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solchen Eindruck, dass sich in ihm das lockre, kaum noch fühlbare Band der Freundschaft, der achtung und Pflicht völlig auflöste. Das wilde Geschrei dieses Hasses, dieser Wut und dieses Hohns ward dem Verblendeten was dem noch schwankenden Verbrecher die Sophismen einer durch die heftigen Begierden verdunkelten Vernunft sind. Er sah in seinem Freunde nur den Volksaufwiegler, den Mitgenossen der Zerstörung seines ehemaligen Glücks, den kalten Besitzer des schönsten Weibes auf Erden, das er selbst mit aller der Kraft und Heftigkeit liebte, deren sein durch Renot und die Welt verderbtes, unbändiges Herz, seine glühenden Sinne, die kein anderes Gesetz erkannten als den Genuss, und seine alle Schranken überspringende Einbildungskraft fähig waren. Sein Verlust, sein Neid, seine aus seinem vermeinten Unglück entspringende melancholische Stimmung reizten unaufhörlich seine leidenschaft. Renot blies leise und um so gefährlicher in die Flammen, die sein Herz verzehrten. In dessen Gegenwart dachte Ferdinand nicht mit einem Gedanken an seinen Freund, nur wenn er Franzen, den sanften, lieblichen Abdruck seines Vaters, sah, lief kalter Schauder durch seinen Busen. Aber glühendes Feuer folgte auf die Erschütterung, wenn er in Amaliens düstre Augen blickte, wenn sie sprachlos vor ihm sass, wenn eben dieses feierliche Schweigen, ihre unwillkürlichen, hastigen Bewegungen, die wechselnde Röte und Blässe auf ihren Wangen, ihr plötzliches Entfernen und Wiederkehren bezeugten, was in ihrem Herzen vorging. In ihrem Zimmer herrschte jetzt die Stille, welche dem Verbrechen vorausgehtdüster, drohend, anlockend, anziehend und dahinreissend durch das schaudervolle, feierliche, das schmachtende Leiden, das Kämpfen, die Blicke, die umso mächtiger reden, je mehr man sie zu bemeistern sucht, durch die bebende Furcht, das Heben des geängsteten Busens, die fliegende Röte, von dem Zurückdrängen der kühnen Wünsche erzeugt. Es erscholl kein laut mehr. Selbst die Musik, der Gesang verstummte. Klavier, Harfe und Laute waren in das Nebenzimmer gebracht und fest verschlossen, Amaliens Geist schien zu ahnden, dass sie die Urheber der ihn so schrecklich drückenden Schuld wären.

So sassen die Unglücklichen ganze Stunden, Abende und Tage zusammen, wie von dem mächtigen Schicksal in den magischen Kreis gefesselt, den der gefährliche Zauber der Sinne um sie gezogen hatte. Sie sassen gegeneinander, als stände ein drohender Todesengel zwischen ihnen, als sässen sie vor einem Abgrunde, den die bezauberte Einbildungskraft mit einem glänzenden Nebel ausfüllt und aus dem Gespenster aufsteigen, wenn man ihm nahet. Doch über dem Abgrunde, dem grab der Tugend, der Pflicht, des Glückes, verdickte sich der Zauberdunst immer mehr, verhüllte immer mehr den Todesengel vor den entflammten Sinnen der Vermessenen, der Verblendeten. Der Anblick der immer Kämpfenden stellte Ferdinand zwischen Leben und Tod. In einer Sekunde, da ihre Blicke sich begegneten und ihre Herzen und Seelen sich in diesen Blicken gegeneinander öffneten und ihr ein laut entfuhr, als löse sich ihr Leben auf, lag Ferdinand auf den Knien vor ihr und drängte gewaltsam sein Haupt an ihren Busen. Die Lippen des Unglücklichen berührten ihre Lippen und lösten das heilige Siegel der Pflicht.

In diesem Augenblick öffnete der kleine Franz hastig die Tür, streckte sein blondes, liebliches Köpfchen herein und rief freudig:

"Der Papa kommt!"

Das Mädchen hatte ihn mit diesem Zuruf von einem gefährlichen Spiel abhalten wollen, er glaubte es wirklich und lief, seiner Mutter die freudige Nachricht zu verkündigen.

Kaum vernahm Ferdinand seine stimme, kaum erblickte er das unschuldige, heitere Bild seines Freundes, als er wütend auffuhr und hastig nach der Tür sprang. Der Knabe erschrak vor dem Blicke des Wütenden, er floh und fuhr in der Angst gewaltsam mit der Brust gegen die scharfe Ecke des Klaviers. Er stürzte zu Boden. Ferdinand raffte ihn auf, Amalie eilte hinzu. Aus dem mund des Knaben floss Blut.

Schmeichelnd sagte Franz: "Es ist nichts, Mama, erschrecken Sie nicht."

Ferdinand zerschlug seine Stirne. Amalie sah starr vor sich hin. Ihre Augen begleiteten das Blut, das aus dem mund des lieblichen Kindes floss.

Ferdinand rief um hülfe. Man eilte hinzudas Blut hörte auf zu fliessen, und man trug den bleichen Knaben in ein Nebenzimmer auf den Sofa.

Amalie stand noch immer mit Ferdinand vor dem Blute. Plötzlich fasste sie seine Hand und sagte mit einem dumpfen, lispelnden Tone, indem sie mit ausgestrecktem Finger auf den Boden zeigte:

"Blicken Sie nur dahin auf dieses Blut! Sehen Sie diese Purpurtropfen nur an, die dem unschuldigsten Herzen entflossen, es sind die ersten Früchte des Verbrechenssie reifen schnell!"

FERDINAND: Sie töten mich, da ich kaum noch lebeEs war Zufall und wird nicht von Folgen sein.

AMALIE: Es wird von grossen Folgen seinUnd Zufall? Zufall nennen Sie dieses? Wenn dieses Zufall istgegen Himmel blickendwas bist dann du? Oh, so war es denn auch Zufall, dass ich einst einige Worte hören musste, die an den Ohren aller andern Horchenden ohne wirkung vorüberflogen und die nur hier so anschlugen, dass ihr laut mir immer fortklang und der blick, der sie begleitete, nie wieder aus meiner Seele verschwindet. Ich weiss nun nicht mehr, was ich bin, ich weiss nicht, was Zufall ist; denn ich fühle nur, dass Sie dieses da durch mich, und ich durch Sie, getan habe. Und Sie sagen noch, es werde nicht von Folgen sein? – Ferdinand, solcher Tropfen, wie diese