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da, werden mehrere fliessen, sie werden langsam dem Herzen Ihres Freundes entquellen. Und ichich Unglückliche fühle schaudernd diesen Augenblick, dass dieses Verbrechen und seine Folgen mich noch mehr an seinen Urheber, den ich verabscheuen sollte, fesselnja mehr als das vorher Begangene, weil ich die Vorstellung dieses und alles dessen, was geschehen ist, geschehen wird, nicht allein ertragen kann. Nun müssen Sie die Last mit mir tragen. Uns beide unterwirft dieses Verbrechen dem schrecklichsten Joche der Vereinigung.

Sie ging nach dem Nebenzimmer und kehrte nach einigen Minuten zurück.

Ferdinand wagte es nicht, sich nach Franzen zu erkundigen.

AMALIE: Die einzige Brust zerschlagen, an der er sicher ruhen konnte, das einzige Herz zerdrückt, das ihn treu liebteoh, es ist schrecklich! Und er ist blass, ruhig, entkräftet und küsst zärtlich besorgt die Hand seiner Mutter, die ihn tötete. Ja, Ferdinand, von allen unseligen Gaben, die dem geist des Menschen zu seinem Unglücke verliehen sind, ist die unseligste, sich Ideale zu bilden und zu schaffen. Dieses fühle ich, dieses ist mein Fall mit Ihnen.

FERDINAND: So sei es der unsrige! Ich habe in einem Augenblick alles Leben gelebt und kann nun sterben, kann sterben, ohne es zu bereuen. Sie können mir gebieten zu sterben, aber das, was geschehen, ist nun ausser Ihrer, ausser der Menschen Gewalt. Das Schicksal hat damals über uns gesprochen, als unsre Blicke einander begegneten, es hat uns hierher geführt. Ich bin zu allem bereit. –

AMALIE: Ja, uns verbindet ein unauflösbares Band, hier knüpfte es nun das Schicksal über das Grab hinausvor einigen Augenblicken konnte es wenigstens durch das Leben noch getrennt werden. Fassen Sie sich nur immer, bereiten Sie sich auf Qualen, die nun unser Werk sind. Es ist geschehen, es ist geschehen, wovor ich bebte, und es muss geschehen, was das Schicksal mit dem Blute des süssen Knaben, des Lieblings seines Vaters, hier aufgezeichnet hat. Auch ich bin nun bereitet, alles zu empfangen, was ich verdient habe. Ich konnte nie aufhören, Sie zu lieben, kann ich es jetzt? Und könnte ich eswürde ich nicht unglücklicher als ich bin? Jetzt teilen Sie mit mir, jetzt kann ich mein Verbrechen in das Herz des Mitverbrechers schleudern, jetzt müssen Sie mit mir leiden und mich vor Verzweiflung retten.

Sie drückte ihre Lippen auf die seinigen, und dieser Kuss verknüpfte die Unglücklichen, entfernte alle Rettung.

AMALIE: Ich fasse mich nichtin diesem Augenblick steht er hier vor mirErinnern Sie sich, als er hier, hier auf dieser Stelle, gerührt durch den ersten Abschied von seinem weib, unsre hände fasste, ineinander legte und dann seine Tränen, Unglück weissagend, aus seinen Augen drangen?

FERDINAND: Ja, ich erinnere mich. – Oh, warum mussten Sie ihm Ihre Hand geben, ihm, den Sie nicht liebten!

AMALIE: Ich gab ihm meine Hand, weil ich sie keinem edlern, würdigern unter allen Männern geben konnte. Ich würde sie ihm gegeben haben, auch wenn Sie gegenwärtig gewesen wären. Die Verblendete traute sich, ihrem geist und glaubte, ihr Herz gliche diesem. In dieser Täuschung dachte ich nicht, dass, indem ich die Hand des edelsten Mannes berührte, ich ihm die Hand des seiner unwürdigsten Weibes darreichte. Jetzt begreife ich es, jetzt begreife ich, jetzt sehe ich, wie ich fallen, selbst an seiner Seite mich nach diesem Falle sehnen konnte. – Und nun gehen Sie. Jetzt erwarte ich den Arzt.

FERDINAND: Werden Sie ihm die Wahrheit sagen?

AMALIE: Die Wahrheitach ja, Sie erinnern mich an das, was ich nun bin, dass ich in meiner Lage keiner Tugend mehr mächtig bin. Darum sagt Ernst, es gibt nur eine Tugend für den Mann und das Weib, und sie muss fest beisammen gehalten werden, denn sie kann keinen Verlust ertragen, auch den kleinsten, unmerklichsten nicht. Schlafen Sie nun wohl. Sie haben Ihren Wunsch erreicht, ich den meinigen. Wir müssen nun tragen, was erfolgt; für mich ist nach jenem Augenblicke keine Rückkehr mehr! – Gehen Sie. Es ist schon spät, und wir müssen von nun an den Anstand beobachten; gestern brauchten wir das noch nicht.

14.

Amalie setzte sich bei Franz nieder, und der Knabe versicherte ihr, es sei ihm ganz wohl, ganz leicht. Er fürchte nur, Ferdinand mochte böse auf ihn sein, dass er ihn erschreckt hätte, er bat seine Mutter, sie möchte ihn wieder gut machen; nur sei es schade, dass das Mädchen eine Lüge gesagt. Dann fragte er, ob sein Vater bald kommen würde.

Amalie antwortete: "Er wird bald kommen"; und ihre Tränen flossen.

FRANZ: Weinen Sie nicht, Mama; ich bin schon wieder gesund. Es ist recht gut, dass ich geblutet habe. Papa sagt mir immer, wenn ich aus der Nase blute, es erleichtert den Kopf. Nun, da ich aus der Brust geblutet habe, wird es wohl das Herz erleichtern. Das tat es gleich; denn als ich Ferdinand so böse sah, klopfte es mir so heftig.

Jedes Wort war ein Dolchstich in das Herz Amaliens, und nun sagte sie mit bebender Lippe:

"Franz, du musst dem arzt nicht sagen