beleidigt und jede Hoffnung, sein Glück wiederherzustellen, zertrümmert hatte, waren stärker als die Freundschaft, die er jetzt noch für Ernsten – nicht fühlte, sondern nur zu fühlen glaubte. Die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen war zu gross, als dass ein Mensch von Ferdinands denkart einen Mann, der ihm diese Verschiedenheit so merklich zu seinem Nachteile zeigte, herzlich lieben konnte. Denn so verderbt auch seine Einbildungskraft durch Renots Lehren, durch den fernern Umgang mit Menschen dieser Art und durch sein eigenes bisheriges Leben war, so fühlte doch sein Herz, Ernst sei auf dem rechten Wege, nur er habe die wahre Würde des Menschen nicht allein errungen, sondern auch rein erhalten. Und wenn er sich dieses auch nicht laut gestand, so zeigte es doch sein Betragen gegen Ernst. Aber die Meinung, die er jetzt von ihm fasste, erregte seinen Unwillen. Sah er ihn vorher als einen edlen, gutmütigen Schwärmer an, so hielt er ihn jetzt für einen gefährlichen, und dieses rechtfertigte die Vorurteile seiner Feinde gegen ihn vor seinen verblendeten Augen.
Einige Tage nach dieser Unterredung gab er Ernsten an der Tafel des Fürsten einen Beweis von seiner jetzigen Stimmung gegen ihn, den Ernst von ihm am wenigsten erwartete. Es befanden sich einige neu angekommene Ausgewanderte an der Tafel, und bald drehete sich die ganze Unterhaltung um ihr Schicksal und die begebenheiten, welche es veranlasst hatten. Gegen das Ende der Tafel erzählte ein Greis sein und seiner Familie Unglück. Es war schrecklich, erschütternd, Ernst wurde bis in das Innerste seiner Seele bewegt, er sah auf die Silberlocken des Alten, der allein von einer zahlreichen blühenden Familie dem tod, den alle andern gelitten, durch eine Art von Wunder entgangen war und nun in diesem Gefühl, unter diesem peinlichen Bewusstsein, mit diesem Erinnern die schwere Bürde des geretteten Lebens trug. Ernstens Augen waren feucht, er sass ganz in dieser Empfindung versunken, als plötzlich Ferdinand ihn anblickte und ihm französisch zurief:
"Und wie gefällt nun dieses dem Jupiter Olympius?"
Ernst schwieg und glaubte, Ferdinand würde durch sein Schweigen zu sich kommen, aber dieser forderte ihn noch stärker auf und erklärte sogar den Anwesenden den Sinn seiner Frage.
Ernst antwortete:
"Was soll ich sagen, da der über uns schweigt – er, der nach eurem Glauben alles dieses vorhersah, der nach eurem Glauben das Menschengeschlecht leitet.
"Es herrschte jetzt eine grosse Stille an der Tafel, und Ernst nahm nochmals das Wort:
"Dächte ich nicht so, die Ereignisse unsrer Tage hätten mich längst um den Verstand – aber vorher um etwas noch Kostbareres gebracht."
Keiner an der Tafel schien dieses zu verstehen, ausgenommen der Fürst und der Minister, deren Blicke zu gleicher Zeit den seinigen begegneten.
Ernst fuhr fort: "Ich habe über diesen Gegenstand eine Handschrift gelesen, eine Art von Gedicht, das vielleicht mit der Zeit erscheinen wird. Die Erde und die Hölle sind der Schauplatz. Alles ist in wildem, gärendem Aufruhr, nur der Himmel schweigt – nur zwischen ihm und dem klagenden, bebenden, blutenden Menschengeschlechte scheint ein undurchdringliches Gewölbe befestigt, durch welches das Winseln, das Jammern nicht dringen kann. Der schlafende Genius der Menschheit erwacht bei den ersten Erscheinungen. Es scheint ihm, als habe die Zeit ihm die von dem Wahne und der Torheit gefesselten Flügel leise aufgelöst, und freudig und kräftig dehnt er sie aus. Schon schwebt er empor, um Zeuge des schönen Schauspiels zu sein; als sich aber nun die Szene so fürchterlich ändert und er die ungeheuren Taten sieht und über das ganze Menschengeschlecht trauert, erhebt er sich himmelwärts, um vor den Tron des verhüllten Ewigen zu treten und ihn zu fragen, was der verborgene Zweck des Ewigen mit diesem Geschlechte sei, das auf diesem Wege, durch diese Mittel die höhere entwicklung seiner Bestimmung suche.
Er sucht den Verhüllten, schwebt von Welten zu Welten, immer fragend: Wo ist er? Die grossen, die ungeheuren, die schrecklichen Taten und Verbrechen dauern auf der Erde fort – Nun steht er, am Ende des Gedichts, an dem Ziele seiner Reise. Der Glanz, der von dem Trone des Ewigen ausgeht, leuchtet durch den Äter, verklärt das Angesicht des traurigen, bebenden Genius. Nun betritt er die goldnen Wolken vor dem Trone des Verhüllten. Seine zitternden Lippen sprechen die Frage aus – anbetend harrt er auf die Antwort, und eine Stille, ein Schweigen herrscht durch die Himmel wie an dem ersten Schöpfungstage. Mit diesen Worten endet die Handschrift."
DER FÜRST: Der Sinn dieses Schweigens ist fürchterlich.
ERNST: Mir ist er es nicht, mir scheint er erhaben zu sein und die Anerkennung der eignen Würde des Menschen zu entalten. Der Ewige sollte durch laute Erklärung das Gefühl der Selbstständigkeit, auf welcher unser moralischer Wert beruhet, nicht erschüttern. Sein Schweigen rettet unser Verdienst, es deutet auf Licht jenseits des Grabes. Wir müssen an den hohen Zweck unsrer Bestimmung glauben, damit wir ihrer wert seien. Die ganze Wendung missfiel Ferdinanden, und zwar umso mehr, da er in den Augen des Fürsten Beifall wahrnahm und der Minister ihn durch seine Blicke zu fragen schien, wie er, ein Freund Ernstens, an dieser Stelle zu dieser unerwarteten, so leidenschaftlich ausgesprochenen Frage gekommen sei?
Ernst sah ihn freundlich an und hoffte, das Gespräch über diesen Gegenstand würde nun zu Ende sein, als ein junger französischer Edelmann sagte:
"Die Erklärung wie die Dichtung scheint mir mystisch, und