ich dich kenne, hattest du gewiss dein ganzes Dasein gegen die glänzende Täuschung hingegeben. Die Täuschung verschwand, deine Kraft kehrte zurück, du eiltest in meine arme und fühltest, dein Leben habe noch Wert. Und kennt die Ehrbegierde Grenzen? Ist etwas, das ihren immer zunehmenden Durst stillt? Wächst sie nicht bei jeder Stufe, die du höher steigst? Ist nicht eben das, was du nicht erreichen kannst, das, wornach du dich am meisten sehnest?
FERDINAND: Ja, sie hat Grenzen in meinem Vermögen, meiner Lage, die Verhältnisse der Menschen gegen mich bestimmen sie nur allzu scharf, und keiner ist toll genug, das Unmögliche unternehmen zu wollen. Aber das Reich der Liebe ist grenzenlos, unermesslich, da gibt es keine Unmöglichkeit, hier herrscht der Mensch aus eigner Kraft, als Gott und Schöpfer. Hier öffnet er selbst die nie versiegenden Quellen seines Genusses und seines Glücks, und seine Einbildungskraft macht sie zu immer wachsenden Strömen.
Während Ferdinand dieses mit Begeisterung sagte, spielte Amalie, unterbrochen, einige Passagen auf der Laute.
Ein Bedienter kam und meldete den Sekretär des Ministers.
ERNST: Ferdinand, hätte ich dich nicht in Frankreich gesehen, ich zweifelte jetzt, ob du dort gewesen wärest. Was du uns da sagtest, sind Gefühle des einsamen in unserm Eichenwalde. Ich hoffe, auch die andern sind nicht ganz erloschen, da diese so kräftig in dir leben.
Ferdinand drückte ihm düster lächelnd die Hand. Als Ernst weggegangen war, wendete er sich zu Amalien, welche, in die letzten Töne ihrer Laute verloren, dasass, einem Träumenden gleich, der über einen entzückenden Gedanken eingeschlummert ist.
Sie schlug die Augen gegen ihn auf. (Die seinigen waren noch ganz von dem vorigen Gefühle begeistert.)
"Wie? und Sie hätten nie geliebt?"
FERDINAND: Einen Augenblick habe ich geliebt, und dieser einzige Augenblick lehrte mich alles, was ich jetzt gesagt habe.
AMALIE: Es ist ein Glück für Sie, dass es nur einen Augenblick gedauert hat.
FERDINAND: Es hätte zugleich mein letzter sein sollen, da es der grösste, der glücklichste war, den ich gelebt habe.
Amalie ergriff ihre Laute wieder. "Wo ist mein Gemahl?"
FERDINAND: Man hat ihn abgerufen.
Amalie nahm ihren Sohn bei der Hand und entfernte sich. Ernst kehrte bald zurück:
"Du hast gewiss mit deinen leidenschaftlichen Äusserungen meine Amalie entfernt?"
FERDINAND: So scheint es.
ERNST: Ich glaube es wohl. Sie kennt dich noch nicht genug, sie weiss nicht, wie deine allzu lebhafte Einbildungskraft den Herrn über dich spielt und wie sehr sie sich in verwegenen, übertriebenen Vorstellungen gefällt. Solche Beweise innerer Kraft sind für uns Männer wohl zu vertragen, aber diese zarten Seelen werden dadurch erschreckt. Jetzt fehlt es dir an edlen Gegenständen, diese Kraft zu üben. Indes sei ruhig, diese edlen Gegenstände sollen dir nicht lange fehlen. Unser Vaterland braucht Männer.
FERDINAND: Unser Vaterland? Ernst, unser Vaterland?
ERNST: Ich hoffe, wir haben eins, und morgen hoffe ich, es zu sehen, oder besser, ich wäre in einer Wildnis geboren! Du weisst, der Adel versammelt sich morgen. –
FERDINAND: Ein verlorner Morgen mehr für dich.
ERNST: Für den, der seine Pflicht erfüllt, ist er es nicht, der Erfolg sei, wie er wolle. Es tut mir nur leid, dass der Minister noch vor Tage reisen muss. Er liess es mir eben sagen, und ich eile zu ihm. Er muss eilends nach ***. So geht es den kleinen Staaten, die nur in Ruhe glücklich sind, wenn die grossen Unternehmungen wagen. Sie sollen und müssen, ob sie gleich des Schadens gewiss sind, das Spiel mitspielen und am Ende den Mächtigen zu dem auf ihre Kosten errungenen Vorteile Glück wünschen und sich höflich bedanken, dass man sie noch fortdauern lässt.
FERDINAND: Ich mag davon nichts hören. Es geschieht ihnen selten mehr als sie verdienen; und jetzt nun gar!
Mit diesen unfreundlichen Worten schied Ferdinand mürrisch von Ernsten. Das, was er von Amalien gehört und an ihr bemerkt hatte, durchglühte sein ganzes Wesen. Entzücken, Schauder, die höchste Wonne und die tiefste Erniedrigung wechselten in seinem Herzen. Noch wagte er es nicht, den Gedanken ganz auszudenken, die Möglichkeit desselben sich gegenwärtig vorzustellen. Er ging zu Renot und sagte diesem mehr, als er ihm sagen wollte, weil er kaum wusste, was er ihm sagte. Renot lächelte und stellte sich, als verstände er nicht, als sei ihm das nicht ganz klar, was Ferdinand aus seinen Bemerkungen folgerte. "Es freut mich", sagte er, "dass das Geheimnis endlich seiner Entüllung nahe ist, dass dieser hohe, auf Ida sitzende Jupiter der Prüfung so nahe steht; als ein Weiser bedarf er solcher Prüfungen und muss sie wünschen, um seine Tugend vor aller Augen zu bewähren. Ich sehe dieses als einen moralischen Versuch an, den ich nicht vergessen werde in mein Tagebuch aufzuzeichnen."
Ferdinand horchte, ohne zu hören. Einmal über das andere rief er: "Renot, es ist unmöglich! eins so unmöglich wie das andere! eins so schrecklich für mich wie das andere!"
Renot liess ihn träumen, aber seine kalten, giftigen Bemerkungen über Ernsten, sein Mitleiden mit Amalien nährten die wütenden Flammen in Ferdinands Herzen. Beim Weggehen schüttelte dieser Renots Hand und