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er: "Nimm mich mit, Papa! Du weisst, der Grossvater liebt mich, und wenn er krank ist, will ich bei ihm sitzen, wie ich bei der Mama sitze, wenn ihr nicht wohl ist."

Ernst sagte ihm, das ginge nicht an, und führte ihn zu seiner Mutter. Dann wendete er sich zu Amalien:

"Alles das, was mein Glück auf Erden ausmacht, verlasse ich heute zum erstenmal."

Der Knabe schrie nun heftiger: "Nimm mich mit, Papa!"

Der Abschied war von Amaliens Seite düster, traurig, von seiten Ferdinands leidenschaftlich, beklommen. Ernst riss sich ohne Worte aus Amaliens Armenund als er Amalien mit der einen Hand und Ferdinand mit der andern umfasste und in der Betäubung von dem freundschaftlichsten Gefühle beider hände ineinander legte, stürzten seine zurückgehaltnen Tränen aus seinen Augen. Er drückte Franz an sein Herz und eilte schnell weg.

12.

Ernstens letzte Beurlaubung von dem Fürsten und seine plötzliche Abreise schienen nun seinen Feinden einen Triumph zu versprechen, aber der Fürst liess sie nicht lange in diesem Wahne.

Als er den folgenden Tag in dem geheimen Rat sein Missvergnügen und seinen Kummer über das Betragen des versammelten Adels zeigte, entschuldigte sich jeder der Gegenwärtigen mit dem Vorwande, Ernst habe durch seine Heftigkeit, durch seine Anmassungen, seine beleidigenden Vorwürfe die Gemüter der meisten so erbittert, dass auch den Kältesten und Verständigsten nichts anderes übrig geblieben als für jetzt zu schweigen, um in einer so wichtigen Sache das Ansehen Sr. Durchlaucht nicht auszusetzen.

Der Fürst antwortete:

"So bin denn ich und mein Ansehen es abermals, die hier dem Guten im Wege stehen mussten! Doch, meine Herren, ich kenne die Ursache von dieser zarten Gewissenhaftigkeit meines Adels nur allzu genau und weiss, was Sie zu beschützen suchen, indem Sie meine Macht zu beschützen vorgeben; und darum kann ich Ihnen nicht dafür danken, wie Sie vielleicht wohl gar erwarteten. Auch weiss ich sehr wohl, wie sanft und gesetzt Herr von Falkenburg anfangs gesprochen hat. Aber er sprach zu Schweigendenzu Schweigenden, von denen ich Antwort forderteich, Ihr Fürst, dieses Volkes Fürst und Vater! und zwar über einen so wichtigen Punkt, dass Ihr Schweigen auch den Weisesten hätte empören müssen. Dieses Schweigen bewies nun freilich dem edlen mann, wie es auch mir beweist, dass man über meinen Antrag schon entschieden hatte, bevor man Ihnen denselben vorlas. Da sprach freilich der junge Mann ein Teutsch, das, mit vielem andern Schönen, unter uns veraltet zu sein scheint. Doch ist es gut, dass es zuzeiten noch erschallt, und diente es auch nur dazu, dass es uns den geraden, offnen, biedern Sinn unsrer Väter erklärt und zurückruft; wir würden sonst sogar die Erinnerung daran verlieren. Hätten auch sie geschwiegen, wie jetzt mein Adel schweigt, wie stände es nun mit uns!

Noch ein Wort, und dann entlass ich Sie für heute; denn ich bin wahrlich nicht gestimmt, über Kleinigkeiten nach der Form zu urteilen, da ich das Wahre, das Gute nicht erreichen kann.

Ich stelle das Schweigen meines Adels zwischen Gott, mein Volk und mich!"

13.

Als Ernst in *** ankam und sich bei dem kommandierenden General nach seinem Vater erkundigte, erfuhr er die Gewissheit seines Unglücks. Sein Vater war in der Schlacht geblieben; eine Kanonenkugel hatte ihn in dem Augenblick getötet, da er mit einem Bataillon eine feindliche Schanze ersteigen wollte, die schon einigemal vergebens und mit grossem Verluste angegriffen worden war. Da der Feind das Schlachtfeld behauptet und die sorge für die Toten übernommen hatte, so verlor Ernst auch den einzigen letzten Trost, bei dem grab seines Vaters zu weinen. Er verschwand ihm in die Geisterwelt, ohne für ihn eine Stätte der Vereinigung auf Erden zu hinterlassen. Der General, welcher den schrecklichen Eindruck dieser Nachricht auf ihn bemerkte, sagte:

"Ihr Verlust ist unersetzlich, und Worte können Sie jetzt nicht trösten, aber zum Nachruhm Ihres Vaters muss ich Ihnen sagen: wenn Teutschland viele Männer seinesgleichen hätte, so ständen wir nicht, wo wir stehen. Uns fehlt der Geist, der ihn beseelte; und nur durch diesen vermöchten wir jene Scharen zu besiegen."

Aber in seinem haus, da, wo er nach seinem Verluste, in der Lage, in welche seine edlen Gesinnungen für seinen Fürsten, seine aufrichtigen Bemühungen für sein Vaterland ihn nach und nach geführt hatten, Trost und Ersatz erwartete, da entschied sich, eben in diesem für ihn so schmerzvollen Augenblick, sein Schicksal auf das schrecklichste. Seine Ruhe war schon ermordet, alle Blüten seines jugendlichen Traumes, seines schönen Lebens verdorret und zertreten. Die Quelle seines Glücks, welche ihm die Reinheit seiner Tugend, die Erhabenheit seines Sinnes so zusicherte, dass er, stark in diesem Glauben, allen Schlägen des Schicksals, aller Bosheit der Menschen entgegenging, war versunken, so versunken, dass sein Auge die Spur davon nicht mehr entdecken, sein durstendes Herz an dem Abgrund, in welchen sie sich verloren hatte, vertrocknen, erstarren sollte.

Die Verachtung, der Hohn, der Hass, womit Ernstens Feinde unermüdet von ihm sprachen, die Entwürfe, die sie in ihrer Wut gegen ihn schmiedeten, die Ursachen, womit sie alles rechtfertigten, was sie taten und sprachen, machten nach und nach auf Ferdinands Herz, das in eine sträfliche, vermessene, alle Sinne verschlingende leidenschaft ganz versunken war, einen