nur jene Königsmörder können mit ihr zufrieden sein, da sie alle ihre Greueltaten mit einem Schleier decket."
Er legte hierauf Ernsten den Mord des Königs auf eine so hämische Art nahe, dass dieser, durch die Zudringlichkeit und nun wiederholte Achtlosigkeit gegen den Fürsten beleidigt, ihm antwortete:
"Ich erinnere mich in diesem Augenblick einer traurigen geschichte, die sich zu meiner Zeit in Frankreich zugetragen hat. Ein reicher Edelmann, dessen Güter an der savoyischen Grenze lagen, wollte nach Paris reisen, um seine Tochter, die in einem Kloster daselbst erzogen ward, an einen jungen Mann von Geburt und grossem Ansehen zu verheiraten. Seine Hausgenossen und Diener begleiteten ihn. Eine Bande Schleichhändler, die von dem gesetz geächtet waren, hatten ausgekundschaftet, dass er einen grossen Schatz von Edelsteinen und eine bedeutende Summe Geldes zum Schmuck und zur Aussteuer seiner geliebten, einzigen Tochter mit sich führte. Sie überfielen ihn. Seine Hausgenossen und Diener, die er so lange wohlgehalten und die sich in seinem Dienste bereichert hatten, verliessen ihn, um sich zu retten. Der Edelmann ward beraubt und dann ermordet. Wahr ist es, seine Getreuen eilten, was sie nur konnten, nach den nächsten Dörfern, um hülfe aufzubieten."
Jetzt herrschte ein tiefes Schweigen. Man sah einander einen Augenblick an, die Ausgewanderten blickten auf ihre Teller – Der Fürst hob die Tafel auf.
Ernst sagte Ferdinanden weiter kein Wort über das Geschehene, und Ferdinands Gemüt wurde dadurch nur noch mehr erbittert. Er hielt Ernsten nun für das, was Renot in seiner Schilderung aus ihm gemacht hatte, und dieser Gedanke ward durch ein Gefühl verstärkt, das er sich noch nicht zu gestehen wagte.
9.
In dieser Stimmung war Ferdinand, als sich eines Abends zwischen ihm und Ernsten das Gespräch auf die teutsche Literatur wendete. Amalie war gegenwärtig und die Unterredung hatte lange gedauert, bevor sie, dem Anscheine nach zufällig, Ferdinanden fragte:
"Sagen Sie mir doch, Herr von ***, hat der Roman, der einst einen so starken Eindruck auf Sie machte, auch in Frankreich einige wirkung getan? So viel ich weiss, ward er übersetzt. Ich erinnere mich, dass Sie damals ganz bereit waren, für die erste beste Dame zu sterben. Doch Sie haben dieses wohl längst vergessen."
Ferdinand fuhr bei dieser unerwarteten Frage so zusammen, als berührte eine Flamme sein Herz. Seine Wangen, seine Augen glühten, dann schoss Frost durch seine Glieder, und erst nach einigen Sekunden konnte er antworten:
"Ja, ich erinnere mich daran und werde es nie vergessen."
Nun senkten sich Amaliens Augen, und erst jetzt fühlte sie, was sie getan hatte. Ernst, der mit Franzens blonden Locken spielte, sagte nun:
"In dem land, worin Ferdinand seitdem gelebt hat, schien eine solche Liebe Raserei, war längst aus der Mode, oder man stellte sie nur aus, um in dieser oder jener Absicht aufsehen zu erregen."
AMALIE: Das war ein Glück für Ihren Freund, sonst hätten wir ihn schwerlich wiedergesehen. Sie erinnern sich doch, mit welchem Feuer er sich dem schönen tod vor unsern Augen weihte? Gut, dass nun die Gefahr vorüber ist!
FERDINAND: vorüber? Vielleicht! Bisher fand ich indes nicht, dass die Empfindung, deren ich mich von meiner Jugend her bewusst bin und immer bewusst war, schwächer geworden sei; sie ist vielmehr zu einer leidenschaft geworden, deren Bekämpfung alle meine Kraft erfordert. Freilich ist dieses nun eine der Leidenschaften, über welche wir wenig oder nichts vermögen, da sie schon lange unser Meister ist, wenn wir sie gewahr werden. Indes habe ich nichts mehr für mich zu fürchten – in meiner Lage gleich ich auch hierin einem schmutzigen Bettler, der sich an den Tisch der Erdengötter drängt.
ERNST: Welche sonderbare Wendung du nun wieder diesem Scherze gibst!
FERDINAND: Dieser Scherz macht, dass ich mein Nichts am empfindlichsten fühle, dies ist es alles. Und sage, würde dieses nun nicht trotz Hadems weisen Lehren ein süsser, wünschenswerter Tod für mich sein? Gibt es einen schönern für den Menschen als, von den Flammen seines eignen Herzens verzehrt, zu sterben? Ich rede dir Wahnsinn und werde mir selbst zum Gelächter. Das Opfer eines von dem Schicksal Zertretnen ist ja keiner Träne wert, und darauf rechnet man doch, wenn man es darbringt; wenigstens hofft man auf eine Träne aus den Augen derjenigen, für die man sich opfert. Aber wer forderte ein solches Opfer von einem Unglücklichen! Wer möchte es annehmen! Jetzt freilich, Amalie, wäre die Wiederholung jener Worte Torheit, die Tat selbst würde man nur belachen. Und doch, ist es nicht die Liebe allein, die dem Menschen ohne Mass und Grenze gegeben ward, da er hier nach der Kraft seines Herzens so ganz sein Herr ist, dass selbst das alles vermögende Schicksal in diesem Zustande nichts über ihn vermag? Alle unsre andern Gefühle und Gedanken sind beschränkt, gemessen, auf unser eigenes Selbst gekehrt, hier nur fühlen wir uns ganz in dem Dasein eines andern. Und drängt uns der Gegenstand unsrer Liebe endlich gewaltsam auf uns selbst zurück, so ist es natürlich, dass man ganz zerfällt, da einem zurückgegeben wird, was man nicht mehr brauchen, nicht mehr ertragen kann.
ERNST: Diese Empfindungen sind so wild als dunkel. Sonderbarer Mensch, du sagtest, du habest das Ziel des Ruhms erreicht, es schon festgehalten; und wie