ist, so will ich Ihnen doch sagen, was mein Zögling unter den Worten gedacht hat, die Ihnen so sonderbar vorzukommen scheinen. Er meint, der Mann habe höhere und bedeutendere Pflichten, als für ein Mädchen zu seufzen oder zu sterben; und ich hoffe, er soll auch dann noch so denken, wenn er erfährt, was dies ist, von dem Sie so früh vor der Zeit reden. Jetzt weiss er es gewiss nicht; aber sollte er es einmal empfinden, so bin ich gewiss, er würde für die person, für die er es empfände, noch weit grössre Übel ertragen, als das ist, welches man sich unter dem tod denkt; und doch würde er leben und eben durch sein Leben beweisen, wie würdig er ihrer sei. Die Liebe, um das Wort nur zu nennen, das Sie so leicht aussprechen, soll den Mann erhöhen, nicht niederwerfen; und derjenige, welcher darum stirbt, weil ihm das Schicksal den Gegenstand seiner leidenschaft vorentält, ist ein Kranker, der vermutlich an der Versagung jedes andern heissen Wunsches gestorben wäre: denn er wollte über seine Kräfte. Des jungen Menschen Schicksal, das dieses Buch so meisterhaft darstellt, lag ebenso sehr in seiner ihm eignen denkart, der düstern, forschenden Stimmung seiner Seele, seinen Begriffen über die natur und die Verhältnisse der Menschen gegeneinander als in seiner leidenschaftlichen Lage; ja sie gaben eigentlich seiner leidenschaftlichen Lage die auszeichnende Farbe und mussten endlich die Katastrophe hervorbringen, die schon so früh in ihm vorbereitet war, gegen die er auch so wenig kämpfet, dass er ihr vielmehr langsamen Schritts und mit einer Art inneren Genusses entgegengeht. Er gleicht einem seltnen, lieblichen, interessanten kind, das einen düster erhabenen dichterischen Traum schwärmt, bevor seine Vernunft ganz erwacht ist. Ich bewundre das Buch als dichterische Darstellung der wirkung dieser gefährlichen leidenschaft gewiss mehr als Sie; aber ich bewundre nicht den Helden, den es uns darstellt. Ich könnte ihn zuzeiten sogar hassen, weil er den Mut unsrer Jünglinge erschlafft und die Köpfe unsrer Mädchen so verwirrt, dass sie beide das zu einem übertriebenen, romantischen Spiele machen, was doch die natur und die Gesellschaft zum wichtigsten und ernstaftesten Geschäfte des Lebens gemacht haben. Die Männer sind in der Welt, um Beweise ihres Verstandes und Mutes zu geben; und die Weiber, wenn ihr Verstand und ihr Herz nicht durch Romane verdorben sind, achten nur die Männer, welche dieses tun. So war es bei den Völkern, die wir noch jetzt bewundern, die wir nur so lange zu bewundern Ursache finden, als dieses dauerte. Welche seelenkranke, erbärmliche und niedergedrückte Männer müssen die nicht sein, die in solchen Spielen der Phantasie Ersatz für Tätigkeit und Mut finden können, die ihre Weiber und Töchter schon bis dahin gebracht zu haben scheinen, dass sie ihnen solche Erschlaffung, Weichlichkeit und Feigheit für die einzigen Heldentugenden anrechnen, deren sie noch fähig sind! Glauben Sie darum ja nicht, dass ich dieses dem Dichter zuschreibe. Er denkt weder der Toren noch der Schwachen, noch weniger will er ihnen Bilder zur Nachahmung in seinem Helden aufstellen. Ihn ergreift die Liebe zu einem Gegenstand, die Begeistrung übt ihre Gewalt an ihm aus. Sein entflammter Genius tut dasselbe an euch, indem er euch durch Angst, Staunen, Furcht, Grausen und alle menschliche Gefühle in seinen magischen Kreis bannet, in welchem eine Gotteit ihn gefesselt hält und aus dem er selbst nicht eher treten kann, als bis ihn seine mächtige Beherrscherin entlässt.
Ich sehe wohl, dass ich Ihnen lästig falle; mein Rock mag es entschuldigen. eigentlich spreche ich hier nur um eines einzigen willen, und dieser versteht mich. Um Ihnen übrigens den Unterschied zwischen meinen beiden Zöglingen zu zeigen, will ich Ihnen eine kleine geschichte erzählen, dann mögen Sie selbst urteilen, wer von ihnen im Fall der Not für Freundin und Freund mehr zu tun fähig wäre."
Er erzählte hierauf den Vorfall in der Höhle, beschrieb den furchtbaren Abgrund, seine Angst, den Ausgang des Vorfalls und endigte mit den Worten:
"Wer war nun hier der mutigste? Er, der in die Höhle gleiten wollte, um der erste zu sein, der uns sagen könnte, ob die einfältigen Märchen des volkes gegründet wären; oder der, welcher, um den törichten Freund zu retten, hineinzuspringen drohte, hineingesprungen wäre?"
Keiner der Gesellschaft schien das Edle des Zuges zu fühlen, den ihnen Hadem von Ernsten mitteilte, und aller Augen, ausser Amaliens Augen, wendeten sich jetzt nach Ferdinand. Sein Vorsatz schien ihnen grösser, kühner, obgleich seine eigne jetzige Beschämung so laut gegen ihn sprach. Hadem bemerkte hier die gewöhnliche wirkung des Romanenlesens auf die alltäglichen Menschen, das alle einfache, natürliche Gefühle in ihnen verzerrt und verdunkelt und an deren Stelle einen erkünstelten Kitzel der Phantasie und der Eitelkeit setzt.
Ernst schien in diesem Augenblick ein Verbrechen begangen zu haben. Er atmete kaum, und nur die sichtbare Verwirrung seines Freundes erweckte ihn aus seiner Betäubung. Er eilte auf ihn zu; die glühenden Wangen der Jünglinge berührten sich, und einige Tränen, von verschiednem Gefühl erzeugt, drängten sich zwischen ihre Küsse.
Amalie allein sah gerührt dieser Umarmung zu. Sie sah immer auf Ernsten, aber nun verweilte ihr begeisterter blick länger auf Ferdinand. Dieser bemerkte es und drängte sich zu ihr, von ihrem Blicke angezogen. Noch ganz von dem vorigen Gefühle belebt, das jetzt unter dem Rosenschimmer der Scham, von Beleidigung