, dass du vor Ferdinand erschrocken bist, dass du dich darum gestossen hast; auch dem Papa nicht, er möchte auf Ferdinanden zürnen."
FRANZ: Gewiss nicht, Mama! Ich war ja an allem schuld. Warum kam ich auch, als wollt ich hören, was Ihnen Ferdinand Geheimes sagte! Hat Papa mich nicht immer gelehrt, ich müsste das nicht tun? Zwar wusste ich's nicht und war voller Freude und wollte Ihnen und ihm die frohe Nachricht zurufen. Ich werde es keinem Menschen sagen, dass der gute Ferdinand einmal auf mich böse war. Er liebt mich und sagt mir oft, ich gliche dem Papa und er glaubte immer, er sähe ihn in mir vor sich, wie er damals war, als sie noch als Kinder zusammenlebten.
Amalie hob ihre Augen gegen Himmel und lispelte in ihrem Herzen: "Du rächest dich schrecklich! Des unschuldigen Kindes Worte sind Schwerter, welche die Seele durchdringen." – Mater dolorosa! sang sie in zitterndem Tone und küsste den bleichen Knaben, legte ihn bequemer und berührte seinen zarten Leib mit einer Behutsamkeit, als fürchtete sie, die erschütterte Seele könnte ihm unter ihrer Berührung entfliehen.
Der Arzt kam. Amalie sagte ihm, das Kind habe sich aus Übereilung an die Brust gestossen und stark aus dem mund geblutet. Der Arzt fand den Umstand wegen des zarten Alters bedenklich und sagte leise zu ihr: "Wenn die Lunge nicht durch die Erschütterung gelitten hat, so hoffe ich, es soll vorübergehen. Ich bitte Sie, ihn ruhig zu halten."
Amalie wachte lange bei dem kind. Es entschlief sanft, aber seine Blässe war ihr ein Bild des Todes, sein leises Atemholen ein Zeichen nahender Auflösung. Ihre Nacht war schrecklich, nur am Morgen schien sie mehr gefasst und entschlossen. Das Weiche, Zärtliche schien ganz verschwunden, aber dafür lag auf ihrer Stirne, in ihren Augen, ihrer stimme der düstre Ausdruck der Entsagung. Jeder, der sie sah, musste glauben, das ruhigste, erhabenste Gefühl habe nach einer gefährlichen Erschütterung ihre Seele so gestimmt. Als Ferdinand kam, lächelte sie ihm zu. Er ergriff ihre hände, drückte sie an sein Herz und sagte:
"Soll ich heute noch leben?"
AMALIE: Sie sollen, Sie müssen es. Das, was uns erreichen soll, eilt mit schnellen Schritten auf uns zu, wir können ihm nicht mehr entgehen.
FERDINAND: Oh, so lassen Sie uns nur einen Augenblick in dem Gefühle leben, das mich gestern gewaltsam zu Ihren Füssen hinwarf. Lassen Sie uns träumen, es sei nichts vorgefallen seit jenem unbegreiflichen Augenblicke.
AMALIE: Dieser Augenblick hat gewirkt, er entfloh nun und kehret niemals wieder. Ich habe eine Nacht gelebt, wovon ich keine Ahndung hatte, und die Ihrige ist wohl nicht besser gewesen. Wenigstens sehen Sie darnach aus. Nun habe ich mich gefasst, wie der zum tod Verurteilte, der noch wenige Zeit zu leben hat. Der Unglückliche möchte so gerne geniessen, was man ihm anbietet, so gerne nach einem andern gegenstand hinblicken, umsonst! er sieht nur das nahe, schreckliche Ende, und auch die wenigen, noch übrigen Minuten entfliehen ihm ungenutzt.
FERDINAND: Amalie! und dies nennen Sie gefasst sein? und Sie sagen, ich soll leben? In diesem Zustande kann ich Sie nicht lange sehen, ich kann selbst den meinigen mit aller meiner Kraft kaum ausdauern. Wohl! Von uns dreien muss eins das Opfer sein; so sei ich es! Ich verschwinde, Sie vergessen mich und sind so glücklich, als sei nichts geschehen.
AMALIE: Sie jetzt vergessen, da ich Sie vorher nicht vergessen konnte? Und ich sollte so glücklich sein, als sei nichts geschehen? Nichts geschehen! Und wenn jetzt auch geschähe, was vorher unmöglich war, wenn ich mich von dieser unbezwinglichen leidenschaft befreien könnte, die mich gewaltsam zu Ihnen hinzieht, bin ich noch das Weib, das ich gestern war? Zerbrach nicht mein Gelübde auf Ihren Lippen? Ist nicht alles in mir zerstört? Ist da nichts geschehen? kann, konnte noch mehr geschehen? Findet er mich, wie er mich verlassen hat? Ich bin so tief unter ihn gefallen, dass mein Geist die schreckenvolle Tiefe nicht anzublicken wagt; soll ich nun ebenso tief unter mich selbst sinken und ihn als Betriegerin aufnehmen? Das vermag ich nicht; denn so wenig ich dem hinwelkenden Knaben, seinem Lieblinge, die vorige Blüte wiedergeben kann, ebenso wenig kann ich mir meinen vorigen Sinn, meine vorige Reinheit wiedergeben. Und darum kann ich seine Gattin nicht mehr sein. Fliehen Sie nur! Er wird darum nicht glücklicher, ich werde nur unglücklicher; denn wenn ich Sie verliere, so wird mir das Verbrechen selbst unnütz. (Dieses sprach sie mit Spott aus.)
Ferdinand fasste diesen Gedanken mit der heftigsten leidenschaft; er umschlang sie. Sie ertrug seine glühenden, wilden Küsse, aber als er sich zu vergessen schien, wand sie sich aus seinen Armen, hielt ihn zurück und rief: "Dieses! dieses sind die Täuschungen, die meine Seele so lange bezauberten! diese Ergiessung der Liebe war es, was meiner verblendeten Seele so lange vorschwebte – dieses allein. Kommen Sie! Sie haben dem Kranken noch keinen guten Morgen gesagt. Sie sollen selbst hören, wie er trauerte, sie erzürnt zu haben."
15.
In dieser Stimmung verharrte Amalie, und Ferdinand fühlte bald, dass er nun