er setzte hinzu:
"Aber doch nötigen mich die Gesinnungen, die Ew. Durchlaucht mir Ihnen laut zu bekennen erlauben, dass ich mich entfernt halte. Das Gelübde, gnädiger Herr, das Sie mir einst abnahmen, kann nur mit der Tugend in meinem Herzen aussterben; und darum hoffe ich, es soll ewig dauern. Der Hass, die Wildheit, der Eigennutz und der Stolz der Menschen können seine wirkung auf Augenblicke hemmen, ganz auflösen nie. Meine Pflicht, die Umstände, Ihre eigenen Verhältnisse erfordern, dass ich mich auf einige Zeit zurückziehe – und, gnädiger Herr, das, was ich in meinem haus fand, macht mich zu allem unfähig. Verzeihen Sie. Sie sind Vater – Ich habe nur einen Sohn. Schön, lieblich, geistreich, hoffnungsvoll, in blühender Gesundheit verliess ich ihn – der nahe Tod lächelte mich zum Willkommen aus seinen Augen an."
Der Fürst ergriff seine Hand:
"Es bleibt unter uns fest und ewig! Vergessen Sie nie, dass Sie einen Freund in mir haben."
In dem Vorzimmer fand Ernst seinen Oheim, der auf ihn zutrat und ihm kalt sagte:
"Wie befindet sich Ihr Sohn?"
Ernst antwortete nur mit einem schmerzvollen blick, und der Präsident sagte noch kälter:
"Bald werden Sie meiner Weissagung glauben. Sie verachteten sie einst, nun ist sie der Erfüllung nahe."
Ernst begriff ihn nicht, aber es dünkte ihn, eine glühende eherne Faust umfasse