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alles Glück verloren hatte, das ihm noch auf Erden übriggeblieben war. Er sah ein, dass seine Vermessenheit um allen Preis, um sein Dasein selbst, das nicht erhalten würde, wofür er es geopfert hatte. Er fühlte sich von Amaliens geist unterjocht. Sie gestand ihm tausend-, tausendmal ihre sie verzehrende leidenschaft, zog ihn immer mehr an, und die Früchte für ihn warenerschütternde Szenen, ein wildes Gewühl von Empfindungen, die bald sein Herz zerrissen, seinen Geist folterten und bald ihn mit einer Wonne erfüllten, zu seiner Erhabenheit emporhoben, für welche es der Sprache an Worten fehlt. Amalie hatte der Musik ganz entsagt, und sein Flehen, seine Tränen, selbst die Bitten des kranken Kindes vermochten hierin nichts über sie. Es schien, als flistere ihr Genius ihr zu: "So weit hat dich diese Zauberkunst gebracht, weiter soll sie dich nicht bringen!"

Renot lachte nur. Er fühlte seinen Triumph, er sah das Glück des Mannes zerstört, der ihn um einer luftigen Schimäre willen verachtet, beleidigt hatte. Er sah ihn in dem Mittelpunkte seines Daseins, in dem Glauben an seinen Traum, verwundet. Er spottete über das feierliche, tragische, düstere Wesen, das nun Ferdinand durch Amaliens Stimmung angenommen hatte, und bewies ihm, es gebe nur ein Mittel, dieses von Ernstens Schimäre angesteckte Weib zu heilen, welches trotz aller Schwärmerei doch so sehr zeige, dass es nur ein Weib sei; und diese Heilung würde allem Übel zuvorkommen, das er befürchte. Ernst würde es dann nicht gewahr werden. Nur halbe Sünder ertappe man, die Kühnen rette das Glück, und er sei seinem Freunde wenigstens die Schonung schuldig, ihm sein Unglück zu verbergen. Alles, was nun geschehen werde, sei ein unvermeidliches Schicksal, das alle Toren dieser Art treffe.

Er drang in Ferdinand, ihn bei Amalien einzuführen, und versprach, sie in kurzem aus diesem langweiligen, düstern Wesen herauszuspotten. Ferdinand tat es. Amalie sagte ihm, als sie jenen einigemal gesehen hatte:

"Bringen Sie mir diesen Menschen nicht wieder. Nur er, nur das, was er mit Zweck zu sagen scheint, könnte mich zur Verzweiflung treiben. Seine Worte erkälten mein Herz und töten meinen Geist. In seiner Gegenwart sehe ich nur mein Verbrechen, und ich will es jetzt nicht sehen, ich will dem drohenden Schicksal die letzten Augenblicke rauben und dann vergehen, dann mich ihm hingeben. Die Liebe mit dem Verbrechen soll mich töten, nicht das Verbrechen allein."

Als sie den folgenden Tag zusammensassen, trat der Arzt herein:

"Der Knabe hustet; es ist ein Fieber da."

AMALIE: Und morgen, morgen kommt sein Vater.

Ferdinand bebte und wendete dem Arzt den Rükken. Amalie sagte leise zu Ferdinand: "Ich habe Briefe von ihm und wollte es Ihnen verbergen."

16.

Voll Schmerz über seinen Verlust, erschüttert durch die Verwüstungen des Krieges und durch das Elend des Volkes, das er nun in seinem ganzen schrecklichen Umfange gesehen hatte, kehrte Ernst nach haus zurück, wo er allein Trost, Linderung und Ruhe erwartete, wo aber schon alles für ihn verloren war. Der düstre, beklommne Empfang Amaliens und seines vermeinten Freundes fiel ihm jetzt nicht auf, er fand die Ursache in seinem erlittenen Unglück, in seiner eignen trüben Stimmung. Er fragte nach seinem Sohne. Amalie sagte ihm zitternd:

"Erschrecken Sie nicht allzu sehr. Franz ist seit einigen Tagen nicht wohl, wir halten ihn im Bette, damit er ruhiger sei."

Ernst eilte zu ihm. Der Blitz der Freude traf aus den jetzt grossen blauen Augen sein väterliches Herz, aber als er nun seine trocknen, bleichen Lippen, seine eingefallnen Wangen an seinen Wangen fühlte und den kranken Atem vernahm, die welken hände ansah und ihn lange angestarrt hatte, sank er an Amaliens Busen, und sein Leben schien zu erlöschen. Der freundliche, kranke Zuruf des Knaben erweckte ihn aus dem Todesschlummer, und als ihm Franz versicherte, ihm sei recht wohl, er würde gleich aufstehen, wenn es die Mama erlaubte; und als er dann nach dem Grossvater fragte, da zerschmolz Ernstens Herz, und nun erst konnten seine Tränen fliessen. Er setzte sich bei dem bleichen Knaben nieder und sah in die verwelkten Blüten seiner Hoffnung. Von diesem Augenblicke an konnte er nichts anders mehr denken und fühlen, er sah nur ihn, lauschte nur auf ihn. Bei jedem leisen Husten, jeder schmachtenden Bewegung drückte er Amaliens Hand, als könnte er nur durch diesen Druck sein Herz in seinem Busen zusammenhalten. Aber Amaliens Hand lag so kalt in der seinigen, als hätte der Tod ihr Blut erstarrt.

Sie konnte ihm die Ursache der Krankheit nur stammeln.

Ernst brach auf und ging zu dem arzt. Der Himmel und alle Gegenstände hingen schwarz über ihm und um ihn. Seine ganze Seele war in Trauerflor gehüllt, und die düstern Ahndungen schwebten in der Finsternis, ohne Namen, ohne Sinn.

Der Arzt kündigte ihm mit Schonung sein nahes Unglück an und sagte ihm, Franz habe nicht lange zu leben, da in diesem zarten Alter die Brust nicht lange widerstehe.

Ernst antwortete:

"Nun, so will ich alle meine Geschäfte schnell zu Ende bringen und seiner warten."

Als er nach haus kam, sagte er zu Ferdinand: "Um deinetwillen habe ich so lange gezögert, zurückzukehren, ich hoffe, dir in einigen Tagen gute Nachricht geben zu