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"Verstehen Sie nur! Ich will darum gar nicht, dass Ernst eigentlich so wie dieser arme Ferdinand werden soll. Ernst soll fühlen, was er ist, was aus ihm wird, was ihn erwartet. Ferdinand ist ein armer Waise, der sein Glück machen muss; und ein solcher Mensch kann nie artig genug sein. Was ich eigentlich wollte, wäre, dass Ernst zuzeiten zeigte, auch er könnte es sein, wenn es ihm so gefiele. Dadurch, lieber Herr Hadem, unterscheidet sich der Mann von stand, dessen Glück und Ansehen gewiss ist, von dem, der beides noch suchen muss: der eine tut alles, weil es ihm so gefällt, und der andere, weil er muss. Hätte Ferdinand zu hoffen, was mein Neffe zu hoffen hat, so sagte ich, er tut zu viel; und nun sage ich, er kann nicht genug tun.
Und sehen Sie doch nur! Die natur hat das, was ich sage, selbst in den beiden jungen Leuten angedeutet. Bemerken Sie nur den schönen, schlanken, kühnen Wuchs Ferdinands! seine feurigen schwarzen Augen! seine anlockende Gesichtsfarbe! sein Feuer, seine Lebhaftigkeit, sein einschmeichelndes, immer zuvorkommendes, lächelndes Wesen! Da steht der Abenteurer, der Wagehals, ganz ausgerüstet zum Kampfe mit der Glücksgöttin. Es wird ihm nicht fehlen, glauben Sie mir. Und nun mein Neffe – man kann eigentlich nicht sagen, dass er schön sei; aber er ist mehr als schön, er hat etwas Feierliches, etwas eigenes, ihn von allen Unterscheidendes an sich, etwas, das mehr auf die Seele als auf die Augen wirkt – und da liegt ja der Unterschied, den ich bemerkte. Ferdinand wird den Weibern gefallen, und das kann ihm nützlich sein; Ernst verständigen Männern – und den Weibern, wenn er will!"
Hadem schwieg nach diesen ihm unerwarteten Äusserungen, und der Präsident legte ihm sein Schweigen als Bescheidenheit aus, in seinen Augen das Hauptverdienst an Leuten ohne Stand.
Hadem liess Ernsten gehen und nutzte jede sich darbietende gelegenheit, Ferdinands gereizte Eitelkeit zu mässigen.
In dem haus des Präsidenten versammelten sich der Hof und die Angesehensten der Stadt. Seine zwei Töchter und sein Sohn empfingen von ihrer Seite die fräulein und jungen Herren mit ihren Gouvernanten und Gouverneuren und übten sich in ihren Zimmern in den Rollen, die in dem grossen Gesellschaftssaale gespielt wurden. natürlich musste Hadem mit seinen Zöglingen dieser Versammlung beiwohnen. Ernst hörte und sah zwar, aber er schien nur zu träumen bei dem, was er hörte und sah; Ferdinand hingegen war hier ganz in seinem Elemente.
Zum erstenmal hörten sie jetzt von Romanen und wunderbaren begebenheiten reden; und als die junge Gesellschaft ihre Unwissenheit in einer so wichtigen Sache entdeckte, erstaunte man, bedauerte und liess es sich sehr angelegen sein, sie mit dieser nötigen Kenntnis zu bereichern. Hadem sah die Unmöglichkeit ein, seine Zöglinge vor einem Übel zu bewahren, das alle Stände unsers Zeitalters ergriffen hat. Man gab den Jünglingen die Romane des Tages. Ferdinand verschlang sie; Ernst, dem ein Wunderbares andrer und höherer Art vorschwebte, konnte das Wesen, Leben, Handeln und Denken der Menschen in denselben gar nicht begreifen und würde von aller weiteren Neugierde auf immer geheilt worden sein, wenn ihm die Tochter des Präsidenten nicht einen gegeben hätte, der sein Herz zerriss, ausdehnte und seine Seele folterte, spannte, erhob, niederdrückte und zermalmte. Wer kennt nicht die feurigste, vollendetste Darstellung des heutigen Genius?
Auch Ferdinand las diesen Roman, und seine Einbildungskraft entbrannte so gewaltig, dass er von diesem Augenblick nichts Grösseres, Erhabneres und Nachahmungswürdigeres kannte als die Lage dieses jungen Helden, sein patetisches Ende, das er als ein Opfer hoher Tugend für ein Geschlecht ansah, für welches man nach seiner jetzigen Stimmung nichts weniger tun könnte. Alles, was sonst so tief, stark und schön Gedachtes und Gefühltes über Menschen, Schicksal und natur darin lag und was einen so mächtigen Eindruck auf Ernsten machte, entwischte ihm.
natürlich ward nun dieses der Hauptgegenstand der ersten Unterhaltung in dem jugendlichen Kreise. Ferdinand malte seine Gefühle mit den stärksten und lebhaftesten Farben und fand in den jungen fräulein um sich her, die sich als den Gegenstand seiner Begeistrung und seines Heldenmuts ansahen, sehr aufmerksame und gespannte Zuhörerinnen. Begeistert rief er, indem er seine feurigen schwarzen Augen gegen Amalien, die dreizehnjährige Tochter des Ministers ***, eins der reizendsten Geschöpfe, wendete: "Oh, es muss ein süsser, erhabener Tod sein, für seine Geliebte zu sterben! Ich wünsche mir ihn!"
Keine der Zuhörerinnen widersprach, und nur einige Junker, die schon weiter in der Erfahrung gekommen waren, lächelten. Amalie errötete sanft, und die Tochter des Präsidenten fragte Ernsten, in dessen Augen sie ein ihr fremdes Gefühl zu bemerken glaubte, was er davon dächte. Er antwortete gelassen, indem sein blick auf eben diese reizende Amalie fiel: "Ich schlage des Mannes Bestimmung höher an."
Alles schwieg, und Amaliens Wangen färbten sich höher. Ein blick schoss unter ihren langen Augenwimpern auf Ernsten hervor, dann sah sie gegen den Boden.
Hadem trat nun näher und sprach:
"Ich höre Ihnen wirklich mit Verwunderung zu und kann gar nicht begreifen, wie junge Leute, die weder den Wert des Lebens noch die Bestimmung des Menschen kennen, sich anmassen, über Dinge zu reden, die ihnen ebenso fremd als dunkel sein sollten. Da es aber nun einmal so